A1 Repräsentation und Kinästhetik II – Deixis und Lage

VORHABEN:

Abstract zum Gesamtprojekt:
Höfische Repräsentation vollzieht sich im Zusammenspiel von Inszenierung und Nachvoll-zug, von Zeichenhaftigkeit und Präsenz, von Setzung und Aktualisierung. Sie bildet ein umfassendes Interaktionssystem, in das auch die höfische Literatur eingebettet ist, deren Poetik sich am Körper, an Visualität und Teilhabe orientiert. Während höfische Literatur so einerseits an den Modus von kinästhetischer Wahrnehmung, (affektiver) Teilhabe und körperlichem Nachvollzug anschließt, der für das rem praesentem facere prägend ist, schafft sie andererseits Wahrnehmungsangebote, die in ihrer Reichweite, ihrer zeitlichen Ausdehnung und Intensität die face-to-face-Kommunikation überbieten können. Unser Projekt fragt nach der Qualität dieser speziellen Wahrnehmungsangebote, vor allem aber danach, wie die Reziprozität höfischer Repräsentation, wie das Zuweisen und Aktualisieren einer Position, Haltung oder Perspektive in die Texte und Bilder transponiert wird. Gerade dieser Punkt hat uns auf die Zentralität zweier Begriffe verwiesen, die in der laufenden Antragsphase im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen: dem der 'Deixis‘, der die bildliche, (körper-)sprachliche, und narrative Geste meint, die die Rezeption steuert und anleitet; und dem der 'Lage‘ (Husserl), der für uns zum Ausgangspunkt werden soll, um Wahrnehmungsprozesse in ihrer Räumlichkeit und Zeitlichkeit zu beschreiben.

Rahmenprojekt (Horst Wenzel, Projektleiter):
Die enge Verbindung von Schrift und Bild weist auf eine phylogenetisch wahrscheinlich zu machende Vorgängigkeit der Gebärdensprache gegenüber der Vokalsprache zurück und auf eine darauf beruhende Funktionseinheit von Sagen und Zeigen. Etymologisch kommt dieser Zusammenhang darin zum Ausdruck, dass gr. deiknymi (ich zeige) und lat. dico (ich sage) eng verwandt sind: lat. dico, dicere heißt nach der Auskunft der einschlägigen Wörterbücher sowohl 'sagen‘ als auch 'zeigen‘. Das Sagen bleibt auf ein Zeigen angewiesen, die Sprachlichkeit kommt nicht ohne Bildlichkeit aus. Das verschriftete Wort bringt zwar den Zeigefinger der deiktischen Rede zum Verschwinden, verweist aber durch die Bedeutung von deiktischen Ausdrücken auf die Sprechsituation, ohne die das Gemeinte nicht zu entschlüsseln ist: Körpersprache und Rede werden textualisiert, der Sprecher verschwindet im Buch und wendet sich, vermittelt über Text und Bild, an seinen Adressaten. In unseren Quellen setzt sich die Kombination von Sprache und Zeigegestus als jeweils spezifischer Zusammenhang von Worten, Bildern und Beweisen fort. Das hat für die Poetik mittelalterlicher Bilder (icons), Handschriften (texts) und Bilderhandschriften (icontexts) aufschlussreiche Konsequenzen, denen wir im Blick auf beide Medien und ihre wechselseitigen Bezugnahmen nachgehen.



