Workshop: Kunst auf des Messers Schneide
Rituelle und ludische Aspekte des Tanzes von der Antike bis zum späten Mittelalter
Workshop im Rahmend des Projektes A7 "Ritual und Risiko. Zur Performativität des Spiels zwischen Kulturanthropologie, Religion und Kunst" im Sfb 447 Kulturen des Performativen
Freitag, den 18. November 2005, 14.00-19.00 Uhr
Ort: Hörsaal, Schwendener Str. 1
Der Tanz – die flüchtigste aller Künste – kann sowohl als Modell von Ordnung und Stabilität als auch von Transgression, Kontrollverlust und Unordnung figurieren. Entsprechend wird er in theoretischen Aneignungen entweder zum Paradigma von Weltbildern und Lehrsystemen oder aber zum warnenden Exemplum moralisierender Propaganda. In religiös-rituellen Kontexten dient er der Bildung von Gemeinschaften und dem Ausdruck von festlicher bis hin zu ekstatischer Freude. Die christliche Kirche war immer wieder bemüht, dieses Element der Ritualpraxis im Zuge einer Kontrolle der Affekte zu bändigen, in den Hintergrund zu drängen und zu dämonisieren.
Im Zentrum des eintägigen Workshops steht der Tanz als religiöses Ritual und als spielerische performance. Jenseits philosophischer und moraltheologischer Wertungen soll vor allem diskutiert werden, ob und wie der Tanz in Text und Bild als kulturelle und religiöse Praxis thematisiert wird, die die Begegnung zwischen Göttern und Menschen als riskant, als gefährlich und vom Scheitern bedroht inszeniert. Wie verhält sich die kohäsive Kraft, die dem rituellen – aber auch dem profanen – Tanz immer wieder zugeschrieben wird, zu seiner potentiell eruptiven und ekstatischen Dimension? Läßt sich der Tanz in unterschiedlichen religiösen Kontexten als Grenzphänomen beschreiben, das eine eigene Form religiöser Kommunikation und Praxis etabliert oder gar solche Kommunikationspraktiken unterläuft? Wie wird die Kluft zwischen text- und bildfixierten Darstellungen und nicht fixierbarem Gegenstand überbrückt und wie stellt sich die historische Tanzforschung diesem Problem?
Mit Blick auf diese und ähnliche Fragen sollen drei unterschiedliche historische Kontextualisierungen des Tanzes erörtert werden: zum einen die Transformation kultischer Tanzformen im antiken Drama; zum anderen mittelalterliche Deutungsmodelle der zwei prototypischen Tänzer des Alten und Neuen Testaments, David und Salome; und schließlich die Wechselbeziehung zwischen Verhaltens- und Notationsformen im frühneuzeitlichen Tanz aus forschungskritischer Perspektive.
Der Gräzist und Religionshistoriker Albert Henrichs (Harvard-University), die Mediävistin Julia Zimmermann (Universität Dresden) und der Musikwissenschaftler Sebastian Klotz (Universität Leipzig) werden – in chronologischer Reihenfolge der Themengebiete – mit kurzen Beiträgen aus ihrer Forschungsarbeit die jeweiligen Diskussionsfelder eröffnen. Den Beiträgen liegen u. a. drei Publikationen der Gäste zugrunde, die als Gesprächsgrundlage für alle Teilnehmer dienen und als Reader (s. u.) bestellt werden können.
Literatur
Albert Henrichs: "Warum soll ich denn tanzen?" Dionysisches im Chor der griechischen Tragödie. Lectio Teuberiana IV, Stuttgart/Leipzig 1996
Julia Zimmermann: Gestus histrionici. Zur Darstellung gauklerischer Tanzformen in Texten und Bildern des Mittelalters, in: Gestik. Figuren des Körpers in Text und Bild, hg. v. M. Egidi u. a., Tübingen 2000, S. 71-85
Sebastian Klotz: Matte Idealität. Beobachtungen zu Schrift- und Verhaltensformen im Quattrocento-Tanz, in: "Aufführung" und "Schrift" in Mittelalter und früher Neuzeit, hg. v. J.-D. Müller, Stuttgart 1996, S. 429-454
Veranstaltet von Susanne Gödde und Ulrike Zellmann
Information und Reader:
Ulrike Zellmann, Sfb 447 Kulturen des Performativen, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin
Tel. +49 (0)30 838-50380 oder +49 (0)30 62727394 (Fax und AB); zellmann@zedat.fu-berlin.de
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