VORHABEN:
Abstract zum Gesamtprojekt:
Das Arbeitsvorhaben soll sich auf den Zusammenhang von performativen Akten und ihrer Darstellung und Überbietung im Schauraum literarischer Texte beziehen. Der Terminus 'Schauraum'; impliziert dabei, dass die frühe volkssprachliche Literatur, die in eine Kultur der 'Aufführung'; eingelassen ist, in der der Körper zum Träger und integrierenden Medium des sensorisch erfahrbaren Raumbezuges wird, die Prinzipien einer körpergebundenen Memorialkultur als performative Strategien aufgreift und nutzt. Die memotheatralische Dimension der Texte verweist auf eine Dynamik 'im Vollzug';, die über die bloße Bildhaftigkeit hinausgeht und deshalb mit dem Terminus 'Kinästhetik'; angemessen fassbar scheint.
Unterprojekte:
Christof L. Diedrichs: "Das 'verlorene Mysterium'. Mittelalterliche Liturgie zwischen Kult und Spiel"
Bereits 1926 hatte Ildefons Herwegen für die Liturgie des hohen Mittelalters den weitgehenden Verlust ihres 'Mysteriencharakters konstatiert. Die Menschen hätten, so die These, das Bewusstsein für das 'Objektive, für den Realitätscharakter des Sakralen verloren und es stattdessen psychologisiert. An die Stelle des Mysteriums sei die 'Schau getreten.
Dem entspricht die Entwicklung des Umgangs mit der Eucharistie und mit Reliquien: An die Stelle der Verehrung 'nur auratisch erfahrbarer, indessen real präsenter Heiliger, deren Gebeine in Grabanlagen und Gefäßen verschlossen gehalten wurden, treten seit dem späten 12. Jahrhundert Gefäße, innerhalb derer die Reliquien sichtbar gemacht werden (Diedrichs 2001). Dem entspricht die etwa zeitgleiche Entstehung der Elevation der Hostie in der Eucharistie, die Entwicklung der Verehrung der Eucharistie außerhalb der eigentlichen Eucharistiefeier und nicht zuletzt die Einführung der großen Heiltumsweisungen seit dem späteren 13. Jahrhundert (u.a. Kühne 2000).
Im Zentrum des Unterprojekts stehen die Heiltumsweisungen als performative Phänomene. D.h. neben der Rekonstruktion konkreter Abläufe (Performanz) stehen Fragen nach Inszenierungsstrategien, dem 'Publikum, dem Fest-Charakter solcher Veranstaltungen, nicht zuletzt nach Formen medialer Repräsentation, u.a. durch sog. Heiltumsbücher, Einblattdurcke, Pilgerzeichen etc.
Carsten Morsch: "Der Leser als Augenzeuge
Im Zusammenhang der übergreifenden Fragestellung nach einer Poetik der Visualität' (Wenzel 1995; Wandhoff 1996), die die Sichtbarkeit' des Dargestellten evoziert, haben sich die Passagen volkssprachlicher Dichtung als besonders aufschlußreich erwiesen, in denen vielfältige Beobachterperspektiven angeboten und ausgestellt werden. Geht man aus von einer selektiven Verstärkung der Augenwahrnehmung in der höfischen Literatur' (Wandhoff 1996) und der damit verbundenen, für das Projekt grundlegenden Frage nach der Konstruktion des medial erweiterten Gesichtsfeldes, manifes-tiert sich im textintern geführten Blick die Spannung zwischen Textualität und Performativität (Lechtermann/ Wenzel 2001). Indem der Rezipient auf eine Beobachterinstanz im Text verwiesen wird, eröffnet diese, gleichsam als "Assistenzfigur (Wenzel 1999), die Möglichkeit der kinästhetischen Erschließung von schriftlich ausbuchstabierten Schauräumen. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies etwa, wenn die visuelle Referenz der Darstellung bei der Inspektion einer Burg an die Schrittfolge und Augenhöhe des sie durchschreitenden Helden gebunden wird. Mit den angebotenen Ein-Sichten, v.a. im wiederholten Bruch von Wahrnehmungsroutinen oder dem Wechsel der fokussiernden Instanz, kann das Augenmerk des Hörers/ Lesers aber auch auf die Blickweisen gelenkt werden, die diese Wahrnehmungen konstituieren.
Mit unterschiedlichen Strategien inszenieren die volkssprachlichen Texte des Mittelalters immer wieder Wendungen der Blickführung, oszillierend zwischen Verwicklung und Distanz zielen sie auf eine "Lektüre als teilnehmende Beobachtung (Morsch 2001), durch die Leser und Hörer zu Augenzeugen zweiter Ordnung' werden. Als "inszenierte Imagination (Reck 1996) untersucht das Unterprojekt in diesem Sinne die mediale Einrichtung wahrscheinlicher und höchst unwahrscheinlicher Wahrnehmungsräume in der mittelhochdeutschen Epik, die zunächst auf Partizipation zielt, zugleich aber die Formen höfischer Repräsentation transparent werden läßt. Damit jedoch sind Hörer und Leser wiederum auf die Notwendigkeit wiederholender Vergegenwärtigung und angemessener Vollzüge verwiesen.
