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B12 Die Szene des Virtuosen. Zu einer Grenz-Figur des Performativen

VORHABEN:

Das Teilprojekt beabsichtigt eine kulturwissenschaftliche Erforschung des Virtuosen im doppelten Wortsinn: Es geht um das Virtuose als Option exzessiver Steigerbarkeit von Tätigkeiten; und um den Virtuosen als neuem Künstlertyp ab dem 17. Jh., der nicht nur künstlerische Konzepte, sondern bis in die Gegenwart auch Vorstellungen der Performanz in anderen kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Handlungsfeldern beeinflusst. In der laufenden zweiten Phase wird nun nach der virtuosen Leistung gefragt bis hin zu aktuellen Debatten um Exzellenz, um den Stellenwert von Virtuosität für Theorien des Performativen zu ermitteln.

Virtuose Steigerung in ihrer tendenziell exzessiven Dynamik ist auf entsprechend starke, ebenfalls exzessive Reaktionen angewiesen, um als außerordentliche Leistung bezeugt zu werden. Diese doppelte dynamische Disposition sowohl auf Seiten des Performers als auch auf Seiten der Bezeugenden macht Virtuosität zu einem besonders geeigneten Gegenstand, um Konzepte und Kriterien von Leistung zu reflektieren.

Wo, von wem und in welcher Form virtuose Performances als Spitzenleistungen gewürdigt werden bzw. wo und mit welchen Argumenten ihnen dies versagt bleibt, gibt Aufschluss über kulturelle Wertsysteme und deren Grenzen oder Leerstellen und über den performativen Charakter von Bewertungspraktiken.

Nachdem im späten 20. und 21. Jh. Liberalisierungsprozesse mit der Auflösung fester institutioneller Strukturen viele formale Garantien von Anerkennung beseitigt haben, ist die soziale Situation verstärkt durch Beziehungen geprägt, die den Status als vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft und entsprechende Chancen auf Partizipation mit der Selbstbehauptung des Individuums in einem Konkurrenzkampf um Zugehörigkeit zu Leistungseliten kurzschließen. Das soziale Leben redeterminiert sich als soziale Performance – im Doppelsinn von Agieren/Aufführung/Selbstdarstellung und Leistung.

Die Figur des Virtuosen ist für eine historische Rekonstruktion dieser aktuellen Komplikationen der Beziehung von persönlicher Anerkennung und Leistungsbewertung besonders geeignet. Die Performance des virtuosen Künstlers in ihrer hoch gespannten und heiklen Interaktion mit dem Publikum stellt das exemplarische Beispiel einer Existenzialisierung von Leistungsbewertung im Zeichen von Steigerung dar: Wo es dem Virtuosen nicht gelingt, die Begeisterung des Publikums hervorzurufen, fällt das Urteil im wörtlichen Sinne vernichtend aus. Virtuose Performance als "Produktion ohne Produkt" macht schon im 18. und 19. Jh. das Potenzial, aber auch das Prekäre einer Spitzenleistung deutlich, die sich nirgends objektiviert und daher keine Trennung zwischen der Person des Performers und seiner Performance zulässt.

Das Teilprojekt will herausarbeiten, wie Virtuosität im Gegensatz zu klassischen und modernen Ästhetiken, die sich zum Nachweis von Leistung auf die solide Quasi-Gegenständlichkeit des Werkes oder den Arbeitsprozess berufen, Bewertungspraktiken fordert und generiert, die sich auf die Evidenz von exzessiven Reaktionen gründen.

  • Es soll die konkurrenzhafte Auseinandersetzung mit der affektiven Werteökonomie des Publikums nachgezeichnet werden, in der sich das Virtuose entwickelt. Dabei geht es zugleich um die Frage nach der Disposition zwischen der Professionalität des Experten und der Amateurhaftigkeit der breiten Masse, in der Virtuose und Virtuosen-Publikum ihr Können und Wissen wechselseitig steigern.

    UP 1: Dynamiken von Steigerung und Herausforderung. Virtuose Leistung zwischen Performer und Publikum (Bettina Brandl-Risi)

  • Ein zweiter Ansatzpunkt ist die Beobachtung, dass Virtuosität einerseits Körpertechniken involviert (ein "artistisches" Moment hat), sich aber andererseits auch mit (Medien-)Technologie verbindet, um sich als Leistung zu präsentieren – so dass vor allem im 20. Jh. immer unklarer wird, wie und wem 'das Virtuose' zuzurechnen ist.

    UP 2: Tänzer und Artisten. Virtuose Körpertechniken und Medientechnologien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart (Gabriele Brandstetter und Hans-Friedrich Bormann)

  • Der dritte Schwerpunkt betrifft die Bedeutung des Schwierigen für virtuose Leistung. Ein neuer Stellenwert von Virtuosität ergibt sich aus der Verschiebung von einer Problemorientierung bei der Bewertung von Leistung hin zur Orientierung auf ein herausforderndes Schwieriges in Leistungskonzepten des späten 20. und 21. Jh.

    UP 3: Die Poetik des Schwierigen. Soziale Virtuosität in der Leistungsgesellschaft (Kai van Eikels)

  • Die für das Teilprojekt grundlegenden Aushandlungsprozesse zwischen Performern und Publikum werden zudem exemplarisch mit dem Fokus auf die Intimität und Strategien von Intimisierung in Tanz und Performance der Gegenwart bearbeitet.

    UP 4: Die Performativität des Intimen als Leerstelle sozialer Virtuosität (Christina Deloglu)

  • In Kooperation mit Lucia Ruprecht, University of Cambridge:
    Das Charisma des Virtuosen. Muster einer Faszination

    Virtuosität und Charisma gehen in der Aufführungskunst um 1900 ein komplexes Steigerungsverhältnis ein. Als Fokus von Aufmerksamkeit in der gelingenden Interaktion mit dem Publikum ist die charismatische Wirkung einerseits Effekt der virtuosen Darstellung, andererseits aber auch Möglichkeitsbedingung, das Virtuose überhaupt als Virtuoses wahrzunehmen. Mit der Rückbindung des Virtuosen nicht nur an ein Körper-, sondern auch an ein Medienereignis markiert dessen Charisma sowohl den Geltungsanspruch perfekter Leistung als auch die Überzeugungskraft perfekter Inszenierung. Das Projekt untersucht charismatische Virtuosität unter drei Gesichtspunkten: als Körpertechnik (Tanz und Artistik – von Jules Léotard bis Anna Pawlowa und Waslaw Nijinsky), als Kommunikationstechnik (literarische, journalistische und programmatische Texte, Photographie und Devotionalien) und als Wirkungsprozess, wie er sich beispielsweise in der professionellen Imitation (die Welle der Serpentinentänzerinnen nach der Vorgabe Loïe Fullers etwa) zeigt. Dabei wird es auch um eine Theorie des Stars gehen, in der erprobt werden soll, inwiefern das Star-Sein sich aus der von Virtuosität und Charisma gebildeten Konstellation herleiten lässt.

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