B8 Rückwirkungen der Performanz auf das Sprachsystem: Untersuchungen zur Grammatikalisierung und zur verbalen Gewalt

VORHABEN:

Im Teilprojekt B8 werden die Untersuchungen der vorausgegangenen Projektphase zu den Rückwirkungen der Performanz auf das konventionalisierte System der Sprache weitergeführt und entsprechend der Gesamtkonzeption des SFB auf die sprachlichen Aspekte von Aggression und Gewalt ausgeweitet. Im Mittelpunkt stehen demgemäß die Analyse unterschiedlicher Manifestationen verbaler Gewalt und des Zusammenspiels von Äußerungen und kontextuellen Faktoren, die sprachliche Gewaltakte konstituieren. Auf dieser Basis können Einschreibungen von negativen Bewertungen in das Sprachsystem untersucht werden.

Das Teilprojekt B8 gliedert sich in zwei Unterprojekte: Unterprojekt 1 (UP1) Verbale Gewalt und Unterprojekt 2 (UP2) Zur Rolle der Performanz be Grammatikalisierung.

Unterprojekt 1: Verbale Gewalt
Das neue UP1 nimmt die erweiterte Gesamtkonzeption des SFB auf und wird in der exemplarischen Konzentration auf das Verletzungspotential sprachlicher Handlungen Formen und Bedingungen der performativen Wirkungsmacht der Sprache untersuchen. Ausgangspunkt sind die bisherigen einschlägigen Fachstudien, die drei deutliche, aber bisher wenig vernetzte Schwerpunktbildungen aufweisen: (i) die Analyse des Inventars von Schimpfwörtern, Beleidigungen und diskriminierenden grammatischen Strukturen, die verschiedene Sprachen als Waffenarsenal für verbale Aggressionen ausgebildet haben; (ii) die im eng definierten Kontext von Rassismus- und Genderstudien untersuchten Machthierarchien und (iii) die Höflichkeitsforschung mit ihren Analysen und Typologien von gesichtsverletzenden Akten. Innerhalb dieser Parameter werden einmal die traditionellen Untersuchungen zu den konventionellen Mitteln sprachlicher Gewalt (Intonation, Lexis, Grammatik) fortgeführt und durch umfassendere Vergleiche und neue Fragestellungen angereichert. Daneben wird das Zusammenspiel von kontextuellen Faktoren untersucht, durch das verbale Gewaltakte in den Fällen zustande kommen, wo ein Sprachsystem kein vorfabriziertes Waffenarsenal bereithält. Auf dieser Basis ist dann eine Typologie von Gewaltakten zu entwickeln, die als gemeinsamer Rahmen für die unterschiedlichen lexikalischen Differenzierungen einzelner Sprachen dienen kann.

Sprache kann von Gewalt berichten (reflektierend), zu Gewalt aufrufen (provozierend), Gewalt nachahmen (mimetisch, ritualisierend), aber auch Gewalt ausüben. "How to Do Things with Words" war der Titel einer Vorlesungsreihe, in der J.L. Austin zum ersten Mal den Handlungscharakter von Sprechen in den Mittelpunkt sprachphilosophischer Reflexionen stellte. Zu den Dingen, die man mit Sprache tun kann, gehören auch kommunikative Akte, die für die Angesprochenen nicht wünschenswert oder sogar gewalttätig sein können (z.B. Drohungen, (An)Klagen, Diskriminierungen, etc.). In der Sprechakttheorie hat man diese Effekte sowohl als Aspekte von illokutionären Akten, als auch als perlokutionäre Akte analysiert. Streng genommen können alle kommunikativen Akte, also auch nicht-verbale (Intonation, Gesten), sowie Unterlassungen, d.h. Abwesenheit von Sprechen in Kontexten in denen es erwartet wird, gewalttätig sein. Sprachliche Handlungen, die negative Bewertungen, Vorurteile, Zuschreibungen und Diskriminierungen inszenieren, können darüber hinaus Rückwirkungen auf Vokabular und Grammatik einer Sprache haben, indem sie bestimmte Werthaltungen gleichsam in das sprachliche System einschreiben. Diese Konventionalisierungen von kontextuellen Faktoren ähneln weitgehend den Phänomenen, die bei Grammatikalisierung zu beobachten sind und weiter in UP2 untersucht werden.

