B1 Ästhetik des Performativen

VORHABEN:

In den beiden ersten Bewilligungsphasen (1999-2001, 2002-2004) wurde ein Aufführungsbegriff als Basis für eine Ästhetik des Performativen erarbeitet, der sich nicht nur auf das Theater und die Performance-Kunst anwenden lässt, sondern auf alle Arten von Aufführungen – sowohl in den anderen Künsten als auch in anderen kulturellen Bereichen. Auf der Grundlage dieses Aufführungsbegriffes wurden unter Rekurs auf das Gegenwartstheater (einschließlich Musiktheater, Performance- und Installationskunst) Modelle für eine Ästhetik des Performativen entwickelt.
Die damit verbundenen Untersuchungen wurden auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung durchgeführt, um die verschiedenen Ausprägungen performativer Vorgänge in den Blick zu bekommen:
a) als theoretische Reflexion: Theoretische Bestimmung des Verhältnisses von Repräsentation und Präsenz im Rahmen einer Ästhetik des Performativen (Prof. Dr. Dr. h.c. Erika Fischer-Lichte);
b) als Entwicklung einer Methode zur Beschreibung des Verhältnisses von Repräsentation und Präsenz: Performativität im Theater als Chance für eine phänomenologisch orientierte Aufführungsanalyse (PD Dr. Jens Roselt);
c) als Analyse von Aufführungen des Musiktheaters im Hinblick auf das Verhältnis von Repräsentation und Präsenz: Performativität im Musiktheater. Überlegungen zu einer Theorie der Analyse musiktheatraler Aufführungen (Dr. Clemens Risi);
d) als Analyse des Wechselverhältnisses von affektiver Erspürung und kognitiver Ausdeutung im Theater: Atmosphärische Wahrnehmung im Theater (Sabine Schouten, M.A.);
e) als Analyse des Verhältnisses von Subjekt und Objekt in der Erfahrung von Räumlichkeit: Raum, Körper und Handlung als performative Dimension in der Installationskunst (Barbara Gronau, M.A.);
f) als Erforschung von Arbeits- und Probenprozessen, in denen Text und Aufführung in enger Beziehung aufeinander und nahezu gleichzeitig entstehen: Schauspielerisches Handeln als Paradigma (Dr. Christel Weiler).
Dabei zeigte es sich, dass für eine Ästhetik des Performativen das Wechselverhältnis von intendiertem Zur-Erscheinung-Bringen und zufälligem In-Erscheinung-Treten, von Planung und Emergenz grundlegend ist. Es wurde deutlich, dass die überlieferte heuristische Trennung in Produktions-, Werk- und Rezeptions- bzw. Wirkungsästhetik sich im Hinblick auf Aufführungen nicht halten lässt. Zudem kristallisierte sich heraus, dass Performativität in der Aufführung nicht ohne Emergenz gedacht werden kann. Dies gilt für das Erscheinen bestimmter Phänomene ebenso wie für das Entstehen von Bedeutungen. Daraus folgt, dass Aufführungen dem Zugriff und der Kontrolle einzelner entzogen sind. Sie sind in diesem Sinne unverfügbar. In ihnen erfahren sich die beteiligten Subjekte weder als autonom noch als fremdbestimmt, vielmehr als solche, die den Verlauf der Aufführung mitbestimmen und sich zugleich von ihm bestimmen lassen. Auf dieser Grundlage können nun sowohl eine Erweiterung der bisher entwickelten Modelle als auch eine Überprüfung der Möglichkeiten ihrer historischen Anwendung unternommen werden.
Ziel des Projektes in der dritten Bewilligungsphase ist es daher, die bisher entwickelten Modelle einer Ästhetik des Performativen in eine Theorie zu überführen, die das komplexe Zusammenspiel von Planung und Emergenz in Aufführungen als spezifischen Exponenten ästhetischer Prozesse genauer zu beschreiben und zu explizieren imstande sein wird. Dabei eröffnen sich zwei neue Fragenkomplexe:
