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Virtuosität bezeichnet die verblüffende Steigerung einer Handlung durch eine exzessive Differenzierung. Diese Steigerung ist damit verbunden, dass der Handelnde sich als Subjekt dieser gesteigerten Performanz und Objekt des Staunens selbst in Szene setzt. Das Projekt untersucht Figuren des Virtuosen daher im Sinne eines Zusammenhangs von performativer Steigerung oder Übersteigerung und von Selbst-Inszenierung: einerseits das Virtuose als perfekte Beherrschung eines Instruments oder des eigenen Körpers, als Phänomen medialer Ausdifferenzierung von Aufmerksamkeit, als gewandter Einsatz rhetorischer oder kommunikativer Techniken – andererseits der Virtuose als Herausbildung eines Künstlertypus, als charismatischer Star oder Persönlichkeit mit Herrschaftsanspruch, als meisterhaft Wahrnehmender und Artist der geschmacklichen Verfeinerung, als Lebens-Künstler am Limit des Leistbaren oder als erfolgreicher Selbst-Manager.
Es geht uns um eine umfassende Analyse von Virtuosität als einer dem Handeln in seiner abendländischen Konzeptualisierung einbeschriebenen Möglichkeit der Überschreitung, Verschiebung oder spielerischen Ver-wendung einer Grenze des Machbaren. Der Schwerpunkt liegt dabei zunächst auf der Moderne, und eine kulturwissenschaftliche Herangehensweise soll Szenen von Virtuosität im gesamten kulturellen Spektrum sichtbar machen und erforschen, in ästhetischer ebenso wie in sozialer und politischer Perspektive. Der Gegenstandsbereich der Untersuchungen erstreckt sich vom körper-technischen Konzept des Virtuosen im frühen 19. Jahrhundert über das mediale Konzept des Virtuosen und das "Ornament der Masse" im 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart der postfordistischen Umwertung zentraler Handlungsmomente: Virtuosität des Scheiterns, rezeptive und kommunikative Virtuosität oder "servile virtuosity" (Virno).
Unterprojekt: Virtuose Körpertechniken im Tanz – Der Fuß der Fanny Elßler (Gabriele Brandstetter)
Ausgangspunkt ist die Frage nach der Szene des Virtuosen als einer Performance, die entscheidend durch die Herausbildung von neuen Körpertechniken und ihrer Praxis (Kompetenz und Performanz) geprägt ist. Die Emergenz des Virtuosen als Performer eines körper-maschinen-technischen Übersteigerungsprogramms, welches das Ästhetische (erotisch) auflädt, hybridisiert und im Ornament entsemantisiert, lässt sich exemplarisch am Beispiel des romantischen Tanzes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der "Blütezeit" des Virtuosen, untersuchen. Die Herausbildung und allgemeine Institutionalisierung eines perfektionierten Körpertechniksystems, die Schule der danse d'école ("The Code of Terpsichore", C. Blasis), läuft parallel zu vergleichbaren "Schulen der (Körper-)Geläufigkeit" (C. Czerny) in anderen Künsten. Die virtuose Steigerung der Bewegungstechnik bildet den Hiatus zwischen "Können" und "Wunder"
und hat damit eine zentrale Funktion in der romantischen Entkörperung des Körpers als Medium der Elevation und des Schwebens – wie auch für ihren Gegenpol, die Fetischisierung, mit der das Wunderbare ins Objekthafte (bspw. im Kult von dem Fuß der Tänzerin) sedimentiert und einer Ökonomie des Starkultes folgt. Dies soll u.a. gezeigt werden an den Protagonistinnen einer arabesken tänzerischen Virtuosität: Marie Taglioni, Fanny Elßler, Carlotta Grisi, Fanny Cerrito, unter Einbeziehung der romantischen Ästhetik (F. Schlegel, Novalis, Brentano), der bildenden Kunst (Runge) und Musik (Schumann).
