VORHABEN:
Beschreibung des Gesamtprojekts:
Fragte die traditionelle Komikforschung nach dem "Wesen des Lachens" oder des "Komischen" (Bergson), geht es der neueren Forschung demgegenüber um den Funktionswandel, die sozialen Kontexte und die Semiotik des Lachens in unterschiedlichen historischen Epochen. Während bislang also das Komische ontologisch definiert wurde und dabei die meisten Definitionen darin übereinstimmten, daß sie das Komische als "Zusammenstoß von Wirklichkeitsbegriffen" verstanden, "deren Unverständigkeit gegeneinander lächerlich sein [....] kann" (Blumenberg), stehen in der Untersuchung differenter Lachkulturen Fragen der historisch je unterschiedlichen Formen sozialer Kommunikation und anthropologischer Rahmenbedingungen des Lachens im Mittelpunkt: Insbesondere die Untersuchung der unterschiedlichen Funktionsweisen und Gebrauchszusammenhänge des Komischen in der Schrift- und Bildproduktion des Mittelalters, den Lizenzen und Formen des Lachens bei Festen, im Rahmen der verschiedensten Spiel und Theatralisierungsformen u.ä. verspricht genaueren Aufschluß über die Strukturierung, die Wirkungsmöglichkeiten und den jeweiligen historischen Ort des Komischen. Innerhalb des Teilprojekts sollen daher die Formen der Inszenierung des Komischen, die Räume und Zeiten des Lachens, seine Schreibweisen, Darstellungsmodi, die Möglichkeiten seiner Stilisierung sowie die theoretischen und äthetischen Diskurse über das Lachen in den Mittelpunkt gestellt werden. Ziel ist einerseits, die unterschiedlichen Wirkungs- und Funktionsbereiche mittelalterlicher Lachkultur präziser zu bestimmen, als das bisher geschehen ist, andererseits die Perspektive auf eine Literaturgeschichte des Lachens in Mittelalter und Früher Neuzeit zu öffnen, und dies auch mit Blick auf die anderen Künste und Diskurse. Die unterschiedlichen "Gründe des Vergnügens am komischen Helden" (Jauß) und der komischen Dispositionen des Denkens, Sprechens und Handelns sollen systematisch und im Hinblick auf die lateinische, französische und italienische Literatur des Mittelalters vergleichend untersucht werden.
Generell ist der Witz die körperlichste aller Lachkünste; dennoch erscheint es sinnvoll, zwei Funktionstypen und damit auch Unterprojekte zu unterscheiden:
1. Den intellektuell-rhetorischen Witz, der mit Hilfe von Sprachspielen, Doppelbedeutungen von Worten u.ä. ein oft aggressives Lachen erzeugt und körpersprachliche Mittel zunächst nur ergänzend hinzuzieht, wobei "nur ergänzend" eine vorläufige Aussage ist, die im Laufe der Untersuchungen noch zu präzisieren ist. Zu diesem Unterprojekt gehören vorwiegend die Untersuchungen zur Humanistenfacetie.
2. Der körpersprachliche und figurative Witz, bei dem die Visualität des Zeigegestus im Mittelpunkt steht. Deutlich ist dieser Witztypus weniger durch Worte als durch die Selbstrepräsentation des närrischen Schauspielers charakterisiert oder wird durch die Inszenierung eines närrischen "Schauspiels" situativ aufgeführt. Innerhalb dieses Unterprojekts wird zum risus paschalis, zum Hofnarren und zu den französischen Sottien geforscht.
Unterprojekte
Humanistenfacetie: Das wichtigste Gattungsmerkmal der Facetie ist sicherlich
ein formales: die Wahl der lateinischen Sprache. Das Problem der Diglossie wird daher sowohl von den humanistischen Autoren als auch von der modernen Forschung immer wieder formuliert. Darüber ist aber eine Diskussion zur Funktionsgeschichte der Facetien, wie sie von Barner mehrfach angestoßen wurde, vernachlässigt worden. Dabei hat die Facetie eine Entwicklung durchgemacht, die deutlich mehr Etappen umfaßt als es die wenigen heute noch bekannten Namen Poggio, Bebel und Zincgref ahnen lassen. Schon die morphologischen Unterschiede auf der Textebene lassen vermuten, daß die verschiedenen Facetienbücher nicht auf einen immer gleichen Gebrauchszusammenhang verweisen. Dabei geht es zum einen um das konkrete Verhältnis des gedruckten Buches zur Performativität des Lesens, andererseits aber überhaupt um die Frage der Performativität einer im Buch eingefangenen Lachkultur. Wenn, wie oft postuliert wird, die Facetien Ausdruck einer gelehrten Geselligkeit sind, dann müssen die Inszenierungsformen und -räume dieser gelehrten Lachkultur variiert haben. Wenn die Humanisten sich für die Inhalte ihrer Facetien im Volksprachlichen bedienen, so müssen die Kriterien dieser Auswahl immer wieder neu hinterfragt werden; denn der Gelehrte nimmt durch seinen Bezug zum Volksprachlichen immer auch Stellung zur nicht-humanistischen Witzkultur. Überhaupt muß das Verhältnis der humanistischen Inszenierung von Lachen und der vermeintlich volkstümlichen neu bestimmt werden, seit die jüngere Forschung eine Trennung von Hochkultur und Volkskultur verneint hat.
