Projekt A 2 "Emotionalität in der Literatur des Mittelalters" (Kasten)
Im westlichen und zentralen Europa werden seit dem 12. Jahrhundert volkssprachliche Dichtungen erstmals in größerem Umfang schriftlich fixiert. Obwohl damit eine neue literarische Schriftkultur entsteht, bleibt diese - wie auch andere Bereiche der Gesellschaft - über Jahrhunderte weiterhin von Mündlichkeit und von einer face-to-face-Kommunikation bestimmt. Die Kultur des Mittelalters läßt sich daher als eine genuin performative begreifen. "Performanz" ist in der Mediävistik als Forschungsparadigma so auch bereits etabliert (z.B. durch die Untersuchung der Aufführungssituation unterschiedlicher Textsorten, vor allem der Lyrik und des geistlichen Spiels).
In dem Projekt werden andere Akzente gesetzt: Ausgehend von der Beobachtung, daß Gefühlsdarstellungen in Texten des 12. bis 15. Jahrhunderts nicht nur sprachliche, sondern auch ein auffallend breites Spektrum nonverbaler Ausdrucksformen wie Gesten und Körperinszenierungen aufweisen, ist für uns die These grundlegend, daß die Spezifik dieser bisher kaum erforschten Darstellungen mit Konzepten von Performativität herausgearbeitet werden kann.
Unter "performativ" und "Performativität" verstehen wir allgemein Handlungen oder Interaktionen, die als Vollzug, Vergegenwärtigung oder Erzeugung charakterisiert werden können. Unser Interesse gilt im besonderen Emotionen, die Handlungen und Interaktionen einerseits motivieren, sie begleiten oder aus ihnen hervorgehen und die andererseits durch eben diese Handlungen konstituiert und etabliert, aber auch reformuliert werden. Der Begriff der Emotionalität wird von uns grundsätzlich nicht substantiell verstanden; vielmehr gehen wir davon aus, daß Emotionen durch historische Praktiken und Diskurse, unter anderem geschlechtsspezifischer Art, modelliert und codiert werden. Gegenstand des Projekts sind literarische Texte als Medium solcher Gefühlscodierungen: In ihnen werden durch Appellstrukturen und Akte der Wiederholung prozeßhaft Gefühlskulturen etabliert, an denen wiederum historischer Wandel ablesbar werden kann.
Daraus ergibt sich als weitere Arbeitshypothese, daß im Zuge der Transformationsprozesse, die durch die mediengeschichtlichen Zäsuren der Verschriftlichung der Volkssprachen und der Erfindung des Buchdrucks eingeleitet werden, sich nicht nur die Relation von Performativität und Textualität verschiebt, sondern sich auch die Formen literarischer Darstellungen von Emotionalität in signifikanter Weise wandeln. Insbesondere gilt es zu untersuchen, ob die face-to-face-Kommunikation in den Texten selbst - ebenso wie in ihrer Produktion und Rezeption - in den Hintergrund tritt oder aber im Gegenteil verstärkt dargestellt wird und eine kompensatorische Funktion übernimmt.
In dem skizzierten Rahmen von Performativität werden in den einzelnen Teilprojekten die Inszenierungen von Emotionen in Raum und Zeit, die Ritualisierung von Emotionen sowie ihre verbalen und körpersprachlichen Ausdrucksformen analysiert, und zwar auf der Ebene von Einzeltexten und Textreihen wie auch unter gattungsübergreifenden Aspekten.
Unterprojekt 1: "Performativität und Funktionswandel von Zorn in Herrscherdarstellungen” (Evamaria Freienhofer [ehemals Heisler])
Gegenstand der Untersuchung sind Entwürfe von Herrscherzorn in Texten des 12. Jahrhunderts, die sich im Grenzbereich zwischen Literatur und Historiographie ansiedeln. Das 12. Jahrhundert stellt, gerade was die Bewertung und Funktion des königlichen Zorns angeht, eine Zäsur dar (vgl. Althoff, Ira regis). War der Zorn des Königs zuvor häufig als destruktives, gottfernes Handeln angesehen worden, das es zu kontrollieren und zu regulieren galt, erfuhr er unter Friedrich Barbarossa als öffentliches Vorführen und Durchsetzen des rechtmäßigen Herrschaftsanspruchs eine Aufwertung. Diese Tendenz zeigt sich besonders in der Hofgeschichtsschreibung der Gesta Frederici Ottos von Freising und Rahewins.
