B5 Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen.
Mimesis, praktisches Wissen und soziales Handeln

Unterprojekt: Kindheit und Jugend

BEARBEITERINNEN:

Anja Tervooren
Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine Pädagogik
Arnimallee 11
D-14195 Berlin

Tel.: +49(0)30 - 838 55851
Fax: +49(0)30 - 838 56698
e-mail:
anjaterv@zedat.fu-berlin.de


Dr. Birgit Althans
Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine Pädagogik
Arnimallee 11
D-14195 Berlin

Tel.: +49(0)30 - 838 52730
Fax: +49(0)30 - 838 56698
e-mail:
balthans@zedat.fu-berlin.de

PROJEKTBESCHREIBUNG:

Erste Projektphase (1999-2001):

Kultur unter Kindern weist sich durch körperliche und performative Komponenten aus: Kinder agieren miteinander in hohem Maße durch Bewegungen, Berührungen, Spiele und Wettkämpfe. Die Untersuchung von Ritualen und Spielen ermöglicht einen Zugang zur Kinderkultur, der das praktische Wissen von Kindern und dessen körperliche Vollzüge in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt. Unter dem Fokus der Entstehung von Gemeinschaft werden Pausenaktivitäten und hier v.a. Spiele der Kinder, Aktivitäten in und um den Unterricht herum und der Umgang mit Medien untersucht, um zu einer "dichten Beschreibung" körperlicher Aufführungen und ihrer rituellen Elemente zu kommen. Der Schwerpunkt der methodischen Erhebung liegt auf Beobachtungsverfahren: während die Teilnehmende Beobachtung die Interaktionen der Kinder untereinander in ihrem Kontext und ihrer Vielfalt erarbeitet, erhöht die videogestützte Beobachtung den Detaillierungsgrad der Beschreibung von Gestik, Mimik, Berührungen und der Haltungen der Körper zueinander. Ergänzend dazu werden Gruppendiskussionen unter der Frage nach Freundschaftsbildungen, Stilen und gemeinsamen Orientierungen ausgewertet.
In der Debatte der Geschlechterforschung innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften in den 90er Jahren wurden Beschreibungen von Körpern als Aufführung und kulturelle Konstruktionen in engem Zusammenhang mit der Hervorbringung von Geschlecht, aber auch mit dessen Überschreitung, Neutralisierung und Ironisierung in Handlungsvollzügen diskutiert. Die Arbeitsgruppe Kinderkultur, die eng mit den Arbeitsgruppen Medien und Schule kooperiert und in dem gemeinsam erhobenen Material auf das Thema Geschlecht fokussiert, erarbeitet auf dieser Grundlage methodische Konsequenzen für die Beschreibung sowohl von Kinderkulturen als auch von Geschlecht als alltägliche Aufführung.



Zweite Projektphase (2002-2004):
Im Kontext der Globalisierung erhalten Hybridisierungen, Säkularisierungen und Re-Ethnisierungen religiöser und kultureller Traditionen zunehmende Bedeutung. Ausgehend vom Handeln von Jugendlichen, die in einem der Berliner Innenstadtbezirke leben, erarbeitet das Projekt die Schnittstelle von Religion und kulturellen Differenzen mit ethnographischen Methoden. Aus den Ergebnissen der ersten Phase des Projekts ergaben sich Zweifel an der Verallgemeinerung der These von der religiösen "Entzauberung" (Weber) der Moderne. In der zweiten Phase soll daher der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Kollektivwirklichkeit einer Gemeinschaft von Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 14 Jahren durch religiöse und sakrale Elemente geprägt und organisiert wird. Der bisherige Schwerpunkt des Unterprojektes auf der Performativität von Geschlecht wird in Richtung der wechselseitigen Beeinflussung von kultureller Differenz und Geschlecht ausgebaut und auf das Thema des Religiösen bezogen. Dabei wird der Frage nachgegangen, auf welche Weise Unterschiede performativ hergestellt, Zugehörigkeiten inszeniert und Übergänge und Abgrenzungen zwischen Gruppen von Jugendlichen über rituelle Formen des Handelns gestaltet werden.
Um deutlich zu machen, mit welchen performativen Mitteln hier die spezifischen Machtverhältnisse und Zugehörigkeiten inszeniert werden, sollen die Techniken des Körpers (Mauss) der Jugendlichen skizziert werden. Die Untersuchung fokussiert deshalb Darstellungs- und Inszenierungspraktiken sowie Gesten- und Körpersprachen und geht der Frage nach, wie Gruppen von Jugendlichen wechselseitige ritualisierte Interaktionsmuster interkulturellen Handelns ausbilden und aufführen. Darüber hinaus werden die für die Jugendlichen relevanten religiösen Makrorituale, z.B. religiöse Feste oder Initiationsrituale im Übergang zum Erwachsenenstatus ermittelt, beobachtet und videographiert und die Jugendlichen selbst in Gruppendiskussionen zum Stellenwert von Religion in ihrem Alltag befragt. Auf diese Weise werden die Schnittstellen von Mikro- und Makroritualen im Kontext der Lebenswelt der Jugendlichen erarbeitet und deren Selbstbildungsprozesse in den Mittelpunkt gestellt.



