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Gegenstand und Ziel

Der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen untersucht das Verhältnis von Performativität und Textualität sowie die Funktionen und Bedeutungen des Performativen in den großen europäischen Kommunikationsumbrüchen im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne.

"Entdeckung" des Performativen

In den Kulturwissenschaften (d.h. den Geistes- und Sozialwissenschaften) hat sich in den letzten Jahren ein Wechsel der Forschungsperspektiven angebahnt. Bis in die späten achtziger Jahre dominierte die Erklärungsmetapher "Kultur als Text", das heißt, Kultur insgesamt wie auch einzelne kulturelle Phänomene wurden als strukturierter Zusammenhang von Einzelelementen aufgefaßt, denen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden können. Eine Leistung dieser Forschungsrichtungen, die mit textwissenschaftlichen Methoden arbeiten, besteht vor allem in der Erweiterung und Öffnung des Gegenstandsbereichs. Dessen Betrachtung bleibt indessen weitgehend statisch.
Wird hingegen die Performativität von Kultur in den Blick gerückt, verlagert sich das Interesse auf die Tätigkeiten des Produzierens, Herstellens, Machens und auf die Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen und Dynamiken, die Akteure und kulturelle Ereignisse ausmachen. Die Fruchtbarkeit dieses Perspektivenwechsels erweist sich seit einigen Jahren in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Theaterwissenschaft, der Diskursanalyse, der Ethnologie, der Soziologie, der (Sprach-)Philosophie, der Linguistik, den Literatur- und Medienwissenschaften, der Psychologie oder der Pädagogik. Weitere, partiell sich mit dem Konzept der Performativität überlappende Begriffe, die einen veränderten Blick auf Kulturen und kulturelle Phänomene anzeigen, sind: Inszenierung, Spiel, Maskerade, Spektakuläres sowie eine Betonung der Materialität, Medialität und interaktiven Prozeßhaftigkeit kultureller Handlungen.

Das Spannungsverhältnis von Performativität und Textualität

Der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen reagiert auf den sich andeutenden Wechsel der Forschungsperspektiven vom "Text-Modell" zum "Performance-Modell". Er geht jedoch nicht von einer starren Opposition zwischen beiden Modellen aus, sondern fokussiert stärker das Austausch-, Spannungs- und Oszillationsverhältnis zwischen ihnen, und er setzt der etablierten Betonung des Referentiellen eine stärkere Fokussierung auf das Performative entgegen.

Performativität als neue Perspektive

In der Perspektive des Performativen sind es nicht mehr nur Gegenstände, Monumente und Kunstwerke, die als Repräsentationen einer Kultur und deren Selbstverständnis betrachtet werden, sondern dynamische Prozesse (sowohl zwischen den Menschen als auch zwischen den Menschen und ihrer Umgebung), in denen sie hergestellt und verwendet werden. Der Körper erscheint als Material und Medium von Handlungsvollzügen. Die etablierte Fixierung auf das Telos einer Handlung und auf das zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegende Resultat weicht der Betrachtung einer Zeitdauer in einem komplexen, sich ständig verändernden Zusammenhang. Ins Zentrum des Interesses tritt darüber hinaus die Beziehung zwischen den jeweiligen Akteuren und dem Publikum, das selbst zum - mehr oder weniger aktiven - Teilnehmer geworden ist.

Performativität als konstitutives Merkmal von Kulturen

Aktuelle Forschungsergebnisse in der Ethnologie, der Theaterwissenschaft, der Philosophie und anderen Disziplinen legen eine Neubewertung und Neugewichtung des Performativen gegenüber dem Referentiellen nahe. Aufgrund dieser Forschungen ist davon auszugehen, daß nicht nur außereuropäische Kulturen sowie die europäischen Volkskulturen, zu deren Erforschung schon früh performative Erklärungsmodelle gewählt worden waren, sich maßgeblich in und durch performative Prozesse konstituieren, sondern daß dies auch für europäische Kulturen insgesamt und insbesondere für die sogenannte "Kultur der Eliten" zutrifft. Angesichts dieses Befundes müssen zwangsläufig die bislang geltenden Forschungspositionen zu den Problemfeldern Identität, Repräsentation, Körper- und Selbstbild, Raum- und Zeitvorstellungen, kulturelle Normen und Werte u.a. überprüft werden.

