Zusammenfassung
Ziel des Teilprojekts in seiner zweiten Förderphase ist es, sich der besonderen Bedeutung und Funktion zu widmen, die fotografischen Bildern in kulturellen Wandlungsprozessen zukommen. Ausgangspunkt ist die These, dass Bilder nicht nur als Ausdruck und Zeugnis solcher Prozesse fungieren, sondern im generativen Sinn an ihnen teilhaben und formend auf sie einwirken. Aus dieser doppelten Perspektive wird das Vorhaben sein Augenmerk auf die Formulierung und Formierung von Menschenbildern im 20. Jahrhundert legen. Das Projekt geht davon aus, dass sich der Zusammenhang zwischen Bildproduktion einerseits und kulturellen Wandlungsprozessen andererseits an dem vergleichsweise neuen Medium der Fotografie besonders ergebnisreich herausarbeiten lässt. Denn gerade in der Fotografie und ihren vielschichtig kodierten Darstellungsfunktionen verbinden sich die gegenstrebigen Aspekte einer abbildlich bestimmten Reproduktion und einer eigenproduktiven Neugestaltung, einer Dokumentation und einer Inszenierung von Wirklichkeit auf intrinsische Weise. Die beiden Unterprojekte sind dabei derart konzipiert, dass sie kulturelle Wandlungsprozesse aus zwei gegenläufigen Perspektiven zu fassen beabsichtigen: Unterprojekt 1 erforscht die symbolische Einverleibung kolonialer Macht durch eine sich im postkolonialen Diskurs verortende Fotografie und Unterprojekt 2 eine im Kontext nationalsozialistischer Propaganda hergestellte Fotografie, wobei beide Projekte Bildstrategien der Erfassung, Formung und Einverleibung sowohl unter dem Vorzeichen von Totalitarismen als auch unter demjenigen der Widerständigkeit gegen herrschende Verhältnisse in den Blick nehmen. Gemeinsame Grundlage der fokussierten Strategien ist die Herausbildung wissenschaftlicher Diskursivität, wie sie sich im 18. Jahrhundert maßgeblich entfaltet. Aus dem Streben, die Natur und alle ihre Erscheinungsformen zu katalogisieren, zu kategorisieren und in ein interdependentes Ordnungssystem zu überführen, resultieren der für unsere Thematik zentrale Begriff »Rasse«, die Idee der Enzyklopädie und vor allem umfangreiche Bildinventare, die auf eine vollständige Erfassung, Vergleichung und nicht zuletzt bewertende Einordnung angelegt sind.
Unterprojekt 1 (Klaus Krüger, Leena Crasemann)
Erfassung und Einverleibung: Postkoloniale Bildkritik in der künstlerischen Fotografie der Gegenwart
Das Unterprojekt widmet sich aktueller Kunstfotografie, deren Kritik sich gegen visuelle Repräsentations- und Produktionsformen von Menschenbildern richtet, wie sie aus dem kolonialen Diskurs hervorgegangen sind. Ausgangspunkt dieser postkolonialen Bildkritik sind die medienhistorischen Entstehungsbedingungen und Verwendungszwecke der Fotografie, galt doch Völkerkundlern, Medizinwissenschaftlern oder auch Reisenden des 19. Jahrhunderts die Fotografie als das bevorzugte Bildmedium, das dem Glauben an die Möglichkeit einer ungetrübten, authentischen Erfassung und Aufzeichnung der sichtbaren Welt entsprach und folglich sowohl von der ethnografischen Beobachtung, der anthropologischen Erfassung als auch der kolonialen Berichterstattung im Interesse eigener Sichtweisen dienstbar gemacht wurde. Die von dem Unterprojekt zu untersuchenden fotografischen Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern wie Iké Udé, Lorna Simpson oder Carrie Mae Weems hinterfragen aus gegenwärtiger Perspektive Menschenbilder des kolonialen Diskurses, indem sie die den Bildern immanenten Machtstrukturen, essentialistische Identitätskonzepte, historische sowie gegenwärtige Wahrnehmungen des vermeintlich Fremden und abgeleitete Konstruktionen des »Anderen« in den Blick nehmen. Durch die Bezugnahmen der Fotografien auf kolonialistische Darstellungsformen wie das völkerkundliche Inventar oder die anthropologische Vermessung sowie auf aktuelle Werbestrategien werden neben dem je spezifischen Entstehungskontext die vielschichtigen Wahrnehmungs- und Partizipationsweisen der Betrachterinnen und Betrachter fokussiert und herausgefordert. In diesem Sinne ist nach dem komplexen Zusammenspiel von wissenschaftsgeschichtlichen, ästhetischen und medienspezifischen Diskursen zu fragen, das zur Etablierung eines vom kolonialen Machtgefüge geprägten Bildrepertoires beitrug und das von der zu untersuchenden Kunstfotografie der Gegenwart auf ebenso vielschichtige Weise aufgegriffen und verarbeitet wird.
