B2 Das Konzertpodium als Bühne in der neuen Musik

VORHABEN:

In der Musik seit dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere seit der Abkehr von der Seriellen Musik um 1960 ist zu beobachten, daß die reine Hörhaltung im Konzertsaal in mehrfacher Hinsicht aufgebrochen worden ist: Erstens gewinnt der visuelle Anteil an der Konzertaufführung verstärkte Aufmerksamkeit, zweitens - und dabei handelt es sich um ein weitreichendes musikgeschichtliches Novum - beginnen die Komponisten, in den Partituren den Interpreten von Musik individuell vorzuschreiben, wie sie sich auf dem Konzertpodium (als Körper in ihren musikalischen Verrichtungen) zu verhalten haben, drittens wird das Konzertpodium dadurch verstärkt zur synästhetisch rezipierten Bühne, ohne dennoch im Sinne des Theaters Bühne zu sein.
Damit ist in den letzten Jahrzehnten eine frühere Nebensache zur Substanz von musikalischen Werken und Aktionen geworden. Aus den Wechselwirkungen der erweiterten performativen Vorgänge sind neue musikalische Strukturfaktoren entstanden. Die Untersuchung von Theorie und Praxis dieser Grenzerweiterung der musikalischen Performativität ist Gegenstand des Forschungsprojekts.

Forschungsbereiche

Die Performativität des Musikers (Interpreten)

In der neuen Musik der letzten Jahrzehnte wird der mimetisch-gestische Aspekt von Musik erstmals nach Maßgabe des Komponisten realisiert, sei es im Sinne einer synästhetischen Verstärkung, einer gezielten ästhetischen Dissonanz oder auch eines rituellen Moments. Hierbei fungiert der Musiker häufig in Personalunion als Pantomime bzw. als eine Art Schauspieler und macht zugleich bewußt, daß er dies auch als orthodoxer, "reiner" Musiker immer schon war. Dies ist in der konventionellen Aufführungstheorie zumeist übersehen worden. Zur Diskussion stehen "Rollenwechsel" der Interpreten, bis heute erweitert durch die Vielfalt der nunmehr "Expanded Performances".

Performative Klangquellen

Prozesse musikalischer Klangwerdung oder aber, im szenischen Extremfall, bloße gestische Klangevokationen werden selbstreferentiell nach außen gekehrt, wobei primär akustisch Intendiertes eine neue visuelle Qualität gewinnt. Hierzu zählen unorthodoxe Spieltechniken und Instrumente, bei denen die szenische Funktion der akustischen zumindest gleichkommt. Toy Pianos beispielsweise, gespielt durch die New Yorker Pianistin Margaret Leng Tan, bestechen nicht nur durch ihren optischen Reiz, den Kontrast zwischen Miniatur und Grand, sondern auch durch ihre eigenständig hervorgehobene Klangfarbe.

Performative Klangorte

"Raummusik" - das heißt im engeren Sinne Musik, deren Klangquellen im Raum verteilt sind - enthält einen latenten oder offenen szenischen Aspekt, zumal wenn die Anordnung der Klangquellen nicht statisch, sondern veränderlich ist. Auch mit solchen räumlichen Inszenierungen von und durch Musik werden Modi des Performativen aufgebrochen. Der reale Raum konnte als Projektionsort innermusikalischer Strukturen genutzt werden, die Erzeugung einer Art musikalischer oder akustischer Architektur entwickelte sich unter anderem in musikalischem Schaffen für verschiedene Räume, das in Sound Installations immer häufiger auch interaktiv konzipiert ist. "Raummusik" birgt somit für den Rezipienten nicht nur den Aspekt der Erkundung neuer akustischer Environments, sondern auch den seiner performativen Einbeziehung.

Performative Medialisierung

In Ansätzen schon die Aufzeichnung von Musik auf Schallplatte und ihre Übertragung durch Radio, vollends aber die Integration unterschiedlichster elektronischer (Bild-)Medien in der zweiten Jahrhunderthälfte erweitert den Begriff performativer Interpretation und Inszenierung sowohl auf Seiten der Musiker als auch auf Seiten der Rezipienten.

Eine Spannweite von Problemen eröffnet sich ferner durch die Dichotomie von der möglichen Reproduzierbarkeit von Aufführungen mittels ihrer medialen Speicherung und des defizitären Stellenwerts von Reproduktionen im Blick auf den Moment der Performance selbst.

Innermusikalische Performativität

Die Idee der Musik als eines sui generis performativen, körperlich inszenierten Phänomens - als Ton- oder Klang-"Körper" - ist mit ihren ästhetischen, strukturellen, physiologischen und psychologischen Implikationen eine wichtige Denkfigur sowohl für die Produktion als auch für die Rezeption. In der Musik der letzten Jahrzehnte bilden die Veränderungen und Erweiterungen der äußeren (optischen wie akustischen) performativen Vorgänge die Kehrseite der sich ebenfalls verändernden innermusikalischen. Erst in diesen Wechselwirkungen kommt die musikalische Performativität zur vollständigen Entfaltung, erst an ihnen wird sie in ihrer Natur umfassend sicht- und erkennbar.


Arbeitsschritte:

- Musikgeschichtliche Darstellung

- Analyse des musikalischen Materials und Aufführungsanalyse

- Begriffliche-systematische Untersuchungen

- Kulturhistorische Kontextualisierung



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