B9 Zur Performanz sprachlicher Gewalt oder: Warum Worte verletzen

VORHABEN:

Sprache kann Gewalt nicht nur beschreiben oder androhen, sondern der Sprachgebrauch kann selbst eine Form von Gewaltausübung sein. In der Sprechakttheorie ist diese Verletzungsmacht von Worten (noch) kaum thematisiert: das Sprechen wird zwar als ein Tun, nicht aber als ein 'Antun' begriffen. Die universalpragmatische Kommunikationstheorie versteht Gewalt und Sprache gar als Antipoden. Ausgehend von der Annahme, dass Kommunikation nicht nur als eine Konstruktion des Sozialen, sondern auch als seine Destruktion wirksam werden kann, untersucht das Teilprojekt Begriff und Phänomenbereich sprachlicher Verletzung.

Im vergangenen Zeitraum waren die Dimensionen des Unterlassens und der Leere Forschungsgegenstand, indem es um die Performanz des Schweigens und der Stille ging (How to do things with nothing) und um die Null im Horizont der Frage, wie aus einem Zeichen für das Fehlen der Zahl ein Zeichen für eine wohl bestimmte Zahl wird. Inbegriffen war dabei eine Revision 'konstruktivistischer' und 'generativistischer' Engführungen in Konzepten des Performativen, insofern die Dimensionen des Widerfahrens und der Passivität oftmals unterbelichtet bleiben. Dabei zeigte sich, dass eine Korrektur am 'Erzeugungsparadigma' und am 'konstruktivistischen Flair' im Denken des Performativen noch an einer weiteren Dimension ansetzen kann, nämlich dem Umstand, dass unsere Rede soziale Beziehungen nicht nur erzeugen und bestätigen, sondern auch beschädigen und zerstören kann. Dieser Gewaltdimension des Sprechens (und Schweigens) wendet sich das Teilprojekt nun zu.

Drei Leitfragen kristallisieren sich dabei aus. (i) Warum sind wir durch Worte verletzbar? Zu vermuten ist, dass die Antwort darauf in der 'Doppelkörperlichkeit' von Personen liegt, insofern diese physisch wie gesellschaftlich konstituiert sind. (ii) Wie wird sprachliche Gewalt mit Worten ausgeübt? Hier gilt es, die sozialen Logiken, die rhetorischen Techniken und die 'Grammatiken' der verbalen Verletzung im Zusammenhang mit 'Aberkennungspraktiken' zu untersuchen. (iii) Wieso kann nicht nur das Sprechen, sondern auch der Entzug des Ansprechens, nämlich das Schweigen, verletzen? Am Schweigen werden zwei Dimensionen thematisch, sowohl als kränkende Aktivität eines Täters, wie auch als erlittene Gewalt im Verstummen des Opfers.

UP 1: Symbolische Gewalt: Hegel und die 'Herr/Knecht'-Figur (Hannes Kuch)

Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist die Herr/Knecht-Figur in G. W. F. Hegels Phänomenologie des Geistes. Vermittelt über Alexandre Kojève übte Hegels Herr/Knecht-Dialektik vor allem auf die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts einen starken Einfluss aus und auch in gegenwärtigen Debatten der Sozialtheorie ist sie wirkmächtig. Unter dem Chiffre der 'Negation des Andern' konnten so verschiedenartige Theoretiker/innen wie etwa Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon, Jacques Lacan, Jessica Benjamin oder Judith Butler in je unterschiedlicher Weise das Verhältnis von Identität und Alterität, von Subjektivation und Objektivation, von Indifferenz und Abhängigkeit ausbuchstabieren.

Im Anschluss an die Wirkungsgeschichte des Herr/Knecht-Motivs möchte ich ein genaueres Verständnis von 'symbolischer Macht' oder 'Gewalt' herausarbeiten. Mit einem (post)hegelianischen Blickwinkel steht die Frage im Zentrum, wie man Gewalt, Macht, Asymmetrie oder Destruktivität gerade im Horizont von Anerkennungsbeziehungen verstehen kann. In der Herr/Knecht-Beziehung geht es dem Herrn nämlich, so meine These, nicht nur darum, die Handlungen des Knechts zu bestimmen. Er zielt auch darauf ab, den Knecht als Knecht zu unterwerfen – um selbst als Herr Anerkennung zu finden. Symbolische Gewalt erniedrigt also, sie zwingt nicht; und sie produziert symbolische Macht: nämlich eine Überlegenheit, die anerkannt wird.

