A9 Zur Performativität von Kulturbegegnungen: anglo-osmanische Kontakte in der Frühen Neuzeit

VORHABEN

Das Teilprojekt setzt sich aus performativer Perspektive mit den Begegnungen zwischen englischer und osmanischer Kultur vor dem Hintergrund des grundlegenden Kulturwandels zwischen ca. 1570 und 1660 auseinander. Reiseberichte, Prosatexte sowie Theaterstücke sollen daraufhin befragt werden, wie sie die Prozesshaftigkeit der Begegnung erzählen, aufführen und reinszenieren. Die Performativitätsforschung und postkoloniale Forschung miteinander verknüpfende Ausgangsthese ist, dass diese Texte selbst als performative Praxis zu verstehen sind: Durch ihre Vermittlung des Kulturkontaktes eröffnen sie Räume der Begegnung, in denen Handlungsstrategien in Bezug auf fremde kulturelle Praktiken entwickelt und durchgespielt werden und in denen die Zukunft der interkulturellen Beziehungen ebenso zur Disposition steht wie das kulturelle Selbstverständnis der Beteiligten.
Mit der Fokussierung auf die Religion, die Diplomatie und das Orientdrama konzentriert sich das Teilprojekt auf Bereiche der frühneuzeitlichen Kultur(en), die insbesondere über das Moment ihrer Theatralität eng miteinander verzahnt sind. Es verknüpft die Frage nach der Performativität von Religion mit der nach der Performativität nationaler Identitäten und Geschlechtsidentitäten. Insbesondere der englische Kontakt mit dem Osmanischen Reich, als komplexe Kulturbegegnung innerhalb eines vielschichtigen Netzwerks zwischen Ethnien und Religionen, die sich stark vom Kontakt mit der sogenannten Neuen Welt unterscheidet, bietet sich an, neuere Modelle der Kulturbegegnung zu entwickeln, die nicht von einer Binarität zwischen Eigenem und Anderem, Fremd- und Selbstbildern, ausgehen.
Denn die eigene Rolle ist nicht vorgeschrieben, sondern wird erst im Moment der Begegnung bzw. ihrer Vertextung ausgehandelt, wobei das »Spiel« zwischen bedingungsloser Immersion in das Geschehen (mit der Gefahr des Verlusts der eigenen kulturellen Identität) und vollständiger Verweigerung (durch Abscheu oder Unverständnis, Akte der Zerstörung oder auch die Inszenierung der eigenen Kultur) changieren kann. Die spezifische Form des Kontaktes kann zwischen Krieg oder Frieden entscheiden, zwischen Herrschaft oder gleichberechtigter Partnerschaft, Gewalt oder Diplomatie, Unverständnis oder Übersetzung.

Unterprojekt 1: Zur Performativität von Religion in anglo-osmanischen Kulturkontakten (Sabine Schülting)
Während die europäischen Kolonialmächte die »Neue Welt« eroberten, kolonisierten und missionierten, repräsentierte das Osmanische Reich seinerseits eine Kolonialmacht, die das christliche Europa bedrohte, die sich aber im Gegensatz zum protestantischen England durch religiöse Toleranz auszeichnete und sich als eine von verschiedenen Ethnien und Religionen (u. a. Islam, Judentum, orthodoxes Christentum) geprägte Zivilisation darstellte. In dem Maße, wie sich die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Osmanischen Reich ausweiteten, stellte sich das Problem, dass man Allianzen mit einem Staat suchte, der traditionell als Erzfeind des christlichen Abendlandes galt, der sich aber als neuer Verbündeter gegen das katholische Spanien anzubieten schien. Zugleich avancierte die Sorge um eine mögliche Konversion englischer Reisender oder Seeleute zu einer Obsession in der kulturellen Imagination Englands: »turning turk«, das Renegatentum, das religiösen wie politischen Verrat implizierte, wurde als beunruhigende Begleiterscheinung des internationalen Handels verstanden und insbesondere im Drama als Effekt sexueller Aggression imaginiert – sei es als Verführung durch eine schöne Orientalin oder als Gefährdung von englischer Männlichkeit durch Beschneidung oder Kastration.
Das Teilprojekt will sich in der Diskussion der religiösen Dimensionen der Kulturbegegnungen nicht auf die binäre Opposition zwischen (protestantischem) Christentum und Islam beschränken, sondern schließt die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und dem Judentum mit ein. Im Kontext der konfessionellen Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation in England, insbesondere um die Liturgie und die Riten der katholischen Kirche, ist auch in den Begegnungen mit nicht-christlichen Religionen nicht zuletzt das Verhältnis zwischen äußerer Form und innerer Überzeugung, zwischen Ritus und Glaubensinhalt von zentraler Bedeutung. Die Analyse der Performativität von Religion in den Kulturbegegnungen wird sich insbesondere auf solche Momente in Texten unterschiedlicher Gattungen konzentrieren, in denen kulturelle/religiöse Identitäten instabil zu werden drohen und die Teilnahme an bzw. die Auseinandersetzung mit den Praktiken der fremden Religion die eigene kulturelle Identität affiziert. Es sind Momente, in denen die Frage gestellt wird, wie das Handeln der Fremden zu verstehen ist, in welchem Verhältnis der Vollzug eines Ritus zu seinem Gelingen bzw. seiner Parodie steht und wie man beurteilen kann, ob Glaubensbekenntnisse aufrichtig sind. Was sich im Kontext der anglo-osmanischen Begegnungen abzeichnet, ist eine Ahnung vom performativen Charakter jeder Religion, ein Wissen um die beunruhigende Ähnlichkeit zwischen religiösem Ritus und dem Theater.