Sowohl die diachrone Einordnung des Königszorns in der Geschichtswissenschaft als auch seine raren Deutungen durch die mediävistische Literaturwissenschaft gehen häufig vom Zeichencharakter dieser Emotion aus, wobei ein zwar situationsabhängiger, aber statischer Zeichenbegriff zugrunde gelegt wird. So komme Zorn innerhalb einer bestimmten Situation eine feste, eindeutige Bedeutung zu, die relativ unmissverständlich zu dechiffrieren sei (Kampfzorn offenbart Stärke und Heldenhaftigkeit, Zorn gegen Heiden spiegelt den gerechten Zorn Gottes im Herrscher wider, Zorn über Ungehorsam zeigt Autorität). Diese Analyse der Zeichenfunktion soll mithilfe der bislang erarbeiteten theoretischen Grundlagen und Leitkategorien des Gesamtprojekts (Ritualisierung, Inszenierung und Verkörperung) erweitert werden, so dass auch die dynamisierende Funktion der Emotion erfasst werden kann. Denn zorn signalisiert in den Texten nicht nur Macht, ähnlich wie andere Herrschaftszeichen (Zepter, Mantel, Krone usw.) dies tun, sondern zeigt die (Wieder-)Herstellung bzw. Infragestellung von Machtverhältnissen im Vollzug. Zorn wird dazu verwendet, Beeinträchtigungen der personalen Ehre, Statusverletzungen und Spannungen im Machtgefüge einer Gesellschaft zu begegnen. Er kann somit zur Stabilisierung gestörter sozialer Beziehungen beitragen, aber auch einen Bruch in einer scheinbar intakten sozialen Ordnung markieren oder diese destabilisieren. Deshalb spielt für die Frage nach Beschreibungsmodellen des Handlungsmusters Zorn neben den Aspekten der sinnlichen Wahrnehmbarkeit und der körpersprachlichen Ausdrucksformen vor allem der Gemeinschaftsbezug des Zorns eine Rolle.
Doch setzt Zorn in den Texten nicht nur häufig soziale Hierarchisierungsprozesse in Gang oder ist Teil von solchen, sondern ihm ist zudem eine grundlegende Ambivalenz inhärent. Diese mag auf die Vielstimmigkeit konkurrierender Ansätze zurück gehen, von denen das Diskursfeld zorn im Mittelalter bestimmt war, die es strukturierten und normierten (mittelalterliche Humoralpathologie, christliche Vorstellungen vom Zorn als Todsünde oder dem gerechten Zorn Gottes, Konzepte der politischen Theorie, philosophisch-theologische Konzeptualisierungen von Zorn). Doch soll es nicht allein darum gehen, die unterschiedlichen Diskurstraditionen in den Texten wiederzufinden. Vielmehr soll darüber hinaus gefragt werden, ob diese Ambivalenz, ja Heterogenität möglicher Zornkonzepte und -bewertungen nicht gerade für die Herrscherdarstellungen in den Einzeltexten fruchtbar gemacht wird. So ist Karls Zorn im Rolandslied eben nicht eindeutig unter Rekurs auf den gerechten Zorn Gottes zu erklären, wie dies mehrfach vorgeschlagen wurde, und auch Alexanders Zorn kann nicht auf die Funktion, seine Herrschaftsfähigkeit zu unterstreichen, reduziert werden. Vielmehr überlagern sich in allen Texten unterschiedliche Funktionen und auch Bewertungen von Zorn. Um diese genauer herauszuarbeiten, sollen angrenzende Emotionswörter wie ant, haz, nîd, grim und gram sowie andere emotionale Handlungsmuster, z. B. schame und trûren mit einbezogen und nach ihren Verbindungen, Übergängen und Abgrenzungen zu zorn befragt werden. Ein Ziel des Projektes besteht darin, die Heterogenität bzw. Ambivalenz des Herrscherzorns im 12. Jh. auf die bereits erwähnte Entwicklungstheorie zu beziehen. Es soll geklärt werden, ob diese Aspekte den für das 12. Jh. konstatierten Bruch bzw. Übergang von der Negativierung zur positiven Bewertung des Herrscherzorns markieren oder sich als grundlegendere Eigenschaften von mittelalterlichen Zornesdarstellungen erweisen. Um ein möglichst breites Spektrum von Zorn – nicht nur weltlicher, sondern auch geistlicher – Herrscherdarstellungen im 12. Jahrhundert zu erfassen, sollen neben dem historiographischen Bericht über die Taten Friedrich Barbarossas zudem das Rolandslied des Pfaffen Konrad, die Kaiserchronik, Lamprechts Alexander und der Sente Servas (sowie dessen oberdeutsche Version) in die Analyse miteinbezogen werden.
