A4 Dialogizität und Performanz: Die Theatralisierung kultureller Medien im frühneuzeitlichen England

VORHABEN:

Gesamtprojekt

Die Kultur der Frühen Neuzeit in England als eine Kultur des Performativen zu beschreiben, legt schon die besonders herausragende Rolle nahe, die hier das Theater – das Theater eines Marlowe, Shakespeare und Jonson – spielt: Es wird, kaum entstanden, in wenigen Dekaden zum Leitmedium der elisabethanischen Kultur und kann dabei, worauf vor allem der New Historicism insistiert hat, als herausragende symbolische Modellierung der theatricality frühneuzeitlicher Machtrepräsentationen gesehen werden, an der es selbst teilhat und die es gleichzeitig in einer performance der performance problematisierend ausstellt. Aus dieser Perspektive müssen daher neben dem Theater auch andere Medien und Gattungen – Lyrik und Versepos, Dialog und Monolog, Kartographie und Chorographie, Anatomietheater und Totentanz, Homiletik und Historiographie – ins Blickfeld genommen und daraufhin untersucht werden, wieweit auch sie am Dialogischen und Performativen des Theaters teilhaben und wie sie innerhalb höfischer, kirchlicher oder akademischer Repräsentationen von Autorität fungieren.
Die einzelnen Unterprojekte gehen von jeweils verschiedenen Forschungsständen aus und verfolgen spezifische Analysemethoden und –ziele. Gemeinsam ist ihnen jedoch, daß sie Performativität in einer fünffachen Begriffsabschattung verstehen: (1) im Sinne generativer Linguistik als prozeßhafte und kreative Aktualisierung von Kompetenz; (2) im Sinn der Sprechakttheorie als das, was man tut, indem man spricht; (3) im anthropologischen Sinn als affin mit Ritualen und Zeremonien; (4) im Sinn der ästhetischen Praktiken von performances als Inszenierung, wobei es hier vor allem um den performativen und körpersprachlichen Überschuß der inszenierten Sprache gehen soll; (5) im Sinn technologischer oder ökonomischer Diskurse als Leistungs- und Durchsetzungsvermögen in einer Konkurrenzsituation.
Die Unterprojekte unternehmen den Versuch, den performativen 'Mehrwert' in der prozeßhaften Dynamisierung und der emphatischen Körperlichkeit von Repräsentation herauszuarbeiten. Performanz ist immer auch Verkörperlichung der Sprache und Inszenierung des Körpers oder körpernaher Affekte. Damit steht aber in den einzelnen Unterprojekten die frühneuzeitliche Anthropologie vor allem in ihren Differenzierung nach race, rank/estate und gender auf dem performativen Spiel.



Unterprojekt 1, Dr. Ute Berns: Performative Figurationen von interiority in der Kultur der Frühen Neuzeit

Die englische Frühe Neuzeit entfaltet in unterschiedlichen Diskursen und Institutionen einen Topos der interiority und inwardness. (Die englische Terminologie wird angesichts der engen Assoziation des deutschen Begriffs 'Innerlichkeit' mit Pietismus, Quietismus und der Dichtung des 18. Jahrhunderts beibehalten). Ausgehend von Drama und Theater soll die Bedeutung des Performativen für die darstellerische Hervorbringung dieser interiority als Vermittlung von Innen und Außen untersucht und später in anderen Gattungen weiterverfolgt werden. Genauer wird gefragt, wie konkrete performative Figurationen spezifische Strukturen einer inwardness mitkonstituieren, die in der zeitgenössischen Kultur keinen fest umrissenen Gegenstand bildet, sondern sich in einem Prozeß der Emergenz aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Diskurse und sozialer und ästhetischer Praktiken herausbildet. Haben sich bisherige Forschungen vorrangig auf die diskursive Herstellung des Topos konzentriert, so soll hier bestimmten Grundfiguren – etwa der des körperlichen Innenraums, wie er im Anatomietheater inszeniert wird, und als Gegenstück dazu der Figur des Nach-Außen-Tretens, wie sie in der Knochengestalt des Totentanzes angelegt ist – nachgegangen werden. Analysiert wird, wie diese Grundfiguren in dramatischen und literarischen Texten in performative Figurationen überführt werden, die im Kontext von Macht und Wissen den Topos der interiority konstituieren und weiter entwickeln. Ein wichtiger Ansatzpunkt wird die Untersuchung des Bühnenmonologs sein, der sich zu einem Medium des inneren Dialogs wandelt. Die Fokussierung auf die performative Figuration soll eine strukturelle Differenzierung und Erweiterung der Konzeption frühneuzeitlicher interiority als zentralem Aspekt eines neuen Subjektbegriffs leisten und weiterreichende Emergenzeffekte in Innerlichkeitsentwürfen der Romantik aufzeigen.



Unterprojekt 2, Dr. Ralf Hertel: "Performativität und nationale Identität im englischen Drama der Frühen Neuzeit
"

Die Arbeit geht der Frage nach, wie in durchaus widersprüchlichen textuellen, visuellen und theatralischen Repräsentationen Englands im 16. Jahrhundert ein nationales Selbstbild entsteht. Dabei berücksichtigt sie Karten, bildliche Darstellungen, literarische und vor allem theatralische Inszenierungen Englands. Ihr besonderes Augenmerk gilt zum einen der Rolle, die geschlechtsspezifische Zuschreibungen bei der Ausbildung eines nationalen Selbstbewusstseins spielen. So lassen sich beispielsweise in Shakespeares Historiendramen Strategien erkennen, das Eigene mit Attributen einer kultivierten Männlichkeit zu belegen, das Fremde aber entweder mit denen des Weiblichen, oder aber einer unzivilisierten männlichen Triebhaftigkeit in Verbindung zu bringen. Dem stehen jedoch eine Reihe bildlicher Darstellungen gegenüber, in denen England als weiblich imaginiert wird. Wie sind diese geschlechtsspezifischen Zuschreibungen zu deuten, und welche Rolle spielen sie für die erwachende nationale Identität?
Zum anderen gilt das besondere Interesse der Arbeit einer auffälligen Tendenz zur Verlebendigung: Beschränkt sich die frühe Geschichtsschreibung pragmatisch auf die recht spröde formulierte Überlieferung von historischen Vorbildern oder abschreckenden Fehlentwicklungen, so zeugen spätere Chroniken von einer zunehmenden Literarisierung und Belebung der Geschichtsschreibung. In Historiendramen wie jenen Shakespeares schließlich findet diese Entwicklung in der performativen Ausstellung Englands auf der Bühne ihren Höhe- und zugleich Endpunkt. Was aber bedeutet es für das sich ausbildende nationale Selbstbewusstsein, wenn England, sein Territorium und seine Geschichte inszenatorisch zur Anschauung gebracht werden?
Die Arbeit fragt nach Motiven und Strategien der dramatischen Inszenierung der eigenen Nation. Damit thematisiert sie die Möglichkeiten und Grenzen theatraler Geschichtsdarstellung ebenso wie die Auswirkung der performativen Zurschaustellung Englands auf das emergierende Nationalbewusstsein.


| oben | Projektliste | Homepage | SUCHEN | Stand:
09.02.2007