Unterprojekt 1: Der Leser als Augenzeuge (II): Über Grenzen der Erfahrung in höfischen Texten (Carsten Morsch; EA)
In der zurückliegenden Förderungsphase konnte vor dem Hintergrund der übergreifenden Frage nach einer 'Poetik der Sichtbarkeit und Verlebendigung‘ herausgearbeitet werden, dass gerade das Zusammenspiel von Teilhabe und Distanz, das beständige Ineinander von immersiven und reflexiven Momenten konstitutiv ist für die spezifischen Wahrnehmungsangebote, die von höfischen Texten bereitgestellt werden. Im wiederholten Aufbauen und Brechen von Wahrnehmungsroutinen werden Hörer und Leser zu bewegten Betrachtern und schließlich zu Beobachtern, die sich selbst und ihre eigene Wahrnehmung ins Auge fassen können. Von besonderer Bedeutung scheinen so immer wieder die in den höfischen Texten evozierten Erfahrungen, die gerade noch nicht und eben schon nicht mehr zu haben sind. Sie scheinen 'Grenzerfahrungen‘ zu sein.
Das Unterprojekt wird sich nun verstärkt solchen Unterbrechungen und Irritationen zuwenden: Zwei aufeinander bezogene Suchperspektiven fragen nach der Thematisierung von Unsichtbarkeit einerseits und nach unterschiedlichen Formen von Rahmungen, Rahmensetzungen und -durchbrechungen andererseits. Damit werden literarische Phänomene des Verbergens, des Zeigens und Hervorhebens untersucht, die das Zeigen selbst 'sichtbar‘ machen. Es geht also um deiktische Prozesse, die durch ein hohes Maß an Selbstreferentialität gekennzeichnet sind. Die Lagerelationen, die sie evozieren, sollen im Anschluss an die vorhergehende Antragsphase durch den Begriff der Virtualität beschrieben werden, für den das Zusammenspiel von 'Fingerzeigen‘ im Text und deren Aktualisierung durch den Rezipienten konstitutiv ist.
Die Probleme, die damit ins Zentrum geraten, zeugen von der Artistik mittelalterlicher Darstellungstechniken, ihren besonderen Leistungen und Qualitäten. Sie handeln von der Kluft zwischen Ereignissen und ihren medialen Transformationen, aber auch von den Lücken und Überschüssen, die die Kunst zwischen den Modi des Sagens und Zeigens erkundet und erzeugt, um überhaupt etwas erscheinen, aber auch grundsätzlich Unverfügbares aufscheinen zu lassen. Mit der Untersuchung der exponierten und inserierten Zeigegesten in der volkssprachigen Dichtung und durch deren Einordnung in ihre medienhistorische und literaturgeschichtliche Situation soll auch ein spezifisch mediävistischer Beitrag zu den Grenzen der (ästhetischen) Erfahrung und zur vermeintlichen 'Blindheit der Texte‘ (Mentzer) geleistet werden.



Unterprojekt 2: Der lange Blick auf die kleinen Dinge
(Christina Lechtermann; GA / Julia Plappert; EA)


Im Rahmen einer historischen Medienanthropologie werden Bild und Text nicht gegeneinander ausgespielt. 'Zeigen‘ kann so als eine grundständige Funktion beider Medien bestimmt werden (Krämer, Boehm, Belting). Im Rahmen der mittelalterlichen Kultur bieten diese, abgelöst von den zeitlichen Bindungen der Interaktion aber zugleich eingebunden in unterschiedliche Gebrauchsformen, die Möglichkeit, Details neu und einlässig in den Blick geraten zu lassen und in ganz spezifischer Weise zum Erscheinen zu bringen. Das Unterprojekt stellt die Frage danach, wie dies unter den medialen Bedingungen früher volkssprachiger Schriftlichkeit und im Kontext historischer Bildgestaltung und Blickkonvention geschieht, und welche Effekte auch auf Seiten der Rezipienten daraus resultierten. Zwei parallel laufende Zugriffe auf die Fragestellung organisieren dabei das Projekt.
Der eine versucht, systematisch der Frage nach höfischen Formen von Aufmerksamkeit, Responsivität, Intensität und Detailwahrnehmung nachzugehen und ihre Situierung in bezug auf zeitgenössische Wahrnehmungs- und Imaginationstheorien und -diskurse (attentio animi, devotio, intentio, contemplatio) zu bestimmten, wie sie monastische Praktiken aber auch Homiletik und Rhetorik zur Verfügung stellen (Lechtermann). Besonders am Beispiel von detaillierten Beschreibungen höfischen Inventars, die im Verlauf des 13. Jahrhunderts, so ein vorläufiger Befund, immer kleinteiliger werden, soll das Zusammenspiel zwischen dem Sich-Zeigen der Dinge und dem Sie-Aufspüren durch die Wahrnehmung verfolgt werden.
Der zweite Zugriff auf das Thema nimmt medienübergreifend die Darstellung eines bestimmten Details in den Blick, das als Zeichen und als Spur verstanden werden kann: nämlich die erzählte und gezeigte (manchmal auch verborgene) Wunde sowie ihre performative Herstellung und narrative (Re-)Konstruktion als Verletzung und Selbst-verletzung (Plappert). Auch diese Fragestellung bewegt sich damit im Schnittpunkt zwischen klerikaler und laikaler Kultur. Der Ansatz fokussiert also ein Motiv, das es in besonderer Weise ermöglicht, die Interferenzen von Ereignis und Index zu verfolgen. Das Projekt operiert also auf der Basis einer Materialauswahl, die schon inhaltlich durch die Figuren des Zeigens konturiert ist, die somit geeignet scheint, die Bewegungen zwischen Zeigen und Sagen als Prozesse beschreibbar zu machen. Zumindest für den klerikalen Bereich und hier zentral für die Seitenwunde Christi ist dabei zum Spätmittelalter hin eine Verschiebung zu beobachten, die von der Darstellung des Heilsereignisses zur detailgenauen Vermessung der Wunde als Zeichen verläuft.



