B5 Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen.
Mimesis, praktisches Wissen und soziales Handeln

Unterprojekt: Medien

BEARBEITER/-IN:

Constanze Bausch
Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine Pädagogik
Arnimallee 11
D - 14195 Berlin

Tel.: +49 (0)30 – 838 52726
Fax: +49 (0)30 – 838 56698
e-mail:
cbausch@zedat.fu-berlin.de

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Benjamin Jörissen
Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine Pädagogik
Arnimallee 11
D – 14195 Berlin

Tel.: +49 (0)30 - 838 52836
Fax: +49 (0)30 – 838 56698
e-mail:
joeriben@zedat.fu-berlin.de

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PROJEKTBESCHREIBUNG:

Erste Projektphase (1999-2001):
These ist, dass die inszenierten Darstellungsformen des Fernsehens in der Alltagspraxis sozialer Gemeinschaften in informellen und habitualisierten Ritualisierungsprozessen bearbeitet werden. Für die qualitativ-empirische Untersuchung medienbezogener Ritualisierungsprozesse wurde innerhalb des Forschungsprojektes die Methode der Videoinszenierung entwickelt, bei der Gruppen vor und mit einer Videokamera spontan Inszenierungen entwickeln und filmen. Das mit dieser Provokation des Inszenatorischen erhobene, audiovisuelle Material ermöglicht einen brennglasähnlichen Blick auf die Dynamik sozialer Prozesse als körperlich-sprachliche Aushandlungsprozesse im Spannungsfeld von Fernsehbild und Körperpraxis sowohl auf der Materialerhebungs- wie auf der Analyseebene.
In den Jahren 1999 und 2000 wurden mehrere Video-Arbeitsgemeinschaften an einer Berliner Grundschule durchgeführt, in denen Peergroups in die Videoarbeit eingeführt wurden und eigenständig Filmsequenzen entwickeln und drehen konnten. Die Sequenzen werden in einem kleinteiligen Verfahren der qualitativ-empirischen Sozialforschung analysiert. Von besonderem Interesse sind hierbei Effekte, Resonanzen und Bearbeitungen des wirklichkeitsinszenierenden Mediums Fernsehen in der Handlungswirklichkeit von Gemeinschaften. In diesem audiovisuellen Datenmaterial wird der gemeinschaftsstiftende Charakter des Fernsehens auf der Ebene konkreter Gruppeninteraktionen sichtbar. Die Kinder im Alter von 10 -13 Jahren nutzen mediale Inhalte für Gemeinschaftsbildungsprozesse, indem sie auf die Fernsehwelt als transkonjunktiven (Schäffer) reziprok anerkannten Bezugsrahmen von Bildern und Handlungsformen zurückgreifen, den sie als Modell und Orientierungsmuster ihres körperlichen Handelns miteinander nutzen. Auffällig ist hierbei insbesondere die starke Prägekraft von Sendeformaten für kollektive Aufführungspraxen.
In den informellen Ritualisierungsprozessen der Peergroups zeigt sich im Spiel der Körper ein Oszellieren der Bilder zwischen Disziplinierung und Gestaltung, zwischen Distanzierung und Verkörperung, zwischen Affirmation und Parodie. Dabei ist es gerade die kreative Macht der Körper, die die medialen Vorgaben nicht wiederholen, sondern sie aggressiv bis karnevalesk umgestalten.



Zweite Projektphase (2002-2004):
In der zweiten Forschungsphase werden Medienrituale hinsichtlich des gemeinschaftskonstitutiven Beziehungs- und Aushandlungsfeldes von jugendkulturellen Netzwerkpartys untersucht. Am Beispiel der jugendkulturellen Veranstaltung "LAN-Partys" (LAN: Local Area Network), auf denen kollektiv Computerspiele, insbesondere "Ego-Shooter", gespielt werden, konnten anhand der mikroanalytisch vorgehenden Materialanalyse rituelle Inszenierungsformen der technischen Objekte (Computer und Netzwerk) wie die rituelle Aufführung von Gewaltkontrolle herausgearbeitet werden.
LAN-Partys werden als ludisches und hybrides Ritual junger Männer analysiert, das sich von dem alltäglichen Online-Alltag der Spieler abhebt und in ihrer real-körperlichen Copräsenz die virtuelle Gemeinschaft pars pro toto "authentifiziert". Das Ritual der LAN-Party ist räumlich wie zeitlich (Spielzeit geht über ein ganzes Wochenende) markiert und zeichnet sich durch impliziten Einschluß aus: Teilnahmebeschränkung ist Volljährigkeit und Clan-Zugehörigkeit. Es kann gezeigt werden, dass der rituelle Raum der LAN-Party durch symbolisch aufgeladene Technik erzeugt wird, die eine Ordnung der Selbstähnlichkeit ermöglicht, die im Unterschied zur normativen Ordnung der Körper in Ritualen steht und dennoch eine rituelle Gemeinschaftskonstitution hervorbringt. In diesem gemeinschaftlichen rituellen Raum führt sich die "Community" als Verbund engagierter Clan-Gemeinschaften durch die Inszenierung sowohl kommunitärer Territorien als auch des Teamkörpers im performativen Vollzug des Spielens auf.
Das Spielen von Ego-Shootern auf der LAN-Party – am Beispiel des zumeist gespielten Multi-Player-Ego-Shooters Counterstrike - ermöglicht eine rituelle Bearbeitung von Gewalt, 1) indem die Figurationen von Gewalt (Blut, sterbende Körper, Waffen) rationalisiert sind und diese Rationalisierung als Legitimationsstrategie für das Spielen fungiert, 2) indem Gewalt verstanden als kämpferische Auseinandersetzung von Teams im virtuellen Raum im performativen Vollzug des Spielens in einer Art Teamflow transzendiert wird, und 3) die Austragung gewalttätig figurierter Kämpfe im virtuellen Raum deutlich von der sozialen Ebene der LAN-Party getrennt wird, wobei diese gemeinschaftskonstitutive Trennung die Auseinandersetzung in den Raum des Spiels verschiebt und somit die Gemeinschaft vor gewalttätigen Übergriffen reinigt und eine friedfertige Inszenierung der LAN-Party sichert (im Gegenteil bspw. zu wiederholt stattfindenden gewalttätigen Auseinandersetzungen auf jugendkulturellen rituellen Veranstaltungen wie Sport- oder Musikveranstaltungen). LAN-Partys führen durch genau diese – von den Spielern beharrlich eingeforderte – Trennung der Wirklichkeitsebenen eine Koexistenz von virtuellem Kampf und friedfertiger Sozialität auf, wobei der virtuelle Kampf auf männerbündische Traditionslinien verweist und als implizites Ausschlusskritierium weiblicher Spielerinnen gelten kann.



