B10 Stimmen als Paradigmen des Performativen

VORHABEN:

Ziel des Projektes ist es, eine performative Ästhetik der Stimme zu entwickeln. Dabei gehen wir von der These aus, dass sich die Stimme als ein Paradigma des Performativen verstehen lässt, da sich in ihr verschiedene Dimensionen von Performativität (u.a. Aufführungscharakter, Ereignishaftigkeit, Iterativität, Medialität) bündeln. Im Zentrum unserer Überlegungen stehen zwei Grundgedanken: Zum einen ist die Stimme nicht bloß als Trägerin, als Medium von Sprache zu verstehen, sondern als ein Ereignis, das spezifische Wirklichkeiten und Wirkungen hervorbringt. Zum anderen ist das Sprechen als ein Tun zu konzeptualisieren, das immer ein Ineinander von Aktion und Geschehenlassen, von Erzeugung und Emergenz darstellt. Das Projekt konzentriert sich auf Aufführungen von Sprechstimmen in verschiedenen Künsten und Medien seit den 1960er Jahren bis zur Gegenwart, bezieht jedoch neben Beispielen aus Theater- und Performancekunst, Video- und Installationskunst, Hörspiel und Film, Internetkunst sowie Sound/Radio Art auch ausgewählte Stimmphänomene des außerkünstlerischen Alltags und der Populärkultur mit ein.

Zudem wird in der abschließenden Förderphase der Gegenstandsbereich des Teilprojekts um die Perspektive der komplexen akustischen Situationen erweitert. In diesen akustischen Situationen werden Stimmen, Geräusche, Maschinenklänge, musikalische Töne und verschiedene andere Sounds kombiniert und collagiert. Somit rückt eine Klärung des Zusammenspiels von Stimme, Musik, Geräusch und angrenzenden akustischen Phänomenen am Beispiel ausgewählter Theateraufführungen, Performances und Installationen in den Fokus des Forschungsprojekts.

Das Teilprojekt gliedert sich in vier Unterprojekte:

Unterprojekt 1 Stimmen als Paradigmen des Performativen erarbeitet eine Ästhetik von Stimme und Stimmlichkeit, die der Annahme Rechnung trägt, dass es weder einen Körper noch eine Sprache vor der jeweils konkreten Artikulation gibt. Neben der Entwicklung einer performativen Ästhetik der Stimme thematisiert das Unterprojekt die ethischen Dimensionen von Stimmlichkeit. Dabei liegt der Fokus auf der Differenzierung der spezifischen sozialen Zwischenräumlichkeit von Stimme und Hören. Welche Aspekte der Ansprache, Teilhabe und Involvierung werden durch neuartige Formen stimmlicher Kommunikation eröffnet? Wie ist die Rolle und Tätigkeit von RezipientInnen einer akustischen Situation adäquat zu beschreiben? Ist der Begriff der Aufführung (nicht nur) von Stimmen grundsätzlich neu und anders zu denken, wenn auch Dimensionen des Destruktiven und Gewaltsamen mit einbezogen werden? Wie wird das Spannungsverhältnis von Tun und Geschehenlassen und damit die nicht vollständige Kontrollierbarkeit performativer Effekte in künstlerischen wie außerkünstlerischen akustischen Situationen reflektiert?

Das zweite Unterprojekt beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Stimme, Akustik und Gewalt. Es geht also um jene Dimensionen des Stimmlich-Akustischen, die man als negative oder destruktive bezeichnen kann, z.B. Aspekte der Überwältigung, (Zer-)Störung und Verletzung sowie Fragen der Macht, Autorität und Ohnmacht. Primärer Gegenstandsbereich sind verschiedene stimmliche Artikulationen sowie akustische Phänomene und Praktiken, die mit Ausübungen von Verletzung und Gewaltsamkeit in Zusammenhang stehen. Dazu gehören u.a. Phänomene wie das hasserfüllte Brüllen, der herablassende Ton, extrem lautstarke Musik oder Lärm, bestimmte Formen des Schweigens wie auch des Hörens (Abhören, Weghören, Überhören u.ä.).

Wie lässt sich begrifflich schärfer zwischen ‚Gewalt’, ‚Macht’‚ ‚Verletzung’, ‚Zerstörung’ etc. differenzieren? Welche Gemeinsamkeiten und Differenzen gibt es zwischen stimmlicher, akustischer und sprachlicher oder anderweitig ausgeübter Gewalt? Worauf richtet sich Zerstörung durch stimmlich-akustische Akte und inwiefern impliziert sie Produktivität? Wie wird im Theater und anderen Künsten mit Phänomenen stimmlich-akustischer Gewalt und Verletzung umgegangen?

Im Unterprojekt 3, Zur technischen Realisierung der Stimme in Theater, Hörspiel und Film, soll es um die unterschiedlichen Dimensionen von Stimmen, ihre jeweiligen Inszenierungen und ihre Wirkweisen gehen. Untersuchungsleitender Fokus hinsichtlich des breiten Feldes von technisch realisierten Stimmphänomenen sind Dimensionen der Körperlichkeit und Körperlosigkeit von Stimmen. Dabei soll mit medienästhetischen, phänomenologischen bzw. theater- und kulturwissenschaftlichen Konzepten ein adäquates Vokabular zur Analyse der Wirkweise dieser spezifischen Stimmen erarbeitet werden.

Welche Folgen für den Rezipienten hat etwa im Theater die Trennung von visuell erfahrbarem Körper und auditiv wahrgenommener Stimme? Wie zeigt sich der Einsatz unterschiedlicher Stimmen auf der akustischen Szene des Hörspiels? Welche Dimensionen von Körperlichkeit eröffnen sich dem Hörer hier? Wie wird im Film bzgl. der Off-Stimmen mit der (zunächst) nicht vorhandenen visuellen Entsprechung eines Sprechers umgegangen? Welches Spiel mit der An- und Abwesenheit wird hier gespielt? Welche Funktion hat die Off-Stimme jenseits der eines auktorialen Erzählers?

Das Unterprojekt 4 Auditive Aufmerksamkeit. Stimme – Musik – Geräusch geht von der Annahme aus, dass die Kategorie der Aufmerksamkeit in besonderer Weise geeignet ist, das Austausch- und Spannungsverhältnis zwischen Stimme, Musik und Geräusch wie auch das Zusammenspiel von auditiven und anderen Sinneswahrnehmungen fassbar zu machen. Gerade die für Aufmerksamkeit charakteristische Schwebe zwischen eher aktiver Hinwendung und eher passivem Hingezogen-Werden scheint für performanztheoretische Überlegungen zur kulturellen Dynamik des Sprechens und Hörens besonders aufschlussreich.

Gibt es grundlegende Strukturen und Gesetzmäßigkeiten auditiver Aufmerksamkeit, die beispielsweise in Erweiterung gestalttheoretischer und phänomenologischer Überlegungen differenziert werden können? Wie ist das Verhältnis auditiver Wahrnehmungen zu anderen Sinneswahrnehmungen zu beschreiben? Mittels welcher akustischen Elemente und Methoden wird versucht, die Aufmerksamkeit des Publikums zu lenken? Welche Auswirkungen für die Rezeption hat es, wenn in Aufführungen wie Falk Richters Inszenierung von Tschechows Die drei Schwestern oder in To you, the birdie der Wooster Group die Stimme von technischen Störgeräuschen überlagert wird, wenn sie in Soundkakophonien unterzugehen droht, wenn sie gegen Geräusche, laute Musikeinspielungen etc. ankämpfen muss?

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