Grenzen von Geschlecht Praktiken, Räume, symbolische Formen
Das Teilprojekt führt in zwei Unterprojekten Forschungen weiter, die bisher unter dem Titel "Erzähltes Geschlecht Unendliche Geschichten in der erotischästhetischen Kultur des letzten Jahrhundertdrittels" standen. Der neue Titel entspricht dem Zurücktreten von Fragestellungen der Narrativik zugunsten einer ästhetischen, medientheoretischen und empirischen Orientierung. UP 1 (Gert Mattenklott) setzt die Forschungen über Jan Fabre fort, verlagert sein Zentrum aber aus dem Projektzusammenhang B4 hinaus auf den neuen Sfb-Schwerpunkt 1 (Subjekt, Körper Macht). Während im UP 3 (Volker Woltersdorff) im vorangegangenen Bewilligungszeitraum das theoretische Fundament für die Analyse subkultureller Ästhetiken erarbeitet wurde, werden im folgenden eine spezifische Subkultur (die sadomasochistische) und ihre ästhetische Produktion herausgegriffen und ihre Inszenierungen unter dem Aspekt von Macht, Gewalt und Geschlecht empirisch untersucht. Beschränkte sich das Analysematerial bislang auf Diskurse, sollen nun außerdem körperliche und materielle Praxen einbezogen werden. Das erlaubt einen Forschungszugriff auf die diskursiv schwer fassliche pathische Seite von Performativität. Das UP 3 ist künftig dem Schwerpunkt 1 zugeordnet.
Das Teilprojekt vollzieht den transmedial erweiterten Literaturbegriff der Philologien mit. So behält die bereits im letzten Antragszeitraum gewählte Orientierung auf andere figurative Künste, Medien und Performances ihre Gültigkeit. Beibehalten werden auch die bisherigen Leitfragen: Welche neuen performativen Phänomene sind im Zuge der kritischen Aus-einandersetzung mit der symbolischen und diskursiven Ordnung der Sex-Gender-Matrix ent-standen? Welche Strategien kommen in den verschiedenen Genderdiskursen, Identitätspolitiken und Ästhetiken zur Anwendung? Welche besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Medienwahl und -mischung? Neu ist die ausdrückliche Frage nach den raumzeitlichen Parametern, den Bedingungen interaktiver Bedeutungskonstitution und der Charakteristik ästhetischer Performanz im Sinn symbolischer Handlungen in Subkulturen.
Unterprojekt 1 (Gert Mattenklott): Jan Fabre
Das Ziel dieses Unterprojekts ist weiterhin die Erarbeitung einer Monographie über den Graphiker, Objektkünstler und Performer, den Theatermacher, Ballett- und Opernkünstler Jan Fabre. Die bisher durchgeführten Studien haben aber gezeigt, dass eine derartige Studie keine Künstlermonographie im herkömmlichen Sinn sein kann. Fabre hat zwar als traditioneller Graphiker, Performer und Filmemacher begonnen, doch hat er sich zur Ausführung seiner Unternehmungen sowie zu komplementierender Zuarbeit schon früh einer eigenen Agentur bedient. Anfangs eine Art gang, die sich aus dem lokalen Umfeld des Künstlers in Antwerpen rekrutierte, hat sich die factory mit den Jahren zu einer Art künstlerischen Gesamtsubjekts entwickelt. Eines der Ziele ist deshalb, das Verhältnis von individueller Künstlerproduktivität und dem Anteil der Troubleyn factory Fabres zu bestimmen, jenem agenturähnlicher Golem und Pluraletantum der Kunstproduktion "Fabre". Abgesehen von traditionellen Aufgaben einer Agentur scheint der Anteil der factory besondere Bedeutung für die Ausführung von Fabres künstlerischen Konzepten im Kontext der jeweiligen Aufführungssituation in einem globalen künstlerischen Kontext zu haben. Anders als im konventionellen Theater, wird das Stück mit dem Abschluss seiner Herstellung nicht seinem Schicksal überlassen, sondern gewinnt als work in progress an diversen Orte und Zeiten performativer Realisierung erst sein spezifisches Gewicht. Dergestalt ist die Delegierung (und in ihrer Folge die Anonymisierung) der künstlerischen Performanz vom Kunstproduzenten konventionellen Typs an eine Agentur eine eigentümliche ästhetische Variante, wie sie in großem Maßstab bisher allenfalls in der Musikindustrie beobachtet und beschrieben worden ist. Dieser gegenüber ist hier aber die Frage neu, ob und wie sich die Performance auf die künftige Gestalt des schriftlich fixierten Texts auswirkt. Mit UP3 teilt dieses Projekt also die Frage nach dem Verhältnis traditioneller Produktions- und Rezeptionsumstände zu deren Globalisierung.
Unterprojekt 3 (Volker Woltersdorff): Sadomasochistische Aufführungen gesellschaftlicher Widersprüche in Kunst, Subkultur und Internet
Das UP 3 möchte sich von einigen selbst formulierten Hypothesen provozieren lassen. Sie lassen sich etwa so formulieren: Das Feld der Macht in den modernen Gesellschaften wird durchgängig von sadomasochistischen Dynamiken durchzogen. Demnach gibt es ein Konti-nuum zwischen der sadomasochistischen Subkultur und der Performativität von Macht im Alltag. Begegnen sie dort eher als tabuisierter Subtext, so werden sie in der sadomasochistischen Subkultur und den von ihr inspirierten künstlerischen Arbeiten ins Zentrum gerückt. Dabei ergibt sich eine signifikante Verschiebung. Libidinöse Inhalte und Mechanismen im Wirken der Macht werden nicht einfach decouvriert, sondern ihr Gehalt wird durch eine besondere Rahmung so weit bearbeitet, dass sie allen Beteiligten Lust und sei es auch eine Schmerz- oder Angstlust bereiten soll. Während Widersprüche und Ambivalenzen sonst stören und ausgeblendet werden, stellen sie in sadomasochistischen Settings gerade einen besonderen Reiz dar und sollen intensiv durchlebt werden.
Mit der Möglichkeit zu einem spielerischen bzw. fingierendem Umgang mit Widersprüchen und Grenzen stehen subkulturelle sadomasochis-tische Praktiken in einem engen Verhältnis zu ästhetischen Praktiken. Das UP3 möchte diese besondere Qualität der Aufführung von Macht in der sadomasochistischen Subkultur, in ihrer virtuellen Ausformung im Internet und in ihren künstlerischen Bearbeitungen betrachten. Daran interessiert vor allem der Mehrwert für das Verständnis und die Kritik der Performativität von Macht, Gewalt, Subjekt, Geschlecht und Gemeinschaft. Deshalb unternimmt das UP den Versuch, »SM« als spielerischen Ausnahmezustand zu beschreiben, in dem Subjektpositionen prekär und vielfältige Grenzen überschritten, suspendiert und reaktualisiert werden. Eine abschließende Fragestellung besteht darin, ob »SM« als besondere Erkenntnisweise betrachtet werden kann, mit der Einsichten über die besondere Begehrensökonomie gewonnen werden können, mit der alle Beteiligten in die Repro-duktion von Herr-schaftspositionen eingebunden sind. Darunter fallen die Faszination von Gewalt und Autorität, die Lust an der Transgression und am politisch Unkorrekten, die keine Eigenart der sadomasochistischen Subkultur sind, sondern das kollektive Imaginäre einer Gesellschaft bestimmen.
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