B6 Die Aufführung der Gesellschaft in Spielen


Vorhaben:

Neu entstandene Spiele können als Indikatoren für grundlegende Veränderungsprozesse in der Gesellschaft verstanden werden. Wir nehmen an, dass der hier angezeigte Wandel sich auch in den sozialen Tiefenstrukturen vollzieht, die als intermediäre Strukturen sowohl die neuen Spiele als auch andere soziale Felder (z.B. Arbeitssituation und Familienstruktur) organisieren. Veränderungen der intermediären Strukturen sollen in zwei Richtungen untersucht werden: zum einen von den Veränderungen in der Arbeitswelt in Richtung auf neue Spielpraktiken; zum anderen von neuen Spielen in Richtung auf die berufliche Situation der Spieler.
In den neuen Berufen mit elektronischen Arbeitsplätzen wird der körperliche Habitus nicht mehr, wie noch bei traditioneller Berufsarbeit, durch die materielle Arbeitssituation ausgeprägt. Vermutet wird, dass sich die Handelnden den unausgebildeten, aber für die Vermittlung von Individuum und Gesellschaft notwendigen körperlichen Habitus u.a. in performativen Aktivitäten der Freizeit, insbesondere auf dem expandierenden Markt der neuen Sportpraktiken, besorgen. Kennzeichnend für diese Praktiken ist die Suche von Risiken und Abenteuer.
Das Teilprojekt wird in die Richtung sowohl der Theoriebildung als auch der empirischen Forschung an exemplarischen Fällen entwickelt. Die Forschungsarbeit gliedert sich in drei Unterprojekte: 1. zu den theoretischen Grundlagen für eine Untersuchung der intermediären Strukturen, 2. zum sozialen Gebrauch des Körpers von Vertretern neuer Berufe und ihrer Wahl eines körperlichen Habitus, 3. zu den sog. Risikosportarten und den Positionen, welche die Teilnehmer im sozialen Raum einnehmen.


Unterprojekt 1: "Ausarbeitung einer Theorie der intermediären Strukturen der Gesellschaft"

Im Unterprojekt 1 werden die theoretischen Grundlagen für die Untersuchung der intermediären Strukturen erarbeitet, die die Beziehungen zwischen Spielen und anderen sozialen Feldern regeln. Die begrifflich-soziologische Arbeit findet in enger Verzahnung mit den beiden empirisch orientierten Unterprojekten 2 und 3 statt. Angestrebt ist eine empirisch begründete Theorie des Spiels im Anschluß an Caillois.
Das theoretische Konstrukt der intermediären Strukturen soll ausgehend vom Begriff der "Homologie der sozialen Felder" (Bourdieu/Wacquant) entwickelt werden. Nach Bourdieus Annahmen werden die homologen Beziehungen zwischen den unterschiedlichen sozialen Feldern durch den Habitus der einzelnen Subjekte hergestellt. Es wird von der Vermutung ausgegangen, dass sich für eine Beschreibung solcher homologer Strukturen über-individuelle, über die einzelnen Habitus hinausreichende Konzepte zur gemeinsamen Kennzeichnung der Spiele als auch der anderen sozialen Felder konstruieren lassen. Es handelt sich dabei um Tiefenstrukturen, die die Beziehungen zwischen den Feldern herstellen. So lassen sich beispielsweise zwischen dem Feld der Spiele und jenem der Familie und Partnerschaft intermediäre Strukturen feststellen, die beide Felder organisieren. Eine dieser Strukturen soll am Beispiel der Gemeinschaftsbildung entwickelt werden. Es wird dabei von der Annahme ausgegangen, dass die neuen Formen der Gemeinschaftsbildung in Spielen und die neuen Weisen des partnerschaftlichen und familialen Zusammenlebens mit Hilfe der gleichen Tiefenstruktur erzeugt werden. So wird zum Beispiel in beiden Bereichen auf traditionelle Rahmungen und institutionell garantierte Sicherheiten verzichtet, in beiden Feldern nimmt beispielsweise die Bedeutung von Attributen für die Konstitution von Gemeinschaftlichkeit zu. Diese Annahmen sollen mit Hilfe neuerer familiensoziologischer Forschungsergebnisse fundiert und zur konzeptionellen Elaboration der intermediären Strukturen verwendet werden. Als weitere intermediäre Strukturen sollen an den neuen Spielen außerdem der Darstellungsaspekt des Körpers und die emotive Besetzung technischer Objekte entwickelt werden.


