B9 Verkörperte Sprache - entkörperte Sprache.
Stimme und Computer als Medien der Kommunikation

VORHABEN:

Unterprojekt 1: "Anthropologie der verkörperten Sprache"
(Sybille Krämer, GA)

Es gibt eine Prämisse, die alle Vertreter eines intellektualistischen Sprachbildes teilen: Sprache und Sprechen verhalten sich zueinander wie ein Muster und seine Realisierung, wie ein Typus und seine raum-zeitliche Instantiierung, wie ein Schema und sein Gebrauch. Ziel dieses Unterprojektes ist es, das intellektualistische Sprachkonzept dadurch zu revidieren, dass eine Alternative zu eben dieser Prämisse entfaltet wird. Die Alternative zeichnet sich ab, sobald Performativität als Medialität rekonstruiert wird: Dann kommt in den Blick, dass jeder Sprachvollzug sich im Spannungsverhältnis zwischen Sprache und ihren außersprachlichen Medien ereignet.
'Verkörperte Sprache' meint also nicht bloß die Leibgebundenheit von Sprachgebräuchen, sondern thematisiert, dass Sprache immer nur als in Medien materialisierte Sprache auftritt. Stimme, Schrift, Computer sind solche außersprachliche Medien, die - was Sprache 'ist' und wie wir sie gebrauchen - auf je spezifische Weise konfigurieren und – im Falle der Schrift -, auch gegenständlich werden lassen. Wenn das aber so ist, dann erweisen sich ein Vielzahl von Attributen, die wir der Sprache per se zuschreiben, als Projektionen von Medien des Sprachgebrauchs.

Unterprojekt 2: "Verkörperte Sprache: Die Stimme als Medium des Sprechens. Über die implizite Musikalität und Theatralität des Sprachgebrauches" (Alice Lagaay, EA)

Obwohl das Gespräch zwischen körperlich Anwesenden als Urszene der philosophischen Kommunikationstheorie gilt, ist die Stimmlichkeit des Sprechens kaum ein Thema der Sprachphilosophie. Selbst in Derridas Verschwisterung von Phonozentrismus und Logozentrismus – der in dieser Form übrigens nicht 'stimmt' – bewahrt sich eine latente Abwertung der Stimme. Ziel des Unterprojektes II ist eine Rehabilitierung der Stimmlichkeit als einem sprachphilosophisch bedeutsamen Phänomen: 'Stimme' hier verstanden als Spur des Körpers im Sprechen. Ausgangspunkt ist eine phänomenologische Überlegung: Das nichtaufgezeichnete Sprechen ist fluide, irreversibel und verschwindend. Stimmlichkeit ist somit Ereignishaftigkeit par excellence. Dieser Umstand ruft Modelle von Musikalität und Theatralität 'auf den Plan': Musik allerdings nicht verstanden als Sprache und Theater nicht reduziert auf Rollenspiel und Textinszenierung, vielmehr als Aufführungsereignisse, die gegenüber Partitur und Drama jeweils einen nicht semiotisierbaren, nicht-repräsentationalen Überschuss bergen. Kerngedanke ist also, dass, wenn die Stimme als Medium des Sprechens thematisch wird, zutage treten kann, warum Sprache nicht auf die Eigenschaft, ein diskursives, arbiträres Zeichensystem zu sein, zurückführbar ist. Sprechen ist mehr als Zeichengebrauch. Dieses 'mehr' hat zu tun mit der impliziten Musikalität des miteinander Redens. Rhythmus (Figur der Wiederholung in der Zeit) und Klang (atmosphärische Anmutung und ästhetisches Spiel) bergen ein intersubjektives Konsens-, aber auch Dissenspotential, das gegenüber der in der universalpragmatischen Kommunikationstheorie aufgeworfenen Frage, ob Geltungsansprüche erfolgreich oder erfolglos erhoben und verteidigt werden, gerade vorgängig ist. Die Stimme verkörpert eine präsymbolische Prägekraft unserer Sprachlichkeit.

Unterprojekt 3: "Entkörperte Sprache? Der Computer als Medium der Kommunikation: Entkörperlichung, De-personalisierung und Stiftung von Intersubjektivität in der telematischen Kommunikation"
(Marco Stahlhut, EA)

Die philosophische Auseinandersetzung mit Phänomen, Struktur und Vollzug der telematischen Kommunikation ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ein Desiderat. Gegenstand des Unterprojektes ist die Kommunikation unter der Bedingung, dass der vernetzte Computer den miteinander Interagierenden als ein Medium dient. Die synchrone Kommunikation unter körperlich Abwesenden via Computer wird hier 'telematische Kommunikation' genannt. Leitende Idee ist, das sich eine Modalität des Kommunizierens ausbildet, die weder als eine Restituierung mündlicher noch als bloße Extrapolation und Radikalisierung schriftlicher Kommunikation gelten kann, vielmehr einen neuen Typus von Kommunikation gelten kann, für den es charakteristisch ist, dass die Unterscheidung zwischen 'Spiel' und 'Ernst' nicht mehr durch semiotische Markierungen (Bühne, Rahmen etc.) vorab fest liegt, sondern sich erst im Vollzug der Kommunikation herausbildet. Die Hypothese ist, dass die Bedingungen dieser Form des Kommunizierens auf signifikante weise abweichen von den Konzepten sowohl der universalpragmatischen Kommunikationstheorien wie auch der poststrukturalistischen Diskurs- und Machttheorien. Worin diese Abweichungen bestehen – das zu erarbeiten ist Aufgabe dieses Unterprojektes.



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