Prekarisierung sexueller und geschlechtlicher Identitäten: Alltagspraxis und symbolische Formen
Thema ist die Performativität geschlechtlicher und sexueller Identitäten sowie deren künstlerischer und subkultureller Produktion im Zeichen gesellschaftlicher Transformation. Der Schwerpunkt liegt in der Erzählliteratur, in subkulturellen und künstlerischen Performances sowie in der Fotografie und Medienkunst. Die Leitfragen lauten: Wie lässt sich die gegenwärtige Mobilisierung und Individualisierung sexueller und geschlechtlicher Identitäten und Lebensläufe mithilfe des Modells der Performativität bestimmen? Welche Selbsttechnologien und sozialen Strategien kommen in Gender-Diskursen, Identitätspolitiken und subkulturellen Ästhetiken zur Anwendung? Die neue Frage nach den Auswirkungen ökonomischer und arbeitsorganisatorischer Veränderungen auf die Prekarisierung von Identitäten und dem Eingreifen künstlerischer und subkultureller Praxen in diese Ökonomie und Arbeitsorganisation erlaubt, den Zusammenhang von Alltagspraxen, kulturellen Praxen und sozialem Wandel in den Blick zu nehmen. Das Teilprojekt führt in drei Unterprojekten Forschungen weiter, die bisher unter den Titeln "Erzähltes Geschlecht: Unendliche Geschichten in der erotisch-ästhetischen Kultur des letzten Jahrhundertdrittels" und "Grenzen von Geschlecht: Praktiken, Räume, symbolische Formen" standen.
Der neue Titel entspricht der Erweiterung der narratologischen Fragestellungen um eine ästhetische und empirische Analyse und Kritik gesellschaftspolitischer Transformationen. Der Begriff der Prekarisierung wird eingeführt, um an eine Bezeichnungspraxis in der Geschlechter- und Gesellschaftstheorie sowie in der Praxis der politischen Bewegungen anzuschließen, welche die Ambivalenz von Enttraditionalisierung und Individualisierung einerseits und sozialer Unsicherheit und Instabilität andererseits adressiert. Dieser Begriff wird durch das Teilprojekt kritisch bewertet, ausgearbeitet und geschärft. Dabei werden die entstehenden instabilen, überdeterminierten und mithin prekären Subjektivitäten fokussiert.
In der nächsten und letzten Arbeitsphase wird gefragt, wie sich die prekären Entgrenzungen traditioneller Definitionen von Geschlecht und Sexualität in den kulturellen Alltagsverhältnissen bewähren bzw. welchen Einwirkungen sie infolge ökonomischer und arbeitsorganisatorischer Veränderungen ausgesetzt sind. Der Begriff der Prekarisierung erschließt somit aktive, passive und destruktive Effekte von Performativität. Die Frage nach Grenzen und Entgrenzungen von Geschlecht wird beibehalten, aber neu perspektiviert. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie künstlerische und subkulturelle Praxen in Ökonomie und Arbeitsorganisation eingreifen. Das Teilprojekt schließt so eine Lücke in der kulturwissenschaftlichen und speziell ästhetischen Analyse des Zusammenhangs von Sexualität und Gesellschaft.
Das Projekt beteiligt sich am Schwerpunkt "Destruktive Dynamiken".
Unterprojekt 1 (Gert Mattenklott): Verrat und Geschlecht im Zeichen von Prekarisierung
Die Treulosigkeit gegenüber Ideologien, Autoritäten und vermeintlich zeitlosen Standards moralischer Lebensführung ist ein Indiz für unvermeidliche Loyalitätskonflikte des modernen Individuums. Verschrien von den einen, werden die Verräter bei den anderen zu einer geheimen Gesellschaft von "Gesinnungspendlern" und Helden des 20. Jahrhunderts. Noch ehe die liberale Marktwirtschaft die Grenzen der Nationen und ideologischen Blöcke zugunsten einer ökonomischen Globalisierung sprengte, meldete sich weltweit eine kulturelle Avantgarde von Verrätern zu Wort, denen weder Geschlecht, Ethnie oder Klasse, Nation oder weltanschauliche Bindung, Konfession oder politische Solidarität heilig genug war, um sie nicht in einer widersprüchlich mehrfachen Loyalität zu neutralisieren, wenn nicht ganz zu verneinen.
Noch ehe die ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse in der Konsequenz des Neoliberalismus erodierten, arbeitete diese geheime Gesellschaft daran, die kulturellen Fundamente auszuhöhlen und den aufrechten Gang zu verunsichern. Unzuverlässigkeit auf jedem denkbaren Feld ist die Folge. Das UP1 fasst den Verrat daher als kulturelles Paradigma der Prekarisierung. Das Paradox dieses Paradigmas besteht darin, dass es mit der Erosion langfristiger Bindungen und Loyalitäten eine einschneidende soziale Veränderung kennzeichnet, die als kulturelles Pendant zur Erosion und Deregulierung der ökonomischen, politischen und sozialen Verhältnisse gelten kann, dass die Praxis, diese als "Verrat" zu kennzeichnen, jedoch die Anknüpfung an und die performative Wiederholung ebender Traditionen garantiert, deren Aushöhlung sie vornimmt: Etwas "Verrat" zu nennen, reinszeniert genau die Traditionen, die angeblich verraten und aufgegeben werden.
Die Hypothese ist, dass die Figur des Verrats sowohl einen performativen Akt als auch eine Unterbrechung in der Performativität produziert und dass dieses Paradox erlaubt, den spezifischen Zusammenhang zwischen der Prekarisierung persönlicher Verhältnisse und der Deregulierung der Ökonomie darzustellen.
