VORHABEN:
Im bisherigen Projektverlauf ging es darum, strukturelle und funktionale Spielräume des Renaissancedialogs als einer performativen und dabei paradigmatischen Textform des epochalen Theoriediskurses auf breiter Basis zu belegen und zugleich die Dialogpraxis der Epoche mit ihren zeitgenössischen, zumeist normativen Konzeptualisierungen zu konfrontieren. Diese Untersuchungen sollen in der abschließenden Projektphase zum einen hinsichtlich eher 'irregulärer' Realisationsformen des Dialogs fortgeführt werden. Zum anderen sollen jetzt aber die epochenspezifischen Konturen der Gattung, ihre Möglichkeiten und Grenzen, auch über den kontrastiven Vergleich mit anderen Textformen des theoretischen Diskurses, nämlich dem Lehrgedicht, dem Brief, der Deklamation und dem Traktat, herausgearbeitet werden.
Im Zuge der Aufarbeitung eines umfangreichen Korpus' mittelalterlicher und renaissancistischer Dialoge unter dem leitenden Gesichtspunkt einer 'Performativierung' des theoretischen Diskurses erwiesen sich herkömmliche dialoghermeneutische Ansätze als defizitär. Sowohl von der Platonexegese wie von Bachtin sich herleitende Dialogtheorien verfehlen die potentielle Komplexität von Dialogen und damit letztlich auch ihre Stellung im jeweiligen Diskurssystem, insofern sie 'dialogische' Argumentbildung ausschließlich als eine Funktion der Gesprächsfiktion und deren mehr oder weniger geglückter 'maieutischer' Dynamik begreifen. Demgegenüber haben wir ein Dialogmodell ausgearbeitet, das die Textbedeutung als eine komplexe 'Makroproposition' auffasst, die sich über die Interaktion und Interferenz zweier oder auch mehrerer Textebenen konstituiert und die grundsätzlich nicht auf dialogimmanent explizierte und sei es auch als dominant
ausgewiesene Propositionen reduzibel ist. Im Rahmen dieses Ansatzes ließen sich die Möglichkeiten der Gattung, die den traditionellen Dialoghermeneutiken nur beiläufig in den Blick geraten, systematisch konzeptualisieren. Dies gilt sowohl für dialogspezifische Funktionen performativer und indexikalischer Theoriebildung als auch für - oft raffinierte - Strategien des self- bzw. community-fashioning, die von jenen Theoriebildungsprozessen kaum zu trennen sind.
Da unser Modell mehr analytische Parameter vorsieht als die gängigen Lektüremodelle, ermöglicht es sowohl komplexere intragenerische Typologien als auch differenziertere Vergleiche mit anderen Gattungen des theoretischen Diskurses. Dies soll in der abschließenden Projektphase durch eine perspektivische Ausweitung des Untersuchungsfeldes unter Beweis gestellt werden. Zum einen sollen, nachdem bisher vor allem der ciceronianische und platonische 'Mainstream' des Renaissancedialogs sowie der lateinhumanistische Rekurs auf Lukian im Zentrum standen, nunmehr mit dem polygraphischen Dialog (UP 1) und den Dialogen Giordano Brunos (Assoziiertes UP 1) als exzentrisch oder solitär geltende und in den einschlägigen Untersuchungen zumeist ausgesparte Realisationsformen des volkssprachlichen Dialogs systematisch in den Blick genommen und nach ihrer Stellung im epochalen Diskursfeld befragt werden.
Zum anderen soll es darum gehen, das epochale Profil der Gattung über den Vergleich mit anderen, konkurrierenden oder komplementären Textformen des theoretischen Diskurses zu schärfen. Nachdem unter dieser Perspektive in der letzten Projektphase bereits die Essais Montaignes den Dialogen Tassos gegenübergestellt wurden, sollen in der abschließenden Projektphase das Lehrgedicht (UP 3), der Brief (UP 2), die Deklamation (UP 4) und der Traktat (Assoziiertes UP 2) mit dem Dialog in eine systematische Vergleichsperspektive gestellt werden.
Das Teilprojekt gliedert sich in folgende Unterprojekte:
UP 1: Der Dialog im polygraphischen Kontext (Dr. Bernd Häsner)
UP 2: Sermo absentium amicorum: dialogische Funktionen des Briefs im Lateinhumanismus (Dr. Angelika Lozar)
UP 3: Kontextsensitive Wissenskonstitution in der kosmologischen Lehrdichtung und im Dialog der Renaissance (Dr. Roger Friedlein)
UP 4: Polyperspektivisches Argumentieren zwischen Oralität und Literalität: Deklamation, Disputation und Dialog in der Renaissance (Dr. Anita Traninger)
Assoziiertes UP 1: Die Funktionalisierung literarischer Gattungen für den theoretischen Diskurs: Performanz von Argumentation in den Dialogen Giordano Brunos (Dr. Henning Hufnagel)
Assoziiertes UP 2: Poetologischer Dialog und poetologischer Traktat: Konvergenz und Divergenz (Dr. Josep Solervicens, Kooperation mit der Universität Barcelona)
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