A3 Kulturelle Inszenierung von Gelächter in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gemeinschaften

VORHABEN:

Beschreibung des Gesamtprojekts:

Das Teilprojekt A3 widmet sich der Erforschung und Aufarbeitung der Lachkulturen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in ihrem Verhältnis von schriftlich und bildlich fixierten Zeugnissen und kulturellen Praktiken. Anders als in früheren Forschungen soll es hier nicht um ontologische Bestimmungen des Komischen, sondern um die spezifischen Aufführungs- und Inszenierungsformen des Lachens gehen. Ziel ist einerseits, die unterschiedlichen Wirkungs- und Funktionsbereiche mittelalterlicher Lachkultur präziser zu bestimmen als das bisher geschehen ist, andererseits die Perspektive auf eine Literaturgeschichte des Lachens in Mittelalter und Früher Neuzeit zu öffnen, und dies auch mit Blick auf die anderen Künste und Diskurse. Nach der Ausarbeitung einer spezifischen Heuristik des Wort- und Sprachwitzes (Facetien) einerseits und des Körperwitzes (Schwank- und Spielgattungen) andererseits in der ersten Förderphase, waren im vergangenen Bewilligungszeitraum vor allem die performativen Zusammenhänge zwischen Texten und kulturellen Praktiken des Lachens als Formen sozialer Selbstverständigung und Gemeinschaftsbildung Schwerpunkt der Untersuchungen. Im Mittelpunkt stand daher die Herausarbeitung von rituellen Dispositionen 'komischer' Texte, wie sie in den Beziehungen von theatral-karnevalesken Aufführungen des Lachens (Fastnachtspiel, Neidhartspiel, Moriskentanz, Narrenumzug, Sottie) und den rituellen Praktiken (Spott- und Rügebräuche, Charivari, öffentliche Ostentationen), in die sie eingebettet sind, greifbar werden.

Ausgehend von den Ergebnissen der ersten beiden Projektphasen sollen nun in der dritten Förderphase die sozialen Prozesse im Mittelpunkt stehen, die im gemeinsamen Gelächter angestoßen und entwickelt bzw. in Performances oder literarischen Texten inszeniert werden.
Die Frage nach dem Gelächter von Gruppen in seinem Vollzug bildet in der dritten Förderphase Ausgangs- und Zielpunkt der drei Unterprojekte.
Bei den 'Lachgemeinschaften' gehen wir zunächst von einer strukturellen Offenheit und Labilität dieses Typs von Gemeinschaft aus. Er ist von gesellschaftlichen Formationen zu unterscheiden, die aufgrund materieller und sozialer Voraussetzungen sehr viel starrer und institutioneller zu denken sind. Deshalb fallen Lachgemeinschaften nicht in jene Gruppe von Gemeinschaften, die Max Weber im Zusammenhang mit 'Gemeinschaft' und 'Vergemeinschaftung' (Weber 1922(/1985) nennt, da er Gemeinschaften an stabile Formen der subjektiv gefühlten, affektiven oder traditionellen Zusammengehörigkeit ihrer Mitglieder bindet. Demgegenüber gehen wir bei unserem Begriff von Lachgemeinschaft im Anschluss an das Konzept der performativen Gemeinschaftsbildung (Gebauer/Wulf 1998) stärker von ihrem kontingenten, nicht kalkulierbaren und fluiden Charakter aus. Lachgemeinschaften zeichnen sich – im Unterschied zu stabileren und institutionelleren Formen von Vergemeinschaftung vor allem dadurch aus, dass sie Macht und Herrschaft, Vorstellungen von moralischer, rechtlicher oder sozialer Ordnung je neu und höchst variabel hervorbringen, erzeugen, schaffen.
Trotz ihrer Offenheit folgen sie dabei aber bestimmten Regeln. Im Teilprojekt wird die Grammatik dieser Regeln, die sowohl in Performances, als auch in literarischen Texten sichtbar wird, erarbeitet. Insofern ist für das Teilprojekt das Nebeneinander von Ungeplantem und Nichtvoraussagbarem einerseits, der Orientierung an habituellen Regeln andererseits von zentraler Bedeutung. In Anwendung von performativen Konzeptionalisierungen des Lachens werden Konstitution, Funktionsweisen und Wirkungen von 'Lachgemeinschaften', wie sie in literarischen Texten, theatralen Aufführungen und rituellen Praktiken auftreten, zwischen Inszenierung und Emergenz erforscht und definiert. Zentral erscheinen die Probleme der literarischen Stilisierung dieser Gemeinschaften, des Spiels mit dem Konflikt- und Störpotential des Lachens sowie der Steuerung seiner Wirkungs- und Rezeptionsebenen. Das für Lachgemeinschaften wichtige Verhältnis von Offenheit und Institutionalisierung soll anhand von drei Paradigmen untersucht werden: dem sozialen, dem ideologischen und dem anthropologischen Paradigma.