In einer performativen Perspektive soll die Wirkungsweise dieses symbolischen Machtverhältnisses verdeutlicht werden: 'Performativ', weil Symbole und Rituale in dieser Dimension Macht nicht 'ausdrücken' oder 'darstellen', sondern zuallererst hervorbringen. 'Performativ' ist dieses Machtverständnis aber auch, weil der Dritte als Zuschauer hier eine entscheidende Rolle spielt: Der Dritte ist der systematische Ort, durch den das Geschehen der Erniedrigung oder Unterwerfung zu einem Schauspiel, zu einer Aufführung wird.

In einer Grammatik symbolischer Macht sollen unterschiedliche Wirkungsweisen herausgearbeitet: 'Sagen' und 'Zeigen' werden als zwei Weisen der Performanz symbolischer Gewalt unterschieden. Dabei soll es nicht nur um ein Sagen, das auch etwas tut (der Sprech-Akt), sowie ein Tun, das auch etwas sagt (Rituale, Gesten, symbolische Handlungen etc.), gehen; sondern auch um Gesten, die sich im Sagen zeigen (Metaphern etwa). Diese Dimensionen sollen anhand 'exemplarischer Szenen' der Geschichte der Sklaverei näher beleuchtet werden: Juridische Deklarationen des Sklavenstatus, die den Sklaven auf ein Ding reduzierten, verdeutlichen den Aspekt 'gesagter' Gewalt; Praktiken körperlicher Züchtigung sind ein Beispiel von 'gezeigter' Gewalt; der Verlust des Eigennamens, durch den Sklaven ihren sprachlichen Platz im Sozialen verloren, kann man als Gesten der Gewalt verstanden, die sich gerade in der Sprache zeigen.

UP 2: Symbolische Verletzbarkeit. Ethik und Gewalt der Rede (Steffen Kitty Herrmann)

Als Wesen aus Fleisch und Blut sind wir durch andere verletzbar. Diese Verletzbarkeit wird gewöhnlich in der Währung des Schmerzes gemessen. Die Folter, so nimmt man daher gerne an, ist genau deshalb ein Extrem der Gewalt, weil sie die körperliche Qual ins Unendliche steigert. Doch schon an der Tortur der Folter lässt sich zeigen, dass das zugefügte Leiden über die körperliche Sphäre hinaus bis weit in unsere Existenz als symbolische Wesen hineinreicht. Nicht allein der Schmerz an der klaffenden Wunde, auch das das Leiden am Anderen, der uns diese Wunde zufügt, spielt hier eine entscheidende Rolle. Ausgang meiner Überlegungen zur Verletzbarkeit ist daher, dass das Erleiden von Gewalt nicht auf den Schmerz reduziert und unsere Verletzbarkeit nicht allein in Begriffen physischer Verwundbarkeit formuliert werden darf. Als Menschen haben wir die Fähigkeit symbolisch verletzbar zu sein und diese Verletzbarkeit, so die Ausgangsthese, kommt wesentlich aus dem Reich der Zeichen, sie bezieht sich auf unser soziales Leben.

Während Hobbes, ausgehend von unserer physischen Verwundbarkeit, den Kampf aller gegen aller zur Urszene menschlicher Sozialität erklärt hat, haben Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Emmanuel Levinas diese Szene wirkmächtig umgeschrieben. Hegel sieht den Kampf um Ehre als Ausdruck unserer symbolischen Verletzbarkeit und verweist damit auf die Abhängigkeit unseres sozialen Lebens von anderen. Wir sind auf symbolische, vorwiegend sprachliche Adressierungen durch andere angewiesen, weil durch sie zu allererst unser soziales Leben gestiftet wird. Dadurch jedoch sind wir verletzungsoffen für Akte symbolischer Gewalt. Für Levinas dagegen zeigt sich im Kampf unsere fundamental ethische Beziehung zum anderen. Aufgrund unserer symbolischen Verletzbarkeit befinden wir uns in einer unhintergehbaren Ausgesetztheit an das Leiden von anderen und sind für diese als verantwortliche Wesen angerufen. Ausgehend von Hegels Figur des Knechts und Levinas Figur der Geisel will ich daher zeigen, dass sich unsere soziale Existenz in einem existenziell-ethischen Wechselspiel zwischen unserem Begehren nach Anerkennung und der Herausforderung der Verantwortung konstituiert. Ethik und Gewalt der Rede sind die zwei Pole, in denen unsere symbolische Verletzbarkeit ihren Ausdruck findet.