Das Performative als Herausforderung für die Wissenschaft

Zwar wurde die Bedeutung performativer Prozesse in der europäischen Kultur immer wieder thematisiert. Doch entwickelte sich keine systematische Forschung. Denn Performativität ist ein Phänomen, das methodisch nicht leicht zu handhaben ist und das sich wissenschaftlichen Ansprüchen auf systematische Analyse, auf Überprüfbarkeit oder auf Wiederholbarkeit und Konstanz entzieht. Insofern scheint die Betonung des performativen Aushandelns und Herstellens von Kultur nicht nur ein grundlegend gewandeltes Verständnis von Kultur anzuzeigen, sondern zugleich auch eine modifizierte Auffassung von der Verfaßtheit und den Zielen kulturwissenschaftlicher Forschung.
Der mit dem Performativitäts-Modell eingeleitete Wechsel der Forschungsgegenstände und Forschungsperspektiven impliziert mithin eine Veränderung der Forschungsstrategien. Als zentrale Herausforderung gilt dabei die Frage, wie textwissenschaftliche Methoden und Verfahrensweisen mit 'performativitätsorientierten' Zielsetzungen und Ansätzen vermittelt werden können. Damit strebt der Sonderforschungsbereich vor allem zwei methodische Neuerungen an: zum einen eine Veränderung der Textwissenschaften nicht bloß im Sinne einer Erweiterung und Pluralisierung der Lesarten, sondern im Sinne einer grundlegenden Veränderung der Zu- und Umgangsweisen mit den Gegenständen; zum anderen eine auf das Spannungsverhältnis von Textualität und Performativität fokussierte methodische Grundlegung kulturwissenschaftlicher Forschung.

Untersuchungsschwerpunkte

Es erscheint sinnvoll, die Relation von Performativität und Textualität in Konstellationen zu untersuchen, in denen die Kommunikationsverhältnisse einen Umbruch erfahren und mithin die Bedingungen der Materialität und Medialität von Kommunikation veränderte Vorgaben für Performativität und Textualität schaffen.
Die erste Umbruchsituation, die der Sonderforschungsbereich untersucht, stellt der Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit dar. In diesem Zusammenhang sind vor allem drei entscheidende Veränderungen der Kommunikationsverhältnisse zu nennen: die Verschriftlichung der Volkssprachen, die ihren ersten Höhepunkt im 12. Jahrhundert erreicht, die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert sowie die Wieder-Entdeckung und Verbreitung antiker Autoritäten.
Die zweite wichtige Umbruchsituation ist mit der Entwicklung der neuen Medien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gegeben. Hier fragt der Sonderforschungsbereich unter anderem danach, wie diese Kommunikationsveränderungen auf die "alten Medien" wie Theater, Musik, bildende Kunst und Literatur zurückwirken.
Die beiden großen Untersuchungsschwerpunkte des Sonderforschungsbereichs sind insofern aufeinander bezogen, als sich in der Phase vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit konstatieren läßt, daß das Spannungsverhältnis von Performativität und Textualität nicht zuletzt aufgrund medialer Neuerungen in eine Dominanz von Textualität überführt wurde. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert scheint sich ein gegenläufiger Prozeß anzudeuten: Wiederum ist es die Entwicklung neuer Medien, die maßgeblich dazu beiträgt, daß die Dominanz von Textualität durchbrochen wird und in verschiedensten kulturellen Bereichen Performativierungsschübe zu verzeichnen sind.