Unterprojekt 2: "Der soziale Gebrauch des Körpers bei Angehörigen neuer Tätigkeitsbereiche in der Informations- und Kommunikationstechnologie"

Mit der Informatisierung der gesellschaftlichen Arbeit und der anhaltenden Abwanderung der Lohnarbeit aus dem Sektor der Produktion in den der Dienstleistungen verliert die Welt der Arbeit an körperlicher Prägekraft. Dies hat auch Auswirkungen auf die Bedeutung von Beruflichkeit. Der berufliche Habitus, der – wie einschlägige Untersuchungen gezeigt haben – bei einer herkömmlichen mehrstufigen und langfristigen Integration in die Arbeitswelt schon in der Ausbildung wie in einem physischen Trainingsprozess herausgebildet wird, verliert unter den neuen Bedingungen an Kontur; er wird diffus. Gleichzeitig wachsen – komplementär zur Erosion der habitusprägenden Aspekte der Erwerbsarbeit – die Angebote zur Formung von Körper und Selbst in den Bereichen der Nichtarbeit explosionsartig an.
Vor diesem allgemeinen Hintergrund untersucht das Projekt den sozialen Gebrauch des Körpers bei Angehörigen neuer Tätigkeitsbereiche in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Die empirische Untersuchung konzentriert sich auf Arbeitssituationen, die durch berufskulturelle Traditionen kaum noch tangiert werden, gleichzeitig aber über eine große gesellschaftliche Sichtbarkeit verfügen. Ziel ist es, die Körperkultur solcher neuen Arbeitsbereiche zu entschlüsseln. Dabei sollen die Verknüpfungen zwischen den spezifischen körperlichen Anforderungen der Tätigkeiten und den von den Akteuren bevorzugten körperlichen Aktivitäten in der Freizeit besondere Beachtung finden.
Das Projekt verfolgt eine ethnografische Forschungsstrategie. Leitend ist hierfür die Annahme, dass Bereiche der Arbeitswelt als Kulturen unterschiedlicher 'Ethnien' dargestellt werden können. 'Ethnie bezeichnet dabei eine Menge von Personen, die sich aufgrund einer gemeinsamen Kultur als Gruppe verstehen. Methodisch werden Expertenbefragungen, qualitative Interviews und teilnehmende Beobachtungen miteinander kombiniert.


Unterprojekt 3: "Das Spiel mit dem Risiko und seine Stellung in der Gesellschaft"

Das Projekt befasst sich mit der Rekonstruktion der Entstehungs- und Verbreitungsmuster von Risikosportarten sowie der Analyse des Risiko-, Abenteuer- bzw. Wagnis-Prinzips in diesen Sportpraktiken mit dem Ziel, eine empirisch gestützte Typologie neuer risiko-zentrierter Spielkulturen zu entwickeln. Dabei gilt es, die jeweilige Risikosportart unter sporttechnischen Gesichtspunkten zu charakterisieren; ihre Szenerien detailliert zu beschreiben; mittels einer komparativen Analyse unterschiedliche Typen von Risikosportarten untereinander sowie mit dem klassischen Sport zu vergleichen; die selbst auferlegten Verhaltensregeln in Risikosituationen als ein implizites Ethos zu rekonstruieren und mit der Leistungsethik der traditionellen Sportarten zu kontrastieren; die Befragten im sozialen Raum zu verorten, Rückschlüsse auf deren biographische Strategien sowie deren Einstellungen zu technischen Objekten innerhalb und außerhalb des Sports zu ziehen.
Die untersuchten Risikosportarten werden so ausgewählt, dass sie das Spektrum der Risikosportarten unter dem Aspekt der Kontrolle (Selbstkontrolle versus Externalisierung der Kontrolle) erfassen und exemplarische, verallgemeinerbare Falldarstellungen mit weitgehend erwachsenen TeilnehmerInnen zulassen: 1. Bungee-Jumping: Externalisierung der Kontrolle in die Technik bzw. professionelle Anleitung; 2. Paragliding: Abhängigkeit von der Technik bei gleichzeitiger Kontrolle des Gleitschirms; 3. Free-Climbing: Verzicht auf technologische Unterstützung bei der Absicherung, zugleich Verwendung von high-tech Produkten (z.B. spezielles Schuhwerk); die Kontrolle über die Aktivität liegt ausschließlich beim Kletterer. Eine vierte Dimension bildet die Untersuchung verschiedener Events, insbesondere solche, die eine maßgeblich von der Sportartikelindustrie, special-interest-medien und professionalisierter Expertenkultur organisierte theatralische Manifestation der neuen Medien darstellen.
Als Methoden werden verwendet: ethnographische Beobachtungen und Beschreibungen des Feldes der jeweiligen Sportart; Analysen der Repräsentation der Sportart und der eigenen bzw. gruppenspezifischen Handlungsweisen bei den TeilnehmerInnen mittels episodischer Interviews; Fragebögen zur sozialen Herkunft und Zugehörigkeit zur Verortung der Gruppenmitglieder im sozialen Raum.

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