Unterprojekt 3:
Das 'verlorene Mysterium‘. Mittelalterliche Liturgie zwischen Kult und Spiel (Christof L. Diedrichs; EA)

Während der Arbeit am Unterprojekt in den vergangenen drei Jahren hat sich erwiesen, dass zur Ermittlung der performativen Aspekte der großen, mittelalterlichen Heiltumsweisungen neben die historischen und liturgiewissenschaftlichen auch kunsthistorische Fragestellungen treten müssen: Oft sind Kunstwerke – Kirchenräume, liturgische Geräte, Bilder etc. – die einzigen Sachzeugen, die sich erhalten haben, die jedoch eine umfassendere Zugangsweise zum Ereignis der Reliquienzeigungen ermöglichen als die schriftlichen Quellen, die aus dem Umfeld der Veranstaltung stammen. Darüber hinaus wird auch die Kritik der Heiltumsweisungen, soweit sie rekonstruierbar ist, vor dem Hintergrund der neuen Fragestellung – "Heiltum als Ereignis" – neu betrachtet werden müssen.
Wie die höfische Literatur stellen die Inszenierungen der großen Reliquienzeigungen für die Teilnehmer Wahrnehmungsangebote dar, die mit Hilfe bestimmter deiktischer Signale und der gezielten Steuerung der Imagination einen geistigen Nach- und Mitvollzug ermöglichen, der bis zum konkreten Empfinden körperlicher Teilhabe führen kann. Angesichts dieser Problemkreise weitet sich die Untersuchung des Unterprojekts aus auf den performativen Charakter der Rezeption mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kunst- und Kultobjekte überhaupt, die kaum von ihren liturgischen, frömmigkeitspraktischen und funktionalen Kontexten zu trennen sind und, anders als ihre museale Präsentation in der Gegenwart erahnen lässt, den Betrachter oder Rezipienten mit Realitätsebenen in unmittelbare Berührung brachten, die heute als 'jenseitig‘ gelten, im Mittelalter aber wohl als 'eigentlich‘ und 'wirklich‘ empfunden wurden – auch wenn der für das frühere Mittelalter konstatierte Mysteriencharakter am Beginn der Neuzeit zweifellos zugunsten einer eher quantitativ orientierten Kultpraxis verloren ging.



Unterprojekt 4:
Be-Schilderungen: Heraldische Zeige-Gesten in mittelalterlicher Literatur und Kunst (Haiko Wandhoff; GA)

In Anknüpfung an das in der vorangegangenen Arbeitsphase abgeschlossene Projekt zur Ekphrasis in der Literatur des Mittelalters richtet sich das Augenmerk in der folgenden Antragsphase auf ein benachbartes Feld vormoderner Text-Bild-Transkriptionen: die Zeichenwelt der Heraldik. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts entsteht mit dem Wappenwesen in ganz Europa ein neues, visuelles Erkennungssystem, das aristokratische Identität an der Außenhaut des nun zunehmend verhüllten Adelskörpers anzeigt. Wappen können daher als Zeige-Gesten par excellence verstanden werden, die bald auch vom Körper abgelöst und in gemalten oder geschriebenen ('blasonierten‘) Aufzeichnungsmedien dargestellt werden. Dabei bildet sich eine transmediale, zunehmend formalisierte "Bilderschrift" mit speziellen Techniken der Blick- und Aufmerksamkeitslenkung aus, die seit dem 13. Jahrhundert auch die Literatur und Kunst des Mittelalters nachhaltig beeinflusst. Hier setzt das Unterprojekt an und fragt nach den Transformationen des ursprünglich körpergebundenen heraldischen Zeigens mit seinen kinästhetischen Wahrnehmungsroutinen in die imaginative Deixis literarischer und ikonographischer Texturen.


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