ERGEBNISSE:

Veröffentlichungen:

Althans, Birgit: Die Stadt als performativer Raum. In: Wulf, Christoph/Althans, Birgit/Audehm, Kathrin/Bausch, Constanze/Göhlich, Michael/Sting, Stephan/Tervooren, Anja/Wagner-Willi, Monika/Zirfas, Jörg: Das Soziale als Ritual. Opladen 2001, S. 19-36

Althans, Birgit: Transformationen des Individuums. Michel Foucault als Performer seines
Diskurses und die Pädagogik der Selbstsorge. In: Wulf, Christoph/Göhlich, Michael/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Grundlagen des Performativen. Zum Verhältnis von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim 2001, S. 126-155

Bausch, Constanze/Sting, Stephan/Tervooren, Anja: Medien zwischen Institution und Ritual. In: Schumacher-Chilla, Doris/ Liebau, Eckard/ Wulf, Christoph (Hrsg.): Pädagogische Institutionen. Weinheim 2001, S. 141-156

Tervooren, Anja: Körper, Geschlecht und Inszenierung. Judith Butlers Konzept der Performativität der Geschlechtsidentität. In: Wulf, Christoph/Göhlich, Michael/Zirfas, Jörg (Hrsg.): Grundlagen des Performativen. Zum Verhältnis von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim 2001, S. 157-180

Tervooren, Anja: Pausenspiele als performative Kinderkultur. In: Wulf, Christoph/Althans, Birgit/Audehm, Kathrin/Bausch, Constanze/Göhlich, Michael/Sting, Stephan/Tervooren, Anja/Wagner-Willi, Monika/Zirfas, Jörg: Das Soziale als Ritual: Zur performativen Bildung von Gemeinschaften. Opladen 2001, S. 205-248

Tervooren, Anja: Children Dealing with Racist Name Calling: Play and Performance as Politics? In: Shelley Heath, Birgitta Qvarsell, Christoph Wulf (Eds.): Culture and Education (erscheint 2002)

Tervooren, Anja: "Es hängt alles irgendwie am Geschmack..." Initiationen in eine Mädchenclique. In: Christoph Wulf/Jörg Zirfas (Hrsg.): Zur Innovation pädagogischer Rituale. Jugend, Geschlecht und Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 2. Beiheft 2002 (erscheint im Herbst 2002)

Althans, Birgit: Der Klatsch, die Frauen und das Sprechen bei der Arbeit. Frankfurt/
New York 2000

Althans, Birgit: Lernangebote mit nicht beabsichtigten Folgen. Probleme eines Curriculums in der Jugendberufshilfe. In: Neue Praxis 5/2000 (485-499)


Vorträge:

30. 10. 1999 Anja Tervooren, Constanze Bausch, Stephan Sting: Medien zwischen Institution und Ritual. Die Gestaltung von Medienritualen in Peer-Groups
Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Essen

14. 4. 2000 Anja Tervooren, Constanze Bausch, Stephan Sting: Media Rituals – Transforming Media Experience into Peer-Practice
Biennale, Sorbonne, Paris

3. 7. 2000 Anja Tervooren: Practical Knowledge and Rituals in Children´s Culture. Gender and Method
Symposion, Institute of Education, University of London

25. 5. 2001 Anja Tervooren: Zwischen den Geschlechtern. Die Aufführung des Sozialen im schulischen Kontext (Posterpräsentation)
Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Sektion für Frauen- und Geschlechterforschung, Halle

24. 9. 2001 Anja Tervooren: About Apes, wops and cameldrivers. Ritual insults among children.
Tagung: "The Use of Culture in Education - From Shared Meanings to Contest and Competition", Stockholms universitet

1. 12. 2001 Birgit Althans: Klatsch-Rituale. Internationale Jahrestagung des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" an der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin

Geplant:

26. 3. 2002 Anja Tervooren: "Es hängt alles irgendwie am Geschmack." Rituale einer Mädchenclique
18. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in München, Symposion "Innovation und Ritual"

27. 3. 2002 Birgit Althans/Michael Göhlich: Rituelles Wissen und organisatorisches Lernen
18. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in München, Symposion "Innovation und Ritual"


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