Ausgehend von unserer Abhängigkeit und Ausgesetztheit möchte ich im nächsten Schritt dem sozialen Sinn unseres Sprechens freilegen. Unsere Rede, so will ich zeigen, besteht in dieser Perspektive wesentlich darin, Nähe, Berührung und Geborgenheit zu stiften. Das Grüßen, der Eigenname und das Bekanntmachen sollen dazu dienen, eine Perspektive auf unser Sprechen zu eröffnen, in der es weniger um Informationsvermittlung, als um die Hervorbringung unseres sozialen Körpers geht. Dabei sollen auch die Grenzen unserer sprachlichen Ordnung in den Blick geraten. Ich will zeigen, dass sich unsere Rede immer nur vor dem Hintergrund eines Mangels konstituieren kann, der das Begehren des Anderen ungestillt lässt. Das liegt daran, dass die ethische Rede immer mit einer ersten Gewalttat beginnen muss, die Verantwortung für den Andern kann daher nie zu einem Ende kommen. Weit davon entfernt, der Gewalt entgegengesetzt zu sein, nimmt die Ethik im Kontinuum der Gewalt vielmehr den äußersten Platz ein. Unsere symbolische Verletzbarkeit ist unserer sozialen Existenz von vornherein eingeschrieben.

Im Gegensatz zur physischen Gewalt, die auf Kraft und Zerstörung basiert, beruht symbolische Gewalt auf Macht und Produktivität. Sie ist daher nicht in erster Linie destruktiv, sondern transformativ: sie ein Absetzungsakt. In der symbolischen Gewalt verbinden sich daher die zwei Bedeutungsdimensionen des deutschen Gewaltbegriffs: die verletzende Gewalt (violentia) und die einsetzende Gewalt (potestas). Symbolische Gewalt ist wesentlich auf die Figur des Dritten angewiesen. Diese stiftet die Machtbeziehung, durch die andere herabgesetzt werden können. Eine Herabsetzung, die von der Missachtung bis zur Entmenschlichung reichen kann und damit zeigt, dass unsere sprachliche Demütigung bis an die prekären Ränder des Sozialen führen kann. Unsere symbolische Verletzbarkeit, so meine abschließende Überlegung, kann daher in letzter Konsequenz nicht weniger real oder tiefgreifend sein als unsere physische Verwundbarkeit: sie kann im sozialen Tod enden.

UP 3: Schweigen und Verstummen: zur negativen – und positiven – Kraft des Schweigens (Alice Lagaay)

Leitende Hypothese ist, dass sprachliche Gewalt nicht nur mittels der Aktivität des Sprechens, sondern auch mittels der Passivität des Schweigens ausgeübt werden kann. Gleichzeitig ist jedoch auch die subversive Kraft des Schweigens in Gewalt- bzw. Machtverhältnissen zu berücksichtigen. Die Arbeit gliedert sich in fünf Schritte: (1) Verletzen durch Anschweigen: Es werden die negativen Konsequenzen von Anschweigen in intersubjektiven Kontexten expliziert, es geht z.B. um die Frage, unter welchen Bedingungen verbale Exklusion zu sozialem Tod führen kann; (2) Verletzen durch Verschweigen: Geheimnisse und Tabus. Im Falle etwa des Geheimnisses liegt die verletzende Kraft darin, dass gerade durch die Geheimhaltung das Verschwiegene zum Objekt einer Faszination werden und als Projektionsfläche für imaginierte bzw. befürchtete Vorstellungen dienen kann. Das Geheimnis kann sich dadurch potentiell mit einer enormen Bedeutung aufladen, welche mit dem realen Inhalt des Geheimnisses aber möglicherweise wenig zu tun hat. (3) Souveränes Schweigen: Auch das "souveräne" Schweigen der Mächtigen verkörpert eine Form von Unterdrückung; hierzu zählt auch das institutionelle Schweigen von Behörden, die zwar bestimmen und verfügen, gleichzeitig aber nicht antastbar bzw. hörbar sind. (4) Verstummen als Konsequenz von Gewalt: Hier wird sowohl das Nicht-sprechen (können) als eine Reaktion auf Gewalt als auch die 'Sprachlosigkeit der Unterdrückten' (von denen kein Sprechen erwartet wird) thematisiert. (5) Zur subversiven Kraft des Schweigens: Schließlich geht es um die provokative Verweigerung, den Sprechnormen der Gesellschaft zu entsprechen; um ein Schweigen also, das in der Lage ist, die herrschenden Kräfte bzw. sozialen Machtstrukturen performativ außer Kraft zu setzen.


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