Unterprojekt 2 (Matthias Weiß)
Erfassung und Formung: Strategien normativer Fotografien zur Zeit des Nationalsozialismus
Das zweite Unterprojekt behandelt propagandistisch wirksame Fotografie deutscher Provenienz, die als Teil eines umfassenden kulturellen, sozialen und politischen Apparates auf eine »totale« Umformung des Menschen zielte. Anhand der Bildproduktion einer historisch klar umgrenzten Epoche wie derjenigen des sogenannten »Dritten Reichs« lässt sich aufzeigen, wie die Fotografie instrumentalisiert wurde, um ein zukünftiges Menschenbild und mit ihm soziale Ordnungen nicht nur zu antizipieren, sondern in Form regelrechter »Handlungsanweisungen« gezielt herbeizuführen. Das Corpus des zu untersuchenden Materials umfasst zum einen professionelle Fotografien, allen voran von Erich Retzlaff und Erna Lendvai-Dircksen, deren Arbeiten nicht nur die Anforderungen erfüllten, welche die dem Nationalsozialismus verpflichtete Volkskunde wiederholt einforderte, sondern zugleich einen künstlerischen Anspruch erheben; und zum anderen sollen Arbeiten von Amateuren mit in die Untersuchung einbezogen werden, wie sie etwa in auflagenstarken Zeitschriften (z. B. »Volk und Rasse«) publiziert wurden. Wissenschaftliche Herausforderung eines Großteils dieser Bilder ist, dass sie vor allem bei ihrer Betrachtung als Einzelaufnahme kaum ideologisch motiviert erscheinen, sondern vielmehr den Eindruck eines Porträts, einer Trachtenstudie o. ä. vermitteln. Aufzuzeigen sein wird indes, dass sich das propagandistische Potenzial der Fotografien erst durch parergonale Rahmungen, schriftliche Kommentierungen oder die serielle Reihung und damit durch das Zusammenwirken mit einer Vielzahl anderer Bilder erschließt. Zu untersuchen steht, inwieweit in den Bildern eine in mehrfacher Weise paradoxe Blickkonzeption generiert wird: Dergestalt dass das im Medium der Fotografie inszenierte Menschenbild sowohl mythisch als auch utopisch überhöht wird und somit eine ewige Gültigkeit beansprucht, die den Betrachter selbst zwangsläufig ausschließt; und dass sich in der Inszenierung des »Neuen Menschen« doch zugleich auch Distinktions- bzw. Zugehörigkeitskriterien der Gegenwart manifestieren, die im Betrachter den Wunsch und das Streben nach Identität wachrufen sollen. Diese Identität stiftenden Anschauungen von Menschen – vom Produzenten wie vom Rezipienten aus betrachtet – gilt es als performative Prozesse der Partizipation in den Blick zu nehmen. Eine maßgebliche Frage wird somit sein, inwiefern sich durch die Fotografien mentale und emotionale Dispositionen übertrugen, die im Rekurs auf angebliche anthropologische Konstanten und nationale Traditionen ein kollektives Zukünftiges schaffen sollten.
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