Unterprojekte

Unterprojekt 1: Höfische Lachgemeinschaften. Spielerische Inszenierungen sozialer Ordnung in der Erzählliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit (Hans Rudolf Velten)

Mit den höfischen Lachgemeinschaften der Erzählliteratur des Mittelalters fokussiert das Unterprojekt die prominenteste Form der textuellen Inszenierung gemeinschaftlichen Lachens, das von ritterlichen und höfischen Gruppen. Hier handelt es sich nicht um das zeichenhafte und meist ambivalente Lachen Einzelner, sondern um Situationen gemeinsamen Gelächters etwa in der ritterlichen (Tafel)runde, während eines höfischen Festes (Heldenepik und Artusromane) oder zwischen dem Fürsten und seinen Begleitern (Schwänke und Schwankromane).
Das Unterprojekt stellt sich die Aufgabe, diesen Untersuchungskomplex des rituellen Lachens bei ritterlichen Gemeinschaften im spielerischen Kontext von Spott und Beschimpfung anderer sowie von Selbstrühmung und Prahlreden anzugehen. Deren Einbindung in die soziale Situation des Gelages und gemeinsamen Trinkens soll modellhaft am Subgenre des altfranzösischen 'gap' und den altnordischen Formen der Prahlrede und des Wortstreits untersucht werden, um dann im zentralen Teil der Forschungen zu Artusepik (die Keie-Figur als Vertreter des alten Heldenprahlens, der zur Zielscheibe des Spottes wird; Haupt 1971, Röcke 2001) und zur Dietrichepik (Wolfhard-Figur u.a.) überzugehen. Folgende Arbeitsschritte sind für diese Untersuchung wichtig:
- die Bestimmung der Codierungsformen von Spotten, Rühmen und Prahlen als Lachanlässe in den verschiedenen Literaturen und Gattungen. Über welchen Typ des Prahlens/Spottens wird gelacht, und von wem?
- die Untersuchung der Rolle des gemeinsamen Essens und Trinkens als Rahmen der Bildung von Lachgemeinschaften anlässlich von Trinkgelübden und Prahlreden Hier sind anthropologische und soziologische Theorien von Bedeutung (Douglas 1984 u. 1987; Raybin/Frantzen 1998)
- die Untersuchung von Ehre, Schande und Scham als durch Norm und Macht bestimmte soziale Positionen der höfischen Gemeinschaft, die sich im Spannungsfeld von Spotten und Lachen manifestieren
- die Erörterung spielerischer und Gewalt vermeidender Funktionen gemeinschaftlichen Lachens (gemeinschaftliches Lachen innerhalb von risikoreichen Spiel- und Wettrahmen)



Unterprojekt 2: Lachkultur der sociétés joyeuses im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit (Katja Gvozdeva)

