B1 Ästhetik des Performativen

VORHABEN:

Angeregt von den Performativierungsschüben, die seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in allen Künsten zu beobachten sind, will das Teilprojekt Grundzüge einer Ästhetik des Performativen am Beispiel des Theaters entwickeln. Theater erscheint deshalb als ein besonders geeigneter Untersuchungsgegenstand, weil für Theater als performative Kunst immer schon ein je spezifisches Verhältnis von Textualität und Performativität konstitutiv ist. Zudem läßt sich seit den sechziger Jahren im Theater – parallel zu den anderen Künsten – eine starke Intensivierung performativer Prozesse feststellen. Der Aufführungscharakter überwiegt den Artefaktcharakter. An die Stelle des Kunstwerkes tritt das Ereignis. Das Teilprojekt geht von der Hypothese aus, daß die überlieferte heuristische Unterscheidung in Produktions-, Werk- und Wirkungs- bzw. Rezeptionsästhetik in einer Ästhetik des Performativen ihren Sinn verlieren wird.

Die performative Wechselwirkung zwischen Bühne und Publikum, die bisher mit dem Begriff des "Zwischen" als Platzhalter gefüllt war, konnte bei den durchgeführten Analysen durch eine Reihe relationaler Begriffe wie Atmosphäre, Rhythmus oder Scham näher bestimmt werden. Die Untersuchung konzentriert sich also vorrangig auf das je besondere Verhältnis, das sich bei Dominanz performativer Prozesse

a) zwischen Subjekt und Objekt, Beobachter und Beobachtetem, Zuschauer und Darsteller / Bühnenvorgängen und

b) zwischen Körperlichkeit und Zeichenhaftigkeit der präsentierten Elemente, zwischen Materialität und Referentialität, zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen Wirkung und Bedeutung herstellen läßt.

Während wir uns im ersten Bewilligungszeitraum auf das erste Problemfeld (a) konzentriert haben, soll im zweiten Bewilligungszeitraum das zweite Problemfeld (b) bearbeitet werden. Die Untersuchung wird weiterhin im wesentlichen als eine Serie von Analysen aktueller Aufführungen durchgeführt, deren Resultate an relevante theoretische Ansätze zurückzubinden sind.

Im zweiten Bewilligungszeitraum soll das je besondere Verhältnis untersucht werden, das sich in Aufführungen zwischen Körperlichkeit und Zeichenhaftigkeit der präsentierten Elemente, zwischen Materialität und Referentialität, zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen Wirkung und Bedeutung herstellen läßt. Damit wird auch die Relation von wirkungs- und bedeutungsästhetischen Prozessen reflektiert. Aufgrund der Ergebnisse unserer bisherigen Arbeit können wir zusammenfassend konstatieren, daß es gilt, das Verhältnis von Präsenz und Repräsentation im Rahmen einer Ästhetik des Performativen zu untersuchen. Diese Untersuchung soll auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung durchgeführt werden, um die verschiedenen Ausprägungen performativer Vorgänge in den Blick zu bekommen:

1. als theoretische Reflexion: Theoretische Bestimmung des Verhältnisses von Repräsentation und Präsenz im Rahmen einer Ästhetik des Peformativen (Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte);

2. als Entwicklung einer Methode zur Beschreibung des Verhältnisses von Repräsentation und Präsenz: Performativität im Theater als Chance für eine phänomenologisch orientierte Aufführungsanalyse (Dr. Jens Roselt);

3. als Analyse von Aufführungen des Musiktheaters im Hinblick auf das Verhältnis von Repräsentation und Präsenz: Performativität im Musiktheater. Überlegungen zu einer Theorie der Analyse musiktheatraler Aufführungen (Dr. des. Clemens Risi);

4. als Analyse des Wechselverhältnisses von affektiver Erspürung und kognitiver Ausdeutung im Theater: Atmosphärische Wahrnehmung im Theater (Sabine Schouten, M.A.);

5. als Analyse des Verhältnisses von Subjekt und Objekt in der Raumerfahrung von Installationen: Die Performativität von Environments als Modell eines erweiterten Aufführungsbegriffes (Barbara Gronau, M.A.);

6. als Untersuchung von Arbeits- und Probenprozessen, in denen Text und Aufführung in enger Beziehung aufeinander und nahezu gleichzeitig entstehen: Schauspielerisches Handeln als Paradigma (Dr. Christel Weiler).




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