Unterprojekt: Szenarien der Überbietung und der Imperfektion – Virtuosität in Literatur und Theater der Gegenwart (Bettina Brandl-Risi)
Mit dem Fokus auf das Ausspielen der sozialen und ökonomischen Virtuosität des Dienstleisters in der postfordistischen Gesellschaft rückt auch in Literatur und Theater gegenwärtig die Relation des Virtuosen zu einer ökonomischen und ästhetischen Theorie des Mehrwerts im Sinne einer Übersteigerung wieder in den Blick. An die Figur der Übersteigerung knüpft sich heute aber jene des Nicht-Gelingens, der Imperfektion, des Scheiterns. Neben die Staunen machende technische Perfektion im Umgang mit sprachlichem oder stimmlichem Material und die stilistische Überdeterminierung von Schreibweise und Darstellung tritt der inszenierte Dilettantismus bzw. das Scheitern als Thema des Textes oder der Performance. Das Projekt untersucht Virtuosität im Sinne eines spezifischen Verhältnisses von Textualität und Performativität. Ausgehend von Überlegungen zu virtuosen Schreibweisen/Stilen (René Pollesch,
Pop-Literatur, Thomas Bernhard) erforscht es die Konfiguration Text/Aufführung – Wahrnehmender/Leser als Ermöglichungsraum von Virtuosität im Sinne eines Darstellungsstils ebenso wie eines Wahrnehmungsstils.
Unterprojekt: Soziale Virtuosität. Zur Ökonomie des Performativen in den Kulturen der Gegenwart (Kai van Eikels)
Das Virtuose verlagert sich im 21. Jahrhundert vom Ort der Darbietung eines Werks zu den Orten der Kommunikation von Künstlern und ihrer sozialen Organisation. Das Projekt untersucht Virtuosität daher als virtuose (Über-)Steigerung des kommunikativen Vermögens und nimmt den zeitgenössischen Kulturschaffenden als Prototyp einer radikalen Selbstinstrumentalisierung und -medialisierung in den Blick, dessen künstlerische Arbeit sich wesentlich in der Operation des Networking, in der Reorganisation von Produktivität in zugleich intimen und flexiblen "Communities of Practice" vollzieht. Verschiebungen des Ortes, der Geltung und der Funktion(alisierung) von Virtuosität sollen analysiert werden einerseits in den Strukturen der postfordistischen Arbeitswelt selbst, andererseits anhand einiger jüngerer Kunst-Projekte, die auf diese Arbeitssituation kritisch oder affirmativ reagieren: die B2B-Aktivitäten von Jan-Holger Mauss, das
Radioballett der Gruppe ligna, die Gruppe Expertbase mit ihrem Web-Portal Everyone is an expert, die Diskursive Poliklinik, Aktionen Christoph Schlingensiefs (Bahnhofsmission Hamburg, Talk 2000, Chance 2000, Church of Fear) und das Projekt Park Fiction.
In Kooperation mit Lucia Ruprecht, University of Cambridge:
Das Charisma des Virtuosen. Muster einer Faszination
Virtuosität und Charisma gehen in der Aufführungskunst um 1900 ein komplexes Steigerungsverhältnis ein. Als Fokus von Aufmerksamkeit in der gelingenden Interaktion mit dem Publikum ist die charismatische Wirkung einerseits Effekt der virtuosen Darstellung, andererseits aber auch Möglichkeitsbedingung, das Virtuose überhaupt als Virtuoses wahrzunehmen. Mit der Rückbindung des Virtuosen nicht nur an ein Körper-, sondern auch an ein Medienereignis markiert dessen Charisma sowohl den Geltungsanspruch perfekter Leistung als auch die Überzeugungskraft perfekter Inszenierung. Das Projekt untersucht charismatische Virtuosität unter drei Gesichtspunkten: als Körpertechnik (Tanz und Artistik – von Jules Léotard bis Anna Pawlowa und Waslaw Nijinsky), als Kommunikationstechnik (literarische, journalistische und programmatische Texte, Photographie und Devotionalien) und als Wirkungsprozess, wie er sich beispielsweise in der
professionellen Imitation (die Welle der Serpentinentänzerinnen nach der Vorgabe Loïe Fullers etwa) zeigt. Dabei wird es auch um eine Theorie des Stars gehen, in der erprobt werden soll, inwiefern das Star-Sein sich aus der von Virtuosität und Charisma gebildeten Konstellation herleiten lässt.
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