B5 Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen.
Mimesis, praktisches Wissen und soziales Handeln

Unterprojekt: Familie

BEARBEITER/-IN:

Kathrin Audehm
Freie Universität Berlin
Sfb "Kulturen des Performativen"
Grunewaldstraße 35
D – 12165 Berlin

Tel.: +49 (0)30 - 838 503 56
Fax: +49 (0)30 - 838 503 65
e-mail: kathrin_audehm@web.de


PD Dr. Jörg Zirfas
Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine
Pädagogik
Arnimallee 11
D – 14195 Berlin

Tel.: +49(0)30 – 838 52726
Fax: +49(0)30 – 838 56698
e-mail:
juzirfas@aol.com

PROJEKTBESCHREIBUNG UND ERGEBNISSE

Erste Projektphase (1999-2001):

In der ersten Projektphase wurden in vier Familien die Interaktions- und Kommunikationsformen des alltäglichen Tischrituals mit Hilfe qualitativer Verfahren (Gesprächsaufzeichnungen, Teilnehmende Beobachtungen, Gruppendiskussionen, Leitfadeninterviews) untersucht.
Versteht man Rituale als cultural performances, dann erscheinen diese nicht allein als Repräsentationen einer symbolischen Ordnung, sondern als wirklichkeitserzeugende symbolische Praktiken. Ausgangspunkt der Untersuchung war die Überlegung, dass Familien darauf angewiesen sind, sich in Ritualen und Ritualisierungen immer wieder neu als Einheiten interagierender Personen hervorzubringen (Burgess). Gegenstand einer performativen Analyse des Familienessens als einer normativen Inszenierung und regulativen Darstellung der familiären Gemeinschaftlichkeit sind die Wechselwirkungen zwischen normativem Gehalt und szenischer Aktualisierung, die einen familientypischen, rituellen Erziehungsstil ausprägen.
Das Familienessen lässt die Anerkennungsbeziehungen und Autoritätsstrukturen innerhalb der einzelnen Familien sichtbar werden. Im Unterschied zu Ritualen der Einsetzung (Bourdieu) werden die Differenzen innerhalb der Familien aus der rituellen Inszenierung jedoch nicht ausgegrenzt, sondern das Tischritual ist ein Mittel, um die Differenzen der Familien symbolisch zu bearbeiten. Im Zentrum der Bearbeitung steht die Gestaltung des Generationenverhältnisses.
Bezogen auf die Ergebnisse der ersten Projektphase arbeitet Kathrin Audehm an ihrer Dissertation unter dem Titel Erziehung bei Tisch. Zur sozialen Magie eines Familienrituals.




Zweite Projektphase (2002-2004):