Unterprojekt 2: Performing Englishness: Anglo-osmanische Grenzgänger im englischen Drama der Frühen Neuzeit (Wibke Joswig und Sarah Sallmann)
Im England der Frühen Neuzeit, in dem bereits in den Titeln zeitgenössischer Atlanten wie John Speeds Theatre of the Empire of Great Britain (1611) die Nähe der geografischen Vermessung der Welt zur theatralen anklingt und das Globe-Theatre das Motto totus mundus agit histrionem über seinen Toren führt, wird die Metapher vom theatrum mundi zu einem populären Modell der Weltaneignung. Dabei wird gerade der Orient als Bühne verstanden, auf der England sich seine neue Rolle als global player gleichsam erspielt. Nicht nur vor diesem Hintergrund betrachtet das UP Dramatisierungen des Kulturkontakts mit dem Osmanischen Reich als besonders aufschlussreiches Untersuchungsfeld, da es zu interessanten Verdopplungs- und Brechungseffekten kommt, wenn die Theatralität der ursprünglichen Begegnung im Medium des Theaters nach bestimmten Gattungsvorgaben zur Aufführung gelangt.
Das Projekt will analysieren, wie frühneuzeitliche Orientdramen einen Raum der Potentialität erzeugen, in dem Entwürfe kultureller Identität durchgespielt werden und die Hierarchien imperialistischen Denkens noch nicht greifen. Die Dramen zeugen sowohl von der Faszination mit den sich im Osten eröffnenden Möglichkeiten als auch von der Furcht vor kultureller Kontamination. Der Renegat als Extremfigur des Grenzgängers markiert gleichsam den Fluchtpunkt der kollektiven Imagination einer Nation, die vom Empire träumt und zugleich fürchtet, im frühneuzeitlichen Globalisierungsprozess ihre Identität zu verlieren – sich jedoch nicht zuletzt durch die Inszenierung dieser Furcht auf der Bühne ihrer nationalen Besonderheit immer wieder vergewissert. Dabei zeigt sich, dass die Englishness der Händler, Piraten, Söldner und Konvertiten in der anglo-osmanischen Begegnung nicht unaffiziert bleibt. So lautet eine These des Projekts, dass hier nicht eine bereits in sich geschlossene englische Identität auf eine orientalische trifft, sondern dass sich englische Identität im Kulturkontakt erst herausbildet. Sie wird dabei nicht einfach mit Hilfe von »Muslim Otherness« (Matar) profiliert; vielmehr zeugen die Dramen von komplexen Aneignungsprozessen zwischen Verteufelung, Bewunderung, Imitation und Emulation, deren Vielschichtigkeit das polyperspektivische Medium des Theaters besonders gut darstellen kann.
(Mitarbeit bis 09/2009: Ralf Hertel)

Unterprojekt 3: Frühneuzeitliche englische Diplomatie im Osmanischen Reich (Sabine Lucia Müller)
Die Diplomatie ist eine bewusste Inszenierung der Kulturbegegnung, die Raum und Zeit für nicht-kriegerische Kontakte zwischen den Ländern eröffnet. Der Botschafter steht stets vor der Aufgabe, die Interessen seines Landes zu artikulieren, ohne gegen die Normen und Gebräuche des Gastlandes zu verstoßen. Diese »Doppelrolle« agiert er in theatraler Szenerie aus: Botschaften werden als »Miniaturhöfe« geschildert, die wiederum in enger Beziehung zu der von englischen Beobachtern betonten Theatralität osmanischer Machtausübung stehen. Aus der Perspektive der Performativitätsforschung soll nach den Formen und Funktionen von Sprechakten und nicht-sprachlichen Inszenierungen in der Diplomatie gefragt werden, um die Bedingungen ihres Gelingens zu analysieren, ohne die Momente des Scheiterns zu ignorieren. Dem diplomatischen Erfolg (oder Misserfolg) geht immer der eigentliche Prozess der Diplomatie voran: das Warten auf eine Audienz beim Fürsten des Gastlandes, der Austausch von Höflichkeiten, Empfehlungsbriefen und Geschenken, die Erinnerung an eine Geschichte früherer Begegnungen, langwierige Verhandlungen, etc. Erst in der Retrospektive – etwa im Bericht über die diplomatische Mission – wird solchen weitgehend kontingenten Prozessen Bedeutung und eine Teleologie zugewiesen.
Am Beispiel der englischen diplomatischen Beziehungen mit dem Osmanischen Reich seit ca. 1580, wie sie sich in den Briefen und Berichten englischer Diplomaten beschrieben finden, werden die vielschichtigen Prozesse frühneuzeitlicher diplomatischer Kontakte genauer in den Blick genommen. Neben einer Analyse der anglo-osmanischen Diplomatie will das Projekt einen Beitrag zur postkolonialen Forschung leisten, ihr Verständnis von Kulturbegegnungen durch ein Modell der Diplomatie erweitern und ihre Geschichte von europäischen Kontakten mit nicht-europäischen Kulturen ergänzen bzw. revidieren.

| oben | Projektliste | Homepage | SUCHEN | Stand: 04.12.2009