ERGEBNISSE:

Veröffentlichungen

BAUSCH, Constanze; JÖRISSEN, Benjamin: Das Spiel mit dem Tod. Bild, Körper und Raum in Action-Computergames. In: WULF, Christoph; ZIRFAS, Jörg (Hg.): Ikonologie des Performativen. (Im Erscheinen).

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan: Mediensozialisation und Telesexualität. Zur mediengestützten Aneignung von Sexualität und Geschlecht bei Kindern. (Im Erscheinen).

BAUSCH, Constanze; JÖRISSEN, Benjamin: Erspielte Rituale. Kampf und Gemeinschaftsbildung auf LAN-Partys. In: WULF, Christoph; ALTHANS, Birgit; AUDEHM, Kathrin; BAUSCH, Constanze; JÖRISSEN, Benjamin; MATTIG, Ruprecht; TERVOOREN, Anja; WAGNER-WILLI, Monika; ZIRFAS, Jörg: Bildung im Ritual. Schule, Familie, Jugend, Medien. Opladen: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004. S. 305-359.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan: Mises en scène médiatiques rituelles dans les peergroups. In: WULF, Christoph; ALTHANS, Birgit; AUDEHM, Kathrin; BAUSCH, Constanze; GÖHLICH, Michael; STING, Stephan; TERVOOREN, Anja; WAGNER-WILLI, Monika; ZIRFAS, Jörg: Penser les pratiques sociales comme rituels. Ethnographie et genèse de communautés. Paris, L'Harmattan, 2004. S. 297-388.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan: Ritual Media Enactments in Peer Groups. In: WULF, Christoph; ALTHANS, Birgit; AUDEHM, Kathrin; BAUSCH, Constanze; GÖHLICH, Michael; STING, Stephan; TERVOOREN, Anja; WAGNER-WILLI, Monika; ZIRFAS, Jörg: Ritual Practices of the Social. Performative community-building in family, school and media. (In Vorbereitung).

JÖRISSEN, Benjamin: Virtual Reality on the Stage. Performing Community at a LAN-Party. In: HERNWALL, Patrik (Hg.): Envision. The New Media Age and Evryday Life. Digital Thoughts, Nr. 2 (2004). S. 23-40.

BAUSCH, Constanze: Wunderschöne Rituale? Ritualisierungsprozesse von Mädchen zwischen Fernsehbild und Körperpraxis. In: WULF, Christoph; ZIRFAS, Jörg (Hg.): Innovation und Ritual. Jugend, Geschlecht und Schule. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft. 2. Beiheft (2003). S. 143-155.

BAUSCH, Constanze: Collapsing Towers. Pictures of Power and the Power of Pictures. In: QVARSELL, Birgitta; WULF, Christoph (Hg.): Culture and Education. Münster/New York/München: Waxmann, 2003. S. 135-142.

JÖRISSEN, Benjamin: Who's online? Anthropological remarks on the construction of self and other in computer-mediated communication. In: QVARSELL, Birgitta; WULF, Christoph (Hg.): Culture and Education. Münster/New York/München: Waxmann, 2003. S. 122-134.

JÖRISSEN, Benjamin: Virtually different – interkulturelle Erfahrungsräume im Internet. In: WULF, Christoph; MERKEL, Christine (Hg.): Globalisierung als Herausforderung der Erziehung. Theorien, Grundlagen, Fallstudien. Münster/New York/München: Waxmann, 2002. S. 308-338.