Unterprojekt 2: Durchquerungen: textuelle und visuelle Praktiken, Sexualität und die Prekarisierung von Subjektivität (Renate Lorenz)
Das UP 2 möchte den Begriff der 'Prekarisierung' für eine Betrachtung künstlerischer Arbeiten nutzbar machen und für die Frage, wie diese in gesellschaftliche Verhältnisse intervenieren. Der Begriff der 'Prekarisierung' soll dabei im Sinne Judith Butlers als einer verstanden werden, der es zwar erlaubt, Subjektivitäten jenseits einer 'Identität' und Individualität als veränderbar und sozial zu betrachten, zugleich aber als ein Modus 'anderen ausgesetzt zu sein' von anderen abhängig zu sein.
Im Rahmen des UP 2 soll untersucht werden, unter welchen Umständen künstlerische Arbeiten Subjektivitäten 'prekarisieren'. Wie gelingt es zugleich, eine "Unterbrechung" oder "Potentialität" herzustellen, die einen signifikanten Bruch mit den dominanten Bildern ermöglicht, anstatt das in einer Gesellschaft dominante visuelle/textuelle Material zu reproduzieren.
Die Hypothese, dass eine solche Unterbrechung nicht allein auf der bestimmten Qualität eines Bildes oder Textes entstehen kann, sondern bestimmter sozialer Konstellationen bedarf, soll dabei an konkreten künstlerischen Arbeiten verfolgt werden. Eingeführt wird dabei der Begriff des 'Begehrens' als eine 'Methode', Verbindungen herzustellen oder zu lösen (Probyn 1996). Untersucht werden besonders künstlerische Arbeiten, die sowohl linguistische als auch visuelle Zeichen verwenden und zwar in einer Weise, dass sie Körper repräsentieren, ohne diese zu visualisieren (Installationen und Photographien von Felix Gonzalez-Torres, Henrik Olesen, Zoe Leonard u.a.). Kann eine Potentialität im Rahmen von visuellen/textuellen Praxen entstehen, die ein "trianguläres Theater der Identitäten" (Robinson 1994, vgl. auch Sieg 2002) produziert? Nach diesem Modell könnte eine Gruppe von Betrachter_innen eine besondere soziale Konstellation, eine In-Group herstellen, für die Praktiken als Sexualität lesbar werden, die außerhalb dieser Gruppe, womöglich nur als Anknüpfung an kunsthistorische Positionen verstanden werden.
Oder kann ein "Opak-Bleiben" (Muñoz 1999) Vorbedingung für eine Unterbrechung des Performativen sein? Inwieweit entwickeln sich nicht unter der Bedingung eines gemeinsamen Wissens (z.B. über die gemeinsame "Identität" oder über gemeinsame sexuelle Praktiken), sondern gerade aus Positionen des Nicht-Wissens heraus, neue Formen handlungsmächtiger Subjektivität und sozialer Praxis?
Unterprojekt 3 (Volker Woltersdorff): Sadomasochistische Aufführungen gesellschaftlicher Widersprüche in Kunst, Subkultur und Internet
Das UP 3 möchte sich von einigen selbst formulierten Hypothesen provozieren lassen. Sie lassen sich etwa so formulieren: Das Feld der Macht in den modernen Gesellschaften wird durchgängig von sadomasochistischen Dynamiken durchzogen. Demnach gibt es ein Kontinuum zwischen der sadomasochistischen Subkultur und der Performativität von Macht im Alltag. Begegnen sie dort eher als tabuisierter Subtext, so werden sie in der sadomasochistischen Subkultur und den von ihr inspirierten künstlerischen Arbeiten ins Zentrum gerückt. Dabei ergibt sich eine signifikante Verschiebung. Libidinöse Inhalte und Mechanismen im Wirken der Macht werden nicht einfach decouvriert, sondern ihr Gehalt wird durch eine besondere Rahmung so weit bearbeitet, dass sie allen Beteiligten Lust - und sei es auch eine Schmerz- oder Angstlust - bereiten soll. Während Widersprüche und Ambivalenzen sonst stören und ausgeblendet werden, stellen sie in sadomasochistischen Settings gerade einen besonderen Reiz dar und sollen intensiv durchlebt werden.
Mit der Möglichkeit zu einem spielerischen bzw. fingierendem Umgang mit Widersprüchen und Grenzen stehen subkulturelle sadomasochistische Praktiken in einem engen Verhältnis zu ästhetischen Praktiken.
Das UP3 möchte diese besondere Qualität der Aufführung von Macht in der sadomasochistischen Subkultur, in ihrer virtuellen Ausformung im Internet und in ihren künstlerischen Bearbeitungen betrachten. Daran interessiert vor allem der Mehrwert für das Verständnis und die Kritik der Performativität von Macht, Gewalt, Subjekt, Geschlecht und Gemeinschaft. Deshalb unternimmt das UP den Versuch, "SM" als spielerischen Ausnahmezustand zu beschreiben, in dem Subjektpositionen prekär und vielfältige Grenzen überschritten, suspendiert und reaktualisiert werden.
Eine abschließende Fragestellung besteht darin, ob "SM" als besondere Erkenntnisweise betrachtet werden kann, mit der Einsichten über die besondere Begehrensökonomie gewonnen werden können, mit der alle Beteiligten in die Reproduktion von Herrschaftspositionen eingebunden sind. Darunter fallen die Faszination von Gewalt und Autorität, die Lust an der Transgression und am politisch Unkorrekten, die keine Eigenart der sadomasochistischen Subkultur sind, sondern das kollektive Imaginäre einer Gesellschaft bestimmen.
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