B2 Klangaktionen als Ereignisformen in der
experimentellen Musik

VORHABEN:


Gegenstand der Untersuchung sind experimentelle Veränderungen in der Aufführung und Neuerungen in der Inszenierung von Musik während der letzten Jahrzehnte. Die Interaktionen der Musik mit anderen Künsten und neuen Medien haben sich im vergangenen halben Jahrhundert auf vielfältigste Weise intensiviert, und damit hat sich auch die akustische Sphäre, voran die Musik selbst, auf breitester Front verwandelt. Es wird untersucht, welche Rückwirkungen die neuen, heute aktuellen Präsentationsformen und Inszenierungsmodi auf (traditionelle) theoretische Konzepte wie etwa "musikalisches Material" und "musikalische Struktur" besitzen und dadurch diese selbst verändern.


FORSCHUNGSBEREICHE:

Performativität in Klang- und Geräuschkompositionen

Klangkompositionen hoben sich vor allem deshalb vom traditionellen musikalischen Kontext ab, weil ihre Strukturierung nicht mehr an die Arbeit mit distinkten Tonhöhen, Intervallik, festgelegten Tondauern bzw. Rhythmus gebunden war. Ihre Gestaltung entsprang vielmehr Tonmischungen, dem Wechsel und Changieren von Klangfarben und der Anlage von "fließenden", rhythmisch indifferenten Tonflächen oder -massen. Für den kompositorischen Bereich und damit auch für die innermusikalischen Gestaltungs- und Handlungsebenen stellt sich zunächst die Frage nach der Funktionalisierung und der Performativität bestimmter Klangqualitäten und Klangaktionen im formalen Prozeß. Mit der scheinbaren Aufhebung der traditionellen "Tonsprache" ist ferner die vielleicht nur vermeintliche Entgegensetzung von Repräsentation, Bedeutung, Semantik von Klängen und Klang als Materie/Material zu erörtern. Dieser Aspekt betrifft vor allem die Dimensionen der musikalischen Wahrnehmung, aber auch die Ebene der verbalen Interpretation.


Klangperformance

Untersucht werden die wachsenden Bestrebungen vieler Composer/Performer, ein ästhetisches und phänomenologisches Bewußtsein für Töne, Klänge und Geräusche und ihre physikalischen Eigenschaften anzuregen und damit vor allem in experimentellen Instrumental- und Vokalperformances sich und das Publikum mit psychophysischen und psychologischen Wirkungen des Klanglichen zu konfrontieren. Zudem wird der Einsatz medialer Techniken, die Medialisierung der Körper- und Klangpräsenz erörtert, die eine Interaktion mit Klängen im Moment ihrer Entstehung ermöglicht. Der Körper und die körperlichen Aktionen des Performers sind jedoch auch Mittler zwischen den Intuitionen des Vorführenden und der Hörer. In Vokalperformances ist eine starke Ausprägung dieser Ebene festzustellen, in denen Körper und Klang über die Stimme als Einheit präsent sind, wobei diese jeweils einzigartige Unität sowohl auf einer speziellen Körper- und Klangerfahrung des Interpreten beruht als auch – in rituellen oder zeremoniellen Situationen – transzendierend über sich hinausweisen kann. Die Bestimmung solcher "Rituale" soll zeigen, inwiefern sie sich von der Auffassung kulturell ritualisierter Handlungen, wie sie das traditionelle Konzert ausprägt, unterscheiden. Lautpoetische Experimente lassen dazuhin das Changieren zwischen Sprache, Sprachklang und Stimme deutlich werden.


Klangkunst – Performativität des Hörens und des Hörers

In der Klangkunst oder Sound Art, die sich in den letzten Jahrzehnten als Zwischenform von bildender Kunst und Musik etabliert hat, ist zu beobachten, daß der Wahrnehmungsprozeß, das Hören selbst, experimentellen Charakter erhalten kann. Dies steht im Zentrum dieses Untersuchungsabschnitts. Klanginstallationen oder -skulpturen werden zumeist als "akustische Szenen" unter Einbezug räumlicher Bedingtheiten – als "site specific art" – inszeniert. Räume, ihre Akustik, ihre Größenverhältnisse, ihre "Ausstattung", wirken sich somit auf die klanglichen Resultate aus, umgekehrt ergreifen die Klänge von Räumen Besitz. Es bleibt dem Hörer überlassen, sich zu den Klangaktionen zu verhalten; selbst bei interaktiven Installationen steht es ihm offen, Klänge zu verändern oder sie gar erst zu produzieren. Insofern eröffnet sich im Wahrnehmungsprozeß von Klangkunst eine performative Dimension, die auch für Installationen der bildenden Kunst gilt: entscheidend sind Vorgänge, die sich zwischen dem "Klangobjekt" und dem Hörer bzw. Zuschauer abspielen.


Sichtbarmachung von Klang

Die Untersuchung der Visualisierung von Klangereignissen zielt einmal in spezieller künstlerischer und allgemeiner theoretischer Richtung auf die mit und durch Musik in den letzten Jahrzehnten gemachte Erfahrung, Raum, Zeit und Bewegung neu zu erleben und zu denken. Es ist ein uraltes Phänomen, womöglich ein menschliches Grundbedürfnis, Klangereignisse bzw. musikalische Ereignisse mit visuellen Bewegungen einhergehen zu lassen. All dies tritt in ein neues Stadium durch die Möglichkeit zur technischen Repräsentation von Klang selbst. So schwer es zu ergründen ist, wie jeder einzelne Mensch sich die Phänomene Ton bzw. Klang vorstellt, so gibt es doch seit alters Paradigmen, durch die im Tonsystem geordnete Töne bzw. Klänge dargestellt werden, deren Wechsel – theoriegeschichtlich – von kaum zu unterschätzender Bedeutung ist. Die etwa vom Monochord zur Klaviatur weitaus komplexeren visuellen Darstellungsmöglichkeiten von Klang haben erhebliche Konsequenzen für die Auffassung dessen, wie Ton bzw. Klang begriffen werden. Auch diese Sichtbarmachung von Klang wirkt auf die theoretische Fassung des Phänomens zurück.






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