In der zweiten Phase werden in denselben Familien die Geburtstagsfeiern, das Weihnachtsfest und die Konfirmation untersucht. Ausgangspunkt dieser Untersuchung war die Frage, wie die Familien im Rahmen ihrer Festrituale den Übergang der Kinder in die Adoleszenz gestalten und das daraus resultierende Konfliktpotential kanalisieren. Das Projekt zielt auf einen Vergleich der Anerkennungsbeziehungen zwischen Alltags- und Festritualen und fokussiert die rituellen Dimensionen der Religiosität und Macht.
Während sich die Tradition des Tischrituals im Laufe der Zeit ergibt, wird mit den Geburtstagsfeiern bewusst eine eigene Tradition geschaffen, deren Regeln unter zunehmender Einbeziehung der Kinder flexibel genug sind, um im Rahmen des Festes eine Aktualisierung familiären Konfliktpotentials verhindern zu können.
Mit der Gestaltung des festlichen Rahmens und der religiösen Symbolik nimmt das Weihnachtsfest Bezug auf die kulturellen Traditionen der Herkunftsfamilien. Als die Familien in Gruppengesprächen potentielle Katastrophen für das Fest thematisierten, griffen sie nicht auf ihr vorhandenes kommunikatives Potenzial zurück, um die Bedrohlichkeit der Katastrophen aufzulösen, wodurch die realen Grenzen ihrer Gemeinschaftlichkeit sichtbar wurden.
Das Familienfest der Konfirmation hebt die Generationendifferenz für den Moment auf, in dem die Eltern das protestantische Glaubensbekenntnis ihrer Kinder öffentlich würdigen. Wenn die festliche Rahmung die gegenseitigen Gewissheiten der Gäste bestätigt, kann das Fest auf eine zeremonielle Form und dogmatische Setzungen verzichten. Die Festgemeinschaft stellt sich insbesondere in den Praxen des Schenkens dar, in denen die familientypischen Anerkennungsbeziehungen wiederholt und über den familiären Rahmen hinaus erweitert werden.
Aus machttheoretischer Perspektive verdeutlicht insbesondere die Analyse der Konfirmation den Zusammenhang zwischen der rituellen Inszenierung der Festgemeinschaft und der habituellen Inkorporierung des Konstruktionsprinzips familiärer Autorität. Dabei bestätigt sich, dass Erziehung in Ritualen nicht auf Disziplinierung zu beschränken ist. Wenn die Verbindung der religiösen Glaubensvorstellungen mit der Familienpraxis gelingt, werden diese zum einen individuell bedeutsam und zum anderen als kollektive Bildungsaufforderung für die Familie wirksam.
Über die Analyse familiärer Festrituale hinausgehend, ist Kathrin Audehm an der Arbeitsgruppe Ritual und an der Vorbereitung des für die dritte Phase geplanten Schwerpunktes V Transgression, Differenzierung, Hybridisierung unseres Sonderforschungsbereichs beteiligt.




Veröffentlichungen:

Audehm, Kathrin: Die Macht der Sprache. Performative Magie bei Pierre Bourdieu. In: Wulf, Christoph/Göhlich, Michael/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Grundlagen des Performativen. Eine Einführung in die Zusammenhänge von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim und München: Juventa 2001, S. 101-128

Audehm, Kathrin: On Authority and Recognition in Family Conversations. In: Qvarsell, Birgitta/Wulf, Christoph (Eds.): Culture and Education. Münster/New York/München: Waxmann 2003, S. 156-169

Audehm, Kathrin: Konfirmation. Familienfest zwischen Glauben, Wissen und Können. In: Wulf, Christoph u.a.: Bildung im Ritual. Schule, Familie, Jugend, Medien. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004, S. 211-240

Audehm, Kathrin: Ritual – Sprache – Körper. Das Performative als magischer Begriff aus Sicht der Erziehungswissenschaft. In: Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Innovation und Ritual. Jugend, Geschlecht und Schule, Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. 2. Beiheft (2004), S. 46-58

Audehm, Kathrin/Zirfas, Jörg: Performative Gemeinschaften. In: Sozialer Sinn. Heft 1, 2000 (Jg. 1), S. 29-50

Audehm, Kathrin/Zirfas, Jörg: Familie als ritueller Lebensraum. In: Wulf, Christoph u.a.: Das Soziale als Ritual. Zur performativen Bildung von Gemeinschaften. Opladen: Leske und Budrich 2001, S. 37-116

Audehm, Kathrin/Zirfas, Jörg: Die Familie als performative Gemeinschaft. In: Schuhmacher-Chilla/ Liebau, Eckhard/ Wulf, Christoph (Hrsg.): Pädagogische Institutionen. Weinheim: Beltz 2001, S. 107-125

Audehm, Kathrin/Zirfas, Jörg: Le cadre de vie rituel de la famille. In: Wulf, Christoph et al.: Penser le sociale comme rituel. La genèse des communautés. Paris : L´Harmattan 2004, S. 51-143

Zirfas, Jörg: Erziehungswirklichkeit(en) heute. In: Urban, C./Engelhardt, J. (Hrsg.): Wirklichkeiten im Zeitalter ihres Verschwindens. Münster: LIT Verlag 2000, S. 200-226

Zirfas, Jörg: Dem Anderen gerecht werden. Das Performative und die Dekonstruktion bei Jacques Derrida. In: Wulf, Christoph/Göhlich, Michael/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Grundlagen des Performativen. Eine Einführung in die Zusammenhänge von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim und München: Juventa 2001, S. 75-100