Unterprojekt 2: "Emotionalität im Minnesang" (Hendrikje Lehmann)
In den Forschungsdebatten zum deutschen Minnesang (zwischen 1170 und 1240) dominieren bereits seit einiger Zeit Fragen zu konkreten Aufführungsbedingungen und möglichen Rezeptionsmodi der Minnelieder. Dabei interessieren, neben dem Fiktionalitätsstatus der Gattung, vor allem die Konturen und möglichen Referenzialisierungen des heute nur noch in handschriftlichen Überlieferungen bezeugten "Text-Ichs".
Das Projekt knüpft an diese aktuellen Diskussionen an und setzt sich kritisch mit den Forschungsparadigmen der Performanz, des Rollencharakters von Minnesang sowie mit der sogenannten Fiktionalitätsdebatte auseinander.
Zentrales Anliegen des Projektes ist es, sich von traditionellen und in der Forschung stets wiederkehrenden Postulaten, etwa dass Minnesang als ethisch-didaktisches Modell einer laikalen Kultur zu verstehen sei, zu lösen. Der Fokus der Untersuchungen richtet sich vielmehr auf die Inszenierung(sformen) von Emotionen in dieser Gattung. Im Rekurs auf Konzepte von Performativität und Codierung geht es darum, spezifische Gestaltungsweisen von 'Gefühlswelten' dieser in einer mündlichen Kommunikationssituation verankerten Textgattung herauszuarbeiten.
Dabei wird an emotionstheoretische Überlegungen angeknüpft, welche betonen, dass die Emotionserzeugung und die Emotionscodierung von gesellschaftlichen und kulturellen Prägungen abhängt und im Schnittfeld differenter Diskurse zu verorten ist. Daraus ergibt sich eine historische Variabilität, die es aufzuzeigen gilt. Bei der Analyse mittelhochdeutscher Liebeslyrik (zu deren Vergleich auch altprovenzalische und altfranzösische Lieder herangezogen werden, um kulturelle Differenzen herauszustellen) steht die Genese einer "Sprache der Liebe" (Roland Barthes) im Zentrum, die eben gerade nicht universell ist. Sie folgt einerseits viel eher den Gattungs- und Diskurskonventionen der Zeit und ist dabei aber andererseits auch offen für Brüche, Überraschungen und Eigenheiten. Zu fragen ist, welche Emotionen die Gattung Minnesang prägen (Kategorisierung, Semantik), wie sie konzeptualisiert werden (Körper, Stimme) und vor allem mittels welcher poetischer Techniken und Strategien sie gestaltet wurden (Metaphern, Rhythmus, Metrik). Gerade die den Texten inhärente (scheinbar) ständige Wiederholung vorgegebener Muster lässt sich sowohl als Etablierung emotionaler Normierungen, als deren Vergegenwärtigung sowie als Vollzug deuten. Die sich daraus ergebende Nähe zu Formen von Ritualisierung und Habitualisierung bildet einen weiteren Untersuchungsschwerpunkt.
Da sich die Minnesang-Forschung nur zögerlich gender-orientierten Fragestellungen geöffnet hat, soll mit dem Projekt zugleich auch diesem Desiderat begegnet werden. Es wird ein Konnex zwischen inszenierten Emotionen und Geschlechteridentitäten hergestellt. Im Fokus der Betrachtung und Analyse steht die Frage, wie Emotionen in mittelalterlicher Lyrik bei der Konstituierung von Geschlechteridentitäten funktionalisiert werden. Die in den Texten als Sprecher(innen) und Sänger(innen) auftretenden 'Figuren' artikulieren und reflektieren 'Gefühlszustände' und berichten von körperlichen Symptomen sowie von emotionserzeugenden und emotionsgesteuerten Handlungen. Die mitunter analogen aber eben auch im Hinblick auf Geschlechteridentitäten unterscheidbaren Emotionsäußerungen und -handlungen werden in Abhängigkeit zu den verschiedenen Liedgattungen untersucht. Ziel ist es herauszuarbeiten, wie die Emotionsdarstellungen und Gestaltungsmodi bei der Erzeugung von gender identities funktionalisiert werden. Dabei kommt es darauf an, deutlich zu machen, wie historisch und kulturell variabel 'Geschlecht' performiert wird.