Folgende Fragestellungen sind für unsere Arbeiten zentral:
  • Welche konventionalisierten sprachlichen (bzw. kommunikativen) Mittel verbaler Gewalttätigkeit kann man unterscheiden?
  • Welche kontextuellen Parameter bedingen den gewalttätigen Charakter von Äußerungen?
  • In welcher Weise werden negative Bewertungen, Vorurteile und Aggressionen in sprachliche Ausdrücke eingeschrieben und konventionalisiert?
  • Welchen Beitrag kann die Beschäftigung mit sprachlicher Gewalt für die weitere Entwicklung der Sprechakttheorie leisten?
  • Wie kann man die Begriffe 'verbale Gewalt' oder 'gewalttätige Sprechakte' näher definieren?
Unterprojekt 2: Zur Rolle der Performanz bei Grammatikalisierung
Von den in der Forschungsliteratur zur Grammatikalisierung entwickelten Hypothesen über die auslösenden Faktoren von Grammatikalisierung sind zwei für die folgende Laufzeit besonders relevant: (i) Nach einer Auffassung beginnt Grammatikalisierung immer in bestimmten Kontexten, die zu pragmatischen Inferenzen, Reanalyse oder metaphorischer bzw. metonymischer Interpretation "einladen". Grammatikalisierung ist demzufolge immer kontextgebunden und wird auch als kontextinduzierte Re-interpretation bezeichnet (Hopper/Traugott 2003; Heine/Kuteva 2002).

(ii) Die Überschreitungen des Sprachsystems in der Performanz sind jedoch nicht völlig willkürlich, sondern folgen generellen Tendenzen und sind sogar bis zu einem gewissen Grad vorhersagbar. Daher sind einer anderen Auffassung zufolge die Bedingungen für Grammatikalisierung in allgemeinen kognitiven Prinzipien zu suchen. Diese Auffassung beruht auf vergleichenden Beobachtungen von Entwicklungen in einer Vielzahl von Sprachen (siehe z.B. Heine/Kuteva 2002; Heine/Reh 1984; Bybee/Perkins/Pagliuca 1994). Grammatikalisierung wird hier als ein Prozess gesehen, der aufgrund abstrakter Bedeutungsschemata nachgezeichnet werden kann. Dabei werden Grammatikalisierungs-prozesse als lineare Abfolge aufeinander folgender Entwicklungsstadien dargestellt, wobei in der Regel der Anfangs- (source) und Endpunkt (target) die wichtigste Rolle spielen. Ein Beispiel aus dem verbalen Bereich ist die Entwicklung BEWEGUNG > FUTUR.

Im Anschluss an die obigen Ausführungen und an unsere Vorarbeiten soll folgende Fragestellung im Mittelpunkt unserer weiteren Arbeit stehen:

Wie lässt sich die Auffassung von Sprachwandel als sprachspezifische Transgression in bestimmten Kontexten mit der "teleologischen" Annahme von generellen Tendenzen des Wandels vereinbaren?

Unsere Untersuchungen werden sich auf das Spannungsverhältnis zwischen konkreten performativen Akten der kontextbasierten Überschreitung einerseits und generellen übereinzelsprachlich fassbaren Tendenzen des Sprachwandels andererseits konzentrieren und ihre Vereinbarkeit untersuchen. Mit Hilfe von empirischen Studien ist zu klären, welche kognitiven Prinzipien diese generellen Tendenzen des Sprachwandels leiten und ob die in der Literatur formulierten Grammatikalisierungspfade in der postulierten Form Gültigkeit haben oder evtl. revidiert werden müssen. Diese Fragestellungen sollen vor allem für ausgewählte Beispiele von Verben und von bisher wenig beachteten Adjektiven (den sog. "privativen" Adjektiven) genauer überprüft werden.

Literaturangaben
Bybee, Joan/Perkins, Revere/Pagliuca, William: The evolution of grammar: tense, aspect, and modality in the languages of the world, Chicago: University of Chicago Press, 1994.
Heine, Bernd/Kuteva, Tania: World Lexicon of Grammaticalization, Cambridge: Cambridge University Press, 2002.
Heine, Bernd/Reh, Mechthild: Grammaticalization and reanalysis in African languages, Hamburg: Buske, 1984.
Hopper, Paul/Traugott, Elizabeth: Grammaticalization, Cambridge: Cambridge University Press, 2003.

Aus der Thematik und den zentralen Hypothesen des Projekts ergibt sich eine enge Zusammenarbeit mit den Teilprojekten B9, B10, A5, A2 und A3 sowie mit dem Theorieschwerpunkt I (Destruktive Dynamiken und Performativität).


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12.05.2008