B8 Zur Rolle der Performanz, von syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungen in der Genese, Entwicklung und Erneuerung von Grammatik

VORHABEN:

In Rahmen eines vor allem kulturwissenschaftlich orientierten Sonderforschungsbereich, in dem das Verhältnis von Essentialismus zu Performativität, von Schema zu Aktualisierung, von Regel zu Vollzug, von Kunstwerk zu Inszenierung bzw. Aufführung im Mittelpunkt der Diskussion stehen, beschäftigt sich das Teilprojekt mit einer zentralen wie auch aktuellen Frage der historischen Sprachwissenschaft, mit der Genese, Entwicklung und Erneuerung von Grammatik.
Die Unterscheidung zwischen langue und parole (de Saussure), bzw. Kompetenz und Performanz (Chomsky) gehören zu den wesentlichen Grundlagen nahezu jedweder Sprachwissenschaft und ebenso wenig strittig ist die Auffassung, dass eine Sprachkompetenz bzw. ein Sprachsystem jedem Akt des Sprechens zu Grunde liegt. Im Unterschied zur generativen Schule hat die funktionalistisch orientierte Sprachwissenschaft immer betont, dass es auch Rückwirkungen in umgekehrter Richtung gebe: In den Arbeiten von Hopper, Thompson, Du Bois etc. wird der Aufbau von Grammatiken durch kommunikative Faktoren bzw. Diskursprinzipien erklärt. In einer Reihe von sehr einflussreichen Arbeiten versucht J. Hawkins (1994, 2004), Muster der Variation zwischen Sprachen und Sprachuniversalien mit Hilfe von Prinzipien effizienter und optimaler Verarbeitung zu erklären. Schließlich geht das Forschungsparadigma, das gewöhnlich als "Grammatikalisierungstheorie" bezeichnet wird (Lehmann, Bybee, Traugott, Hopper, Haspelmath, etc.), davon aus, dass Sprachwandel durch Kreativität und Häufigkeit im Sprachgebrauch und nicht im Spracherwerb (durch Reanalyse) ausgelöst wird.
Nach einer grob als "funktionalistisch" charakterisierbaren Auffassung ist der Prozess der Grammatikalisierung als Bündel von miteinander korrelierenden Veränderungen auf verschiedenen Ebenen der Grammatik aufzufassen und wird als Folge des Sprachgebrauches, also der Performanz, angesehen. Da keine zwei Kontexte exakt gleich beschaffen sind, ist der Gebrauch von Sprache in einem gewissen Maß immer innovativ (Croft, 2000). Sprecher wollen zum einen die Aufmerksamkeit des Hörers erregen und verstanden werden (vgl. die 'Maxime der Extravaganz' und das 'Deutlichkeitsstreben'), zum anderen aber nicht mehr Energie aufwenden als notwendig ('Bequemlichkeitsstreben' oder 'Ökonomie'). Durch graduelle Verbreitung innovativer Formulierungen und Ausdrücke auf weitere Kontexte entstehen durch Vereinfachungen und Verfestigungen neue grammatische Muster, die sich über lange historische Zeiträume lediglich als emergente Strukturen manifestieren und erst später als Sprachwandel deutlich sichtbar werden.

Diese "funktionalistische" Auffassung der Genese und Entwicklung von Grammatik wird insbesondere von der generativen "Schule" der Linguistik nicht akzeptiert. Die Kritik richtet sich im Wesentlichen gegen einige Ansprüche, gegen grundlegende Unterscheidungen sowie gegen zentrale Thesen der "Grammatikalisierungstheorie" sowie dagegen, dass bisher nur unzulängliche Verallgemeinerungen über die Konstruktionen und Bedingungen getroffen wurden, unter denen sich Grammatik verändert. Diese Bedingungen lassen sich nur z. T. aus der Perspektive der kommunikativen Bedürfnisse des Sprechers erklären und scheinen eher aus der Sicht der (Re)Analyse, d.h. aus der Sicht des wahrnehmenden Hörers, erklärbar zu sein.

Der wesentliche Kern unseres Projekts ist die Gegenüberstellung und empirische Prüfung der beiden folgenden Hypothesen:
Hypothese A: Die Bedingungen, die die Grammatikalisierung von Wörtern beeinflussen, betreffen den Sprachgebrauch (Performanz) und haben wesentlich mit kommunikativen Bedürfnissen und Strategien des kreativen Sprechers zu tun, insbesondere der "Maxime der Extravaganz", wonach der Sprecher bemüht ist, die Aufmerksamkeit des Adressaten zu erregen.
Hypothese B: Die Bedingungen, die die Grammatikalisierung von Wörtern beeinflussen, betreffen den Spracherwerb und haben wesentlich mit Wahrnehmung und Analyse seitens des Hörers/Lerners zu tun. Die "Pfade" der Grammatikalisierung lassen sich ebenfalls oft durch Hörerstrategien erklären (d.h. als Fälle von regelmäßigen, nicht unbedingt von Sprechern intendierten Folgerungen).
Hypothese A entspricht weitgehend der etablierten Auffassung innerhalb der Grammatikalisierungsforschung, während Hypothese B dieser Auffassung weitgehend konträr ist. Mit der Gegenüberstellung dieser beiden Hypothesen greifen wir auch die fundamentale Kritik auf die in Campbell (2001) geäußert wurde.
Was den zu untersuchenden Phänomenbereich anbelangt, so nehmen wir einmal auf frühere Projekte der Arbeitsgruppe (Reflexivität, Reziprozität, Konzessivität, etc.) Bezug, wollen aber auch auf der Grundlage des Funktionswortschatzes des Englischen und des Deutschen sowie eines Basisinventars an Verben in verschiedenen Sprachen zur Klärung der o. g. Kontroverse beitragen und zugleich die Frage nach den notwendigen und hinreichenden Bedingungen für Grammatikalisierung näher untersuchen.

Was die theoretischen Schwerpunkte des Sfb anbelangt, so ergibt sich aus Thematik und zentralen Hypothesen des Projekts eine Zuordnung zu den beiden folgenden Schwerpunkten:
IV. Deixis, Imagination, Wahrnehmung
V. Transgression, Differenzierung, Hybridisierung


| oben | Projektliste | Homepage | SUCHEN | Stand:
12.05.2008