Hofnarren: So wie die Kunst der mittelalterlichen Troubadours und
Minnesänger als performance wirkte, wobei der "Text" nur ein Element mehrerer Materialien war, die erst in der Aufführung das "Werk" erbrachten (Zumthor), wurden Narren oder Lustigmacher an den europäischen Höfen zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert vor allem wegen ihrer Inszenierungen von Späßen und Streichen, der theatralischen Zeigegesten bei ihren Auftritten, der witzig-obszönen Unterhaltung innerhalb einer "Lachgemeinschaft" geschätzt (Lachen als Gebrauchs- und Kommunikationszusammenhang einer anwesenden Gruppe/Gemeinschaft). Diese performativ ausagierten "komischen Handlungssequenzen" des Narren Gonnella am ferraresischen oder des Claus Narr am sächsischen Hof werden seit dem Spätmittelalter in das Medium der Schrift übertragen und in literarischen Texten verschiedener Gattungen (Schwänke, Novellen, Facetien, Possenspiele etc.) in ganz Europa aufgenommen. Dieser Prozeß, bei dem der Narrenkörper mit seinen nachäffenden Gebärden, Zeigegesten, Maskeraden und theatralischen Mimik gewissermaßen mehrfach, als Objekt, Subjekt und Ort der Handlung im Mittelpunkt steht, zeigt die Transposition eines gemeinschaftlichen, situationalen Agens in ein distanzierendes Textmodell, in dem Autor und Publikum durch narrative Sequenzierung erst geschaffen werden. Durch die Untersuchung dieser Austausch- und Oszillationsprozesse kann anhand der literarischen Narrenfiguren gezeigt werden, wie sich der Übergang von der mittelalterlichen Performance-Kultur zur Textkultur der frühen Neuzeit im Einzelnen vollzogen hat.
Narrengesellschaften (Katja Gvozdeva): Dieses Unterprojekt solll das
Verhältnis von Performativität und Textualität in den "cultural performances" der Narrenvereinigungen - städtischen karnevalesken Korporationen des Nord- und Mittelfrankreichs - untersuchen. Haupthypothese der Untersuchung ist, daß die städtischen Narrenvereinigungen in enger Beziehung zur Ästhetik der "Grands Rhétoriqueurs" stehen, die bis vor kurzem als ausschließlich höfische, elitäre dichterische Schulen angesehen wurden. Die "Zweite Rhetorik" soll als eine schichten- und medienübergreifende kulturelle Bewegung erörtert werden, die neben poetischen Texten am Hof die höchste Entwicklung in der Sottie (ein komisches Spiel, dessen Akteure sämtlich Narren sind), in der Stadt gefunden hat und auch in anderen Formen symbolischer Aktion der Narrengesellschaft zum Ausdruck kam. Die wesentlichste Annahme ist, daß die komische Narrheit nicht so sehr einen substantiellen, sondern einen eher medialen Charakter hat. Sie wird zum gemeinschaftlichen performativen Medium der "Zweiten Rhetorik", indem sie spezifische Kommunikationsbedingungen schafft, in denen der konventionelle sprachliche Usus (von einzelnen Wörtern und idiomatischen Redewendungen bis zu literarischen Texten, Formen und Gattungen) in multisensorische und dynamische Inszenierungen umgesetzt wird. Dabei sind die körpersprachliche, figurative Komik und die rhetorische Komik weder strikt voneinander getrennte Alternativen noch ergänzen sie einander bloß. Vielmehr stehen sie in einem wechselseitigen, dynamischen Bedingungs- und Beziehungsverhältnis. Die Untersuchung der Medialität, der Performanzbedingungen und der sozialen Funktionen der "närrischen Rhetorik" ist das Ziel des Projekts. Die "Zweite Rhetorik" - traditionell ausschließlich zur sterbenden höfischen Kultur des Mittelalters (Huizinga, Zumthor) gezählt - soll als eine Form der Selbstdarstellung der neuen städtischen Kultur der Umbruchszeit erforscht werden.
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