Dem Unterprojekt liegt die Vorstellung der Topographie des vormodernen Lachens als einer Vielzahl von gruppenspezifisch kodierten Lachkulturen zugrunde, eine These, die sich von Bachtins Generalisierung und Abstraktion des Karnevalesken und seinem 'zwei Welten-Modell' des Lachens abgrenzt. Im Projekt werden die burlesken Vereine junger Männer als besonderer institutionalisierter Typus der Lachgemeinschaft untersucht (etwa Mère Folle von Dijon, Enfants-sans-souci von Paris oder Conards von Rouen). Hier wird das gemeinschaftskonstitutive Lachen - le rire d'accueil vs. le rire d'exclusion - (Dupréel) rituell kodiert. Das Ziel des Projektes ist es, die literarische sowie die ikonographische Komik der Epoche auf eventuelle Bezüge zur Gruppenideologie und Lachritualen dieser Institutionen zu erforschen.
Einen ersten Schwerpunkt bildet die Erarbeitung der sozioanthropologischen Grundlagen der sociétés joyeuses. Deren institutionelles Modell wird mithilfe der anthropologischen Männerforschung und historischer Studien zum Charivari als ein grundsätzlich maskulines kulturelles Konstrukt ausgearbeitet, das mittels charivaresker Lachrituale des Spotts und Prahlens der performativen Herstellung der Werte und Ansprüche von Männern im Übergangszustand zum Erwachsenwerden dient. Aus diesem Grund wird die Lachkultur der sociétés joyeuses aus der Perspektive der Politik und Ästhetik des Liminalen untersucht.
Einen zweiten Schwerpunkt bildet die Frage nach den Relationen zwischen historisch nachgewiesenen performativ-rituellen und in Bild und Text fixierten imaginären Entwürfen der Lachgemeinschaften. Ausgehend von dieser Fragestellung werden zahlreiche Lachpraktiken der sociétés joyeuses im Austauschverhältnis zwischen Performativität, Bildlichkeit und Textualität untersucht. Als Materialien dazu dienen literarische und dramatische Texte (sotties, farces, sermons joyeux, mandements joyeux, Rabelais' Gargantua und Pantagruel u.a.), Bildsammlungen (rébus, Les songes drolatiques de Pantagruel) und historische Berichte wie z.B. Les Triomphes de l'Abbaye de Conards (1540), Recueil des chevauchées de l'asne faites à Lyon en 1566 et en 1578 oder Description de l'ordre tenu en l'infanterie dijonnoise, l'année 1610.



Unterprojekt 3: Heiliges Gelächter. Faszination des Bösen und Stabilisierung religiöser Lachgemeinschaften in geistlichen Ritualen des Mittelalters (Werner Röcke)

Gelächter und Heilsgeschichte sind bislang kaum oder nur sehr vorläufig aufeinander bezogen worden. So z.B. hat Peter L. Berger (1997) nach 'Wegen zu einer Theologie des Komischen' gesucht, dabei aber das Lachen selbst theologisiert, seines kritischen und aggressiven Potentials entkleidet und sich – ohne jede historische Konkretisierung – auf allgemeinste Überlegungen zu einer 'Narrheit der Erlösung' beschränkt. Im Unterschied dazu zeichnen sich die Spielformen eines 'heiligen Gelächters' im Mittelalter dadurch aus, dass die Aggressivität, Körperlichkeit und Bösartigkeit des Gelächters nicht gemildert oder gar ins Gegenteil verkehrt werden, sondern als Form des malum sichtbar bleiben. Im Unterprojekt 3 sollen die Fragen im Mittelpunkt stehen,
- wie das Verhältnis von Heilsgeschichte und mundus perversus zu denken ist und welche Funktion dem Gelächter gegenüber der – in der Regel höchst lustvollen – Inszenierung des Bösen zukommt;
- ob und inwiefern im Verlauf des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ein Funktionswandel des 'Heiligen Gelächters' zu beobachten ist.
Diese Fragen werden an folgenden Arbeitsfeldern untersucht:
1. Das Nebeneinander von Heilsgeschichte und Gelächter stellt eines der auffälligsten Charakteristika des geistlichen Spiels im Mittelalter, insbesondere der Oster- und Weihnachtsspiele, dar. Im Anschluss an Warning (1974) und Bachtin (1979) und in Abstimmung mit dem Teilprojekt A2 sollen Funktion und Intention des 'Heiligen Gelächters' daraufhin analysiert werden,
- welcher Typus von Vergesellschaftung oder religiöser Gemeinschaft durch das gemeinsame Gelächter geschaffen wird;
- welche Unterschiede zwischen den komischen Sequenzen des geistlichen Spiels, komischen Predigten oder Kunstformen einer parodia sacra mit ihrer Verballhornung und Hybridisierung liturgischer Formeln bestehen.
2. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Funktionsmöglichkeiten der lateinischen Schwankdichtung des 12./13. Jahrhunderts, die sich – häufig wohl in klösterlichen Kontexten entstanden – ebenfalls durch eine Faszination aller nur denkbarer Formen des Bösen, des Leibes und der Gewalt auszeichnet, zugleich aber auch Möglichkeiten durchspielt, wie diese Gewalt lachend unterlaufen und auf diese Weise abgeschwächt werden kann (Unibos, Modus Liebinc, Dialogus Salomonis et Marcolphi u.a.).


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13.08.2008