Zum einen gilt es, die bisher erarbeiteten Modelle im Hinblick auf bisher eher vernachlässigte bzw. nicht ausreichend berücksichtigte Faktoren weiterzuentwickeln. Dies betrifft etwa das Verhältnis von Text und Aufführung. Während der Text traditionell als Kontrollinstanz für die Hervorbringung der Aufführung verstanden wird, soll hier die Frage im Vordergrund stehen, ob und inwiefern es – neben anderen Faktoren – gerade der Text ist, der Emergenz in Aufführungen herausfordert (UP 1). Ebenso wie der Text wurden auch Theorien der Schauspielkunst nur am Rande berücksichtigt. Da es sich hier jedoch um spezifische Theorien zur Erzeugung besonderer performativer Prozesse handelt, um spezielle Handlungstheorien also, erscheint es notwendig, sie im Hinblick auf eine Ästhetik des Performativen genauer zu untersuchen (UP 2). Weiterhin gilt es, sich gezielt mit dem Phänomen der Emergenz in Aufführungen auseinander zu setzen. Dabei soll zunächst die Bedeutung des Unterlassens für eine Ästhetik des Performativen ermittelt werden. Welche Praktiken des Nicht-Handelns, der Askese, der Unterlassung schaffen in Aufführungen die Spiel- und Freiräume, die Nichtgeplantes, Unvorhergesehenes auftauchen und in Erscheinung treten lassen (UP 3)?
Der zweite Fragenkomplex betrifft die historische Reichweite der entwickelten Modelle. Es soll geprüft werden, ob sie sich produktiv auch auf vergangene Epochen der Theater-, Kunst- und Kulturgeschichte anwenden lassen, an deren Aufführungen wir nicht teilnehmen können. Die entsprechenden Untersuchungen sollen an einem Aspekt ansetzen, der sich in der bisherigen Arbeit als besonders produktiv im Hinblick auf das Wechselverhältnis von Planung und Emergenz erwiesen hat – an der Darstellung und Auslösung von Gefühlen. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Relation zwischen Regelhaftigkeit und Abweichung. Wie verhalten sich die jeweils formulierten Regeln zur Darstellung von Gefühlen/Affekten bzw. Theorien der Schauspielkunst zu den von verschiedenen Dokumenten überlieferten 'tatsächlichen' Darstellungen? Welche Spannung ergibt sich zwischen den als intendiert proklamierten Wirkungen der Schauspielkunst und Affekt-Theorien und den entsprechenden Zeugnissen zufolge ausgelösten Gefühlen? Als Beispiele, an denen wir diese Fragen klären wollen, haben wir die Oper im frühen 17. Jahrhundert (UP 4) und das Schauspiel in der zweiten Hälfte des 19. bzw. im frühen 20. Jahrhundert (UP 5) ausgewählt.

Die Arbeit gliedert sich dementsprechend in fünf Unterprojekte:
UP 1: "Aufführung und Text" (Prof. Dr. Dr. h.c. Erika Fischer-Lichte)
UP 2: "Schauspieltheorien als Handlungstheorien" (Dr. Christel Weiler)
UP 3: "Ästhetik des Unterlassens" (Barbara Gronau, M.A.)
UP 4: "Die Oper als Experimentalraum der Affekte. Überlegungen zum Affektbegriff im Musiktheater des 17. Jahrhunderts" (Dr. Clemens Risi)
UP 5: "Industrialisierung der Gefühle – Theater und Technik im ausgehenden 19. Jahrhundert" (Dr. Jens Roselt)

Nachfolgeprojekte für UP 3:
"Partizipation der Blicke. Interaktive Blickmechanismen im Theater" (Adam Czirak, M.A.)
"Kollektives Erzählen. Partizipatorische Erzählpraktiken im Performance-Theater der Jahrtausendwende" (Nina Tecklenburg, M.A.)


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09.06.2008