Unterprojekt 3: "Zur Relation von Emotionalität und Medialität in mittelalterlichen Texten" (Dr. des. Andrea Sieber)
Gefühlsdarstellungen in Texten des Mittelalters sind maßgeblich mit Inszenierungen von Emotionen in Bildern, Artefakten und medialen Verkörperungen verknüpft. Diese modern anmutende transdisziplinäre Verschränkung lässt sich nicht nur als Wechselwirkung zwischen Einzelmedien oder innerhalb medialer Konstellationen beschreiben, sondern schlägt sich auch als Reaktion auf mediale Koexistenzen und Synergien im historischen Textmaterial nieder.
In dem Forschungsprojekt wird dementsprechend eine bewusst doppelte Analyserichtung verfolgt: Einerseits soll auf der Darstellungsebene von Texten, Text-Bild-Kombinationen und in multimedialen Konstellationen untersucht werden, wie durch Mediengebrauch Gefühle performativ hervorgebracht und ästhetisch stilisiert werden. Andererseits stellt sich die Frage, ob und wie prototypische Emotionsszenarien selbst als 'Medien' in historischen Kommunikations- und Wahrnehmungsprozessen fungieren.
Auf der methodisch-theoretischen Ebene knüpft das Projekt an die bisherigen Kategorienbildungen zu den Aspekten der Inszenierung, Ritualisierung und Verkörperung von Gefühlen an. Außerdem wird über den Zugriff auf konkrete Emotionswirkungen das Zusammenspiel von Medialität und Performativität fokussiert. Dies lässt sich sowohl als Spur im historischen Material rekonstruieren, aber auch anhand der Einbindung von Überlieferungsträgern und Artefakten in moderne Praktiken aktuell nachvollziehen.
Unterprojekt 4: "Emotionalität und Wissen" ( Dr. des. Martin Baisch)
Das Projekt setzt beim Konzept der theoretischen Neugierde (curiositas) an. Es wird davon ausgegangen, dass Fühl- und Wissensformen nicht nur ihre spezifische Geschichte besitzen, sondern dass sie auch historisch je unterschiedlich miteinander in Verbindung treten. Neugier, Staunen und Entsetzen eignet überdies insofern ein transgressives Moment, als diese 'kognitiven Leidenschaften' (Lorraine Daston) Grenzverletzungen und –überschreitungen markieren und somit immer eine bestimmte Ordnung verletzen. Die in den erzählenden Texten formulierten Verstöße gegen spezifische Normvorstellungen vollziehen sich im Zusammenspiel von Wissen und Emotionalität und erfahren darin ebenso ihre Regulierung. Von Bedeutung scheint ferner der Sachverhalt, dass Struktur und Inhalte der genannten Gefühle davon abhängen, in welchem Umfeld weiterer Emotionen sie situiert sind, auf welches Objekt sie sich beziehen und in welchen normativen Taxonomien sie eingeordnet sind. Je nach historisch variablem Kontext changieren sie somit in ihrem Bedeutungsgehalt.
Dem Projekt wird die These zugrunde gelegt, dass fiktionale Texte als komplexe Erfahrungsfelder historisch distinkte Wissensformen darstellen, in denen durch das Zusammenspiel von Emotion und Kognition epistemologische Versuchsanordnungen bereitgestellt werden. Als Beispiel derart verstandener literarischer Wissensproduktion bieten volkssprachige Romane des 12. und 13. Jahrhunderts insofern große Erkenntnismöglichkeiten, als sie unter anderem eine ausdifferenzierte Exkurstechnik nutzen, um die Erzählhandlung im Spannungsfeld von Rationalisierungs- und Emotionalisierungsprozessen zu unterminieren wie zu überschreiten.
Struktur und Funktion der in den Texten sedimentierten Korrelation von Wissen und Emotion erschließen sich unter Rekurs auf die schon bei Foucault entwickelten Kategorien der Indexikalität und der Iteration, welche aufgrund der Ausdifferenzierung des Performativitäts-Konzept neue Bedeutung erlangt haben. Dadurch wird ein methodischer Rahmen ermöglicht, welcher die Aspekte der Medialität und der Materialität der Aussagen im Textmaterial fokussiert und derart die expliziten wie impliziten 'Indizes' oder 'Spuren' kontextueller Voraussetzungen aufspürt. Die Untersuchung solcher Praktiken der Wissensgenerierung nimmt eine Kulturgeschichte des Wissens in den Blick, indem sie die textuell vermittelten Prozesse nachzeichnet, die Wissen – in der Wechselwirkung von Emotion und Kognition – zuallererst erschaffen.
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