Nadia Ghattas: "Rhythmische und visuelle Strukturen im höfischen Roman
Das interferente Verhältnis extra- und intramentaler Bilder (vgl. jetzt auch Bumke 2001) wird auch in den Schriften zeitgenössischer Gelehrter als Aufhebung der medialen Differenz zwischen sprachlicher Vermittlung und imaginativer Vergegenwärtigung thematisiert, welche die Illusion realen 'Sehens und 'Handelns entstehen läßt.
Das Unterprojekt beschäftigt sich zunächst auf der Phonem-, Wort-, Satz- und Verspaarebene mit jenen Strategien des Textes, die eine solch immersive Partizipation des Rezipienten fördern. Analysiert werden spezifisch performative Erzähltechniken, die auf den Zusammenhang von visuell-intramentalen und versrhythmischen Faktoren setzen. Diese Strategien zeichnen sich dabei durch eine Evokation visueller und kinästhetischer Erfahrungsmomente aus, mit deren Hilfe der Rezipient den Handlungsraum ständig neu konstruiert, verifiziert und sich seiner 'kinästhetisch versichert. Dabei wird die visuelle Imagination durch Reim und Rhythmus gesteuert, die eine bewußte Rezeption der evozierten Bildelemente fördern. Die bisherigen Beobachtungen geben zu der These Anlaß, daß sich dem Rezipienten erst im kinästhetisch-gesteuerten Vollzug des virtuellen Raumgefüges - als durch den Rhythmus konstituierter Form in der Zeit' (Gumbrecht 1988) - weitere intellektuelle, emotional-affektive und symbolische Elemente des Romans offenbaren. Die Analyse größerer, über die oben genannten Ebenen hinausgehender rhythmischer pattern, also der Verknüpfung einzelner kinästhetisch-erzähltechnischer Strategien mit spezifischen dramaturgischen Situationen konstituiert daher das ergänzende Untersuchungsfeld.
Haiko Wandhoff: "Das bewegte Bildergedächtnis der Literatur: Ekphrasis im deutschen Mittelalter"
Die Bildbeschreibung oder Ekphrasis, seit der Antike eine der wichtigsten Visualisierungsstrategien der Literatur, ist im Hinblick auf die 'Kulturen des Performativen'; in zweifacher Weise interessant. Zum einen dient sie gerade in älteren Kulturen der visuellen Inszenierung von Erinnerung: Vergangenes oder Abwesendes wird in Form räumlich strukturierter und nicht selten bereits kulturell verfestigter Bildwerke in das verbale Gefüge eines Textes eingeblendet. Dabei können Ekphrasen fast wie ein 'Gedächtnistheater im Text' funktionieren, mit dessen Hilfe das 'abstrakte'; Medium Literatur erinnerungswürdiges Wissen für die Textbenutzer in leicht merkbarer, visueller Form zugänglich macht.
Daneben ist die Ekphrasis als eine Form der verbalen 'Verlebendigung'; aber auch eng mit der Erzeugung von Bewegungen verbunden. Indem der narrative Kontext die ursprünglich statisch-visuellen Bilder durch das Auserzählen ihrer Geschichten in Bewegung setzt und geradezu 'animiert';, lässt die literarische Bildbeschreibung unweigerlich an die bewegten Bilder des Kinos denken. Als ein 'Film';, der vor dem inneren Auge des Lesers abläuft, wird die Ekphrasis zu einem Modellfall in einer Geschichte nicht nur der audiovisuellen, sondern auch der kinästhetischen Wahrnehmung.
Christina Lechtermann: "Kontrollierte Bewegung. Affekterregung und höfische Literatur"
Die Erzeugung von Affekten durch sprachliche Bilder, Redestrategien oder den (selbst-) affizierten Rednerkörper bleibt auch im Mittelalter Telos der Rhetorik.
'Permovere', das Erregen von Aufmerksamkeit und Leidenschaft, macht 'docere', die wirksame Belehrung, erst möglich. Als Erbe der antiken, auf den mündlichen Vortrag ausgerichteten Rhetorik erfährt die Affekterregung in der semi-oralen Kultur des Mittelalters, ebenso wie andere Teile der Rhetorik, eine Umwertung. Während sie von den lateinischen Wissenseliten verwaltet, bewahrt und diskutiert wird, gerät sie zugleich zur Schreibpraxis der literalen, und d.h. zumindest in den Grundzügen des Triviums ausgebildeten Dichter der Volkssprache. Wirkt sie einerseits im Rahmen der Ars praedicandi weiterhin im Raum der face-to-face Kommunikation, so findet sie andererseits ihren Weg vom Körper ins Buch, von der Stimme auf die Seite auch, um von dort zu einer neuen Stimme, der des Vortragenden, zu werden.
Besonders der letztgenannte Prozess steht im Zentrum dieses Unterprojekts, das danach fragt, welcher Stellenwert, welche Funktion und welche Strategien die Affekterzeugung, v.a. in der höfischen Kultur und Literatur des Mittelalters, auszeichnen und welche diskursiven Verbindungen sie eingeht.
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