BAUSCH, Constanze: "0190 - ruf mich an!" Ferngesehene Sexualität unter Kindern. In: Kindheit. Psychologie und Gesellschaftskritik. 102/103 (2002), Nr. 2/3. S. 113-126.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan: Rituelle Medieninszenierungen in Peergroups. In: WULF, Christoph; ALTHANS, Birgit; AUDEHM, Kathrin; BAUSCH, Constanze; GÖHLICH, Michael; STING, Stephan; TERVOOREN, Anja; WAGNER-WILLI, Monika; ZIRFAS, Jörg: Das Soziale als Ritual. Zur performativen Bildung von Gemeinschaften. Opladen: Leske und Budrich 2001, S. 249-323.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan; Tervooren, Anja: Medien zwischen Institution und Ritual. Medienrituale in Peergroups. In: SCHUHMACHER-CHILLA, Doris; LIEBAU, Eckard; WULF, Christoph (Hg.): Pädagogische Institutionen. Weinheim 2001, S. 141-156.

BAUSCH, Constanze: Die Inszenierung des Sozialen. Erving Goffman und das Performative. In: WULF, Christoph; GÖHLICH, Michael; ZIRFAS, Jörg (Hg.): Grundlagen des Performativen. Eine Einführung in die Zusammenhänge von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim und München 2001, S. 203-225.

JÖRISSEN, Benjamin: Aufführungen der Sozialität. Aspekte des Performativen in der Sozialphilosophie George Herberts Meads. In: WULF, Christoph; GÖHLICH, Michael; ZIRFAS, Jörg (Hg.): Grundlagen des Performativen. Eine Einführung in die Zusammenhänge von Sprache, Macht und Handeln. Weinheim und München 2001, S. 181-201.



Vorträge

JÖRISSEN, Benjamin: Inszenierung jugendlicher Gemeinschaft beim Computerspielen. Ethnographische Forschungen auf einer LAN-Party, Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Zürich, 22. März 2004.

BAUSCH, Constanze; JÖRISSEN: LAN-Parties - Erspielte Rituale? Gemeinschaftsbildung zwischen Ritual und Spiel in Netz-Communities. Kooperationstreffen "Ritualbegriff und Ritualanalyse" der kulturwissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Universität Konstanz, 31. Oktober 2003.

BAUSCH, Constanze: Games People Play, acadamy of converging media, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, 28. Juli 2003.
Virtual Reality on the Stage. Performing Community at a LAN-Party, Conference "The New Media Age and Everyday Life”, Stockholm, 18. Juni 2003.

BAUSCH, Constanze; JÖRISSEN, Benjamin: Das Spiel mit dem Tod. Bild, Körper und Raum in Action-Computergames, Tagung "Ikonologie des Performativen" im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen", Berlin, 14. Juni 2003.

BAUSCH, Constanze: Inszenierte Sexualität in der Kinderkultur, HS "Kinder und jugendkulturelle Verhandlungen von Geschlecht und Sexualität", Freie Universität Berlin, 3. Juni 2003.

BAUSCH, Constanze: Genesis lite. Religiöse Funktion des Fernsehens, Theologisches Seminar der Humboldt Universität zu Berlin, 14. Januar 2003.

BAUSCH, Constanze: Sex sells? Die Sexualisierung der Jugendkultur, Expertenrunde der Redaktion "Zeitpunkte", Radio Kultur, Sender Freies Berlin, 28. November 2002.

BAUSCH, Constanze: Games People Play, acadamy of converging media, Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, 17. Juli 2002.

STING, Stephan; GÖHLICH, Michael; ZIRFAS, Jörg: Gemeinschaft als Fokus ethnographischer Pädagogik, 18. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft in München, Arbeitsgruppe "Ethnographische Pädagogik", 25. März 2002.

STING, Stephan: Medienbezogene Ritualisierung in Kinder-Peergroups am Beispiel von Talkshows.
Ringvorlesung "Medien, Sozialisation und Bildung" der Fakultät Erziehungswissenschaft, Technische Universität Dresden, 12. Dezember 2001.

BAUSCH, Constanze: Vom Ritual der Schönheit. Mediale Inszenierung und rituelle Aufführung, Internationale Jahrestagung "Rituale" des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen", Haus der Kulturen der Welt, Berlin, 1. Dezember 2001.

BAUSCH, Constanze: Collapsing Towers. Pictures of Power and Power of Pictures, Internationale Tagung "The Use of Culture in Education - From Shared Meanings to Contest and Competition", Stockholms universitet, 28. September 2001.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan: Television as Performative Medium: Its Role in Peer Group Building, Symposion, Institute of Education, University of London, 3. Juli 2000.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan; TERVOOREN, Anja: Media Rituals – Transforming Media Experience into Peer-Practice, Biennale, Sorbonne, Paris, 14. April 2000.

BAUSCH, Constanze; STING, Stephan; TERVOOREN, Anja: Medien zwischen Institution und Ritual. Die Gestaltung von Medienritualen in Peer-Groups, Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, Essen, 30. Oktober 1999.



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