Wulf, Christoph/Zirfas, Jörg: Integration im Ritual. Performative Prozesse und kulturelle Differenzen. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. Heft 2, 2001 (Jg. 4), S. 191-208

Zirfas, Jörg/Wulf, Christoph: Das Performative als Focus erziehungswissenschaftlicher Forschung. Zur Bildung von Gemeinschaften in Ritualen. In: Schuhmacher-Chilla, D./Liebau, E./Wulf, Ch. (Hrsg.): Anthropologie pädagogischer Institutionen. Weinheim: Deutscher Studienverlag 2001, S. 89-106




Vorträge:

30. 10. 1999 Kathrin Audehm, Jörg Zirfas: Familie als performative Gemeinschaft
Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Essen

12. 11. 1999 Kathrin Audehm: Familienrituale und die Methode der Teilnehmenden Beobachtung
Bundesweiter Workshop der Qualitativen Bildungs- und Sozialforschung, Magdeburg

14. 4. 2000 Kathrin Audehm, Jörg Zirfas: Rituals and Education in Families
Biennale, Paris

3. 7. 2000 Kathrin Audehm, Jörg Zirfas: Family as a performative Institution
Symposion am Institute of Education, University of London

20. 9. 2000 Jörg Zirfas, Christoph Wulf: Performativität als Focus erziehungswissenschaftlicher Forschung?
Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Göttingen

22. 9. 2000 Kathrin Audehm: Rituals and Education in Families
Jahrestagung der European Educational Research Association (EERA), Edinburgh

24. 2. 2001 Kathrin Audehm, Jörg Zirfas: Familienrituale aus pädagogischer Sicht
Katholische Akademie, Bad Saarow

24. 9. 2001 Kathrin Audehm: Education and Learning in a Family Meal
24. 9. 2001 Jörg Zirfas: Moral and Education. Outline of an Ethic of Education and Formation
Tagung "The Use of Culture in Education - From Shared Meanings to Contest and Competition", Stockholm

12. 10. 2001 Jörg Zirfas: Die Heilige Familie und ihre pädagogischen Konsequenzen
Tagung der Kommission Pädagogische Anthropologie, Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Augsburg

29. 11. 2001 Jörg Zirfas: Rituale der Grausamkeit. Performative Praktiken der Folter
30. 11. 2001 Kathrin Audehm: Körper, Macht und Sprache. Wirklichkeitserzeugung im Ritual
Internationale Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen", Berlin

26. 3. 2002 Jörg Zirfas: Sozialisation als performativer Prozess. Ethnographische Überlegungen zu rituellen Praktiken in der Familie.
18. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in München, Symposion "Innovation und Ritual"

6. 4. 2002 Kathrin Audehm: Language, Rituals and Power – Education as performative Magic
Internationale Jahrestagung der Philosophy of Education Society of Great Britain (PESGB), Oxford

10. 12. 2002 Kathrin Audehm: Aspects of Performativity
Workshop am Institut für Lehrerbildung, Stockholm

24. 5. 2003 Kathrin Audehm, Jörg Zirfas: Grenzziehungen und Übergänge. Der Umgang mit der Generationendifferenz im Familienritual
Jahrestagung der Sektion Soziologie der Kindheit, Deutsche Gesellschaft für Soziologie, Wittenberg

31. 10. 2003 Kathrin Audehm, Robert Schmidt: Ritual und Habitus. Habitusbildung und Habitustransformation in Ritualen der Popkultur und Familie
Tagung "Ritualbegriff und Ritualanalyse" der kulturwissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Konstanz




Geplant:

14. 10. 2004 Kathrin Audehm: Familie – Alltägliche Rituale als paradoxe Inszenierungen
Internationaler Kongress "Ritual & Grenzerfahrung – Dynamik und Wirksamkeit von Ritualen", Heidelberg

3. 12. 2004 Kathrin Audehm: Alltags- und Festrituale in Familien
Bildungswerk der Evangelischen Kirche, Berlin



| oben | Projektliste | Homepage | SUCHEN | Stand: 06/04