VORHABEN:
Sprechaktunterscheidungen in der Grammatik
Im Unterschied zur traditionellen Sicht, daß die Funktion von Sprache essentiell deskriptiver Natur ist, geht man heute eher von der Annahme aus, daß durch Sprechen Handlungen verschiedener Art vollzogen werden. Das wird besonders deutlich bei sogenannten performativen Äußerungen, wie den folgenden:
(1)
a. Hiermit fordere ich dich auf, das Zimmer zu verlassen.
b. Ich verspreche, nicht mehr zu spät zu kommen.
c. Hiermit erkläre ich die Versammlung als beendet.
d. Hiermit taufe ich dieses Schiff auf den Namen "Queen Elizabeth".
Sätze wie in (1) haben die besondere Eigenschaft, daß man mit ihnen in geeigneten Kontexten die durch das finite Verb bezeichnete Handlung vollziehen kann.
Insbesondere die europäischen Sprachen besitzen ein umfangreiches Inventar solcher "performativer Verben". Nichtsdestoweniger werden "performative Äußerungen", d.h. Äußerungen, die die durch sie vollzogene Handlung wörtlich spezifizieren, relativ selten gebraucht. Am häufigsten scheinen sie in institutionalisierten Kontexten vorzukommen, wo sie in der Regel Teil eines größeren Rituals sind. In den meisten Fällen ist dagegen der Sprechakt einer Äußerung relativ unbestimmt und wird durch die Bedeutung des Satzes nur grob eingegrenzt. Wodurch die Funktion eines Satzes am ehesten charakterisiert wird, ist sein grammatischer Modus oder, anders ausgedrückt, der grundlegende Satztyp, zu dem er gehört. In der europäischen Grammatiktradition wird eine Unterscheidung zwischen drei Satztypen getroffen deklarativ, interrogativ und imperativ die sich auch für viele andere Sprachen als nützlich erwiesen haben.
Das Ziel dieses Unterprojekts ist es, die Enkodierung von Sprechaktunterscheidungen wie z.B. deklarativ, interrogativ, imperativ, prohibitive, hortative, exklamativ, etc. in den grammatischen Systemen verschiedener Sprachen zu untersuchen. Unter anderem versuchen wir zu klären, wie viele Satztypen und Modi typischerweise unterschieden werden und was die formalen Exponenten dieser Modusunterscheidungen sind. Was sind die Muster der Variation zwischen den Sprachen und wo liegen die Grenzen? Welche Eigenschaften or implikationellen Beziehungen zwischen Eigenschaften sollten als universell betrachtet werden?
Zusätzlich zur Untersuchung solcher typologischer Fragen in unserem Untersuchungsbereich, wollen wir auf der Grundlage der folgenden drei Hypothesen zu einer allgemeinen Analyse der Schnittstelle zwischen Form und (illokutionärer) Funktion von Sätzen beitragen:
(i) Modi oder Satztypen sind Konstruktionen, i.e. das Resultat des Zusammenspiels verschiedener grammatischer und lexikalischer Eigenschaften. Diese Konstruktionen können von Sprache zu Sprache stark variieren.
(ii) der Modus eines Satzes und somit auch seine illokutionäre Funktion ergeben sich kompositionell aus den einzelnen Komponenten.
(iii) Es gibt übereinzelsprachliche Ähnlichkeiten in der Enkodierung von Modi und damit allgemeingültige Motivierungen. Als Resultat von Grammatikalisierungsprozessen werden diese grundlegenden Satztypen mit spezifischen grammatischen und lexikalischen Ausdrucksmitteln kombiniert und führen damit zu sprachspezifischen Besonderheiten.
Unterprojekt B8-II (Ulrike Bohle): Zur Rolle verbaler und nonverbaler Kommunikation in der interaktiven Konstruktion von Geschlecht
Den Gegenstand meiner Untersuchung bildet verbale und nonverbale Kommunikation in gleich- und gemischtgeschlechtlichen Gesprächen. Anhand von Vidoeaufzeichnungen simuliert-natürlicher Alltagsgespräche werden verbale, vokale und gestische Verfahren zur Herstellung und Aufrechterhaltung mikrosozialer Ordnung ermittelt. Zur Disposition stehen dabei zwei die bisherige Forschung nachhaltig prägende Stereotype: zum einen die Auffassung, Frauen sprächen eine Beziehungssprache, Männer eine Berichtssprache; zum anderen die Annahme, Äußerungen zerfielen in einen verbal vermittelten Inhaltsaspekt und einen nonverbal vermittelten Beziehungsaspekt.
Mit dieser Arbeit strebe ich eine Verknüpfung bislang unvermittelt nebeneinander bestehener Forschungstraditionen an:
(a) die geschlechtsbezogene Gesprächsanalyse,
(b) die sozialpsychologische Forschung zu Geschlechterdifferenzen im verbalen und nonverbalen Ausdrucksverhalten sowie
(c) die interaktionsanalytische Forschung zu sprachlichen und nicht-sprachlichen Verfahren der Sozialorganisation und Bedeutungskonstitution. Mein Interesse gilt dabei einer Konzeption von Körper, Sprache bzw. Sprechen und ihrem Verhältnis zueinander, die das komplexe Zusammenspiel (laut)sprachlicher wie körper(sprach)licher Verfahren der Identitätskonstitution erfaßt.
Die Arbeit versteht sich zugleich als Versuch, gegenwärtige Theorien zur sozialen und interaktiven Konstruktion von Geschlecht für empirische genauer: gesprächsanalytische Forschung nutzbar zu machen.
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