Was bedeutet es, wenn wir nach der Performativität nicht eines Handelns, vielmehr eines Unterlassens fragen? Gibt es eine Produktivität des Fehlens von etwas und der Leerstellen? Es geht somit um die 'Kehrseite der Performanz'. Wie kann die Idee des Performativen so profiliert werden, dass die Rückseite der Tat, die immer ein Widerfahrnis ist, die Kehrseite des Machens, das immer ein Empfangen ist, die Grenze des Vollzugs, die immer ein Entzug ist, zutage treten kann? Zwei konkrete Projekte spezifizieren diese Fragen anhand des Schweigens und der Zahl Null.
Unterprojekt 1: Zur Performanz des Schweigens und der Stille oder: How to Do Things with Nothing (Alice Lagaay, EA)
Dieses Projekt baut auf ein vorangegangenes Projekt auf, das sich mit der menschlichen Stimme als Medium der Sprache befasste und die Klanglichkeit, Materialität, Körperlichkeit und Musikalität der Rede zur Geltung brachte. Doch die Beschäftigung mit der Stimme bewirkte nicht nur eine Sensibilisierung für die Stimme, welche sich äußert und einen performativen Überschuss des 'Wie' gegenüber dem 'Was' des Gesagten hervorbringt, sondern auch für die Stimme, welche 'im Halse stecken' bleibt und verstummt: Für ein Sprechen, das sich nicht vollzieht, sondern sich im Schweigen entzieht.
Gerade die an Austin anschließende Sprechakttheorie im analytischen (Searle) und universalpragmatischen (Habermas) Sinne, hat das dem 'positiven' Akt des Sprechens entgegengesetzte Schweigen gerade im Namen der Fokussierung der Performanz weitgehend ignoriert (schon die Ausklammerung des Zuhörers der ja um Hören zu können, schweigen muss, legt davon Zeugnis ab). Dem Schweigen als der Kehrseite des Sprechens nun widmet sich dieses Unterprojekt. Sein Ziel ist es, das Schweigen und die Stille als sprachphilosophisch bedeutsame Phänomene zu 'rehabilitieren' und für eine erweiterte Theorie einer 'negativen Performanz' fruchtbar zu machen. Leitende Hypothese ist, dass die verweigerte Artikulation nicht einfach 'nichts' ist, vielmehr auf höchst komplexe und verschiedenartige Weise bedeutsam werden kann und damit zugleich ein interessantes Licht wirft auf die Frage nach der Entstehung sprachlicher Bedeutung.
Unterprojekt 2: Zur Performanz der Null oder: Wie aus einem Zeichen für das Fehlen einer Zahl ein Zeichen für eine (wohl bestimmte) Zahl wird. Eine Untersuchung zur Produktivität der Leerstelle. (Jan Janzen, EA)
Das Projekt will die exemplarische Neuorientierung untersuchen, welche die Einführung der Zahl Null in das Verständnis Arithmetik und ihrer theoretischen Reflexion in den Wissenschaften mit sich brachte. Bezeichnend ist hierbei, dass sich der historische Rahmen dieses Umbruchs nicht allein auf die Zeit der langsamen Etablierung der Null in der frühen Neuzeit erstreckt, sondern dass die Auswirkungen dieser Veränderung der arithmetischen Sprachform sich mindestens bis zur Zeit der letzten Grundlagenkrise der Mathematik zu Beginn des letzten Jahrhunderts zurück verfolgen lassen, da selbst zu dieser Zeit noch so profunde Denker wie Frege und Russell ihre liebe Müh und Not hatten, dass Wesen der Null bzw. - wie sie zu diesem Zeitpunkt bereits im mengentheoretischen Jargon hieß der leeren Menge angemessen zu klären.
Der Langwierigkeit und Schwere der Krise nach zu urteilen, hat man es in der Beschäftigung mit der Einführung der Null nicht mit einer marginalen Ausweitung der Mathematik zu tun, sondern mit einem tief greifenden Strukturwandel. Ansatzweise kann man diesen wie folgt erklären: Bis zur Einführung der Null konnte relativ problemlos das tradierte Bild gepflegt werden, nachdem Zahlen letztlich als Abstraktionen gegenständlicher Mengen zu verstehen waren; sie waren das, worin drei Götter und drei Zähne übereinstimmten (obwohl vielleicht nicht das einzige). Diese Auffassung wurde nun mit der Einführung der Null unmöglich, da sich diese ganz und gar nicht als aus sinnlich wahrnehmbaren Vielheiten abgeleitet verstehen ließ. Aufgrund der Schwere des Problems wurde die Klärung des Verhältnisses der Null zu den anderen Zahlen lange Zeit erst gar nicht in Angriff genommen, statt dessen wurde wie so oft die Fülle an neuen praktischen Möglichkeiten, die sich im Dezimalsystem boten, genutzt, ohne über eine hinreichende theoretische Fundierung zu verfügen. Erst langsam bildete sich der Wunsch heraus, zu klären, was es mit diesem merkwürdigen Zeichen auf sich habe, das ja ursprünglich allein erschaffen worden war, um die Abwesenheit anderer Zeichen "greifbar" zu machen. Die Irrungen und Wirrungen dieser Geschichte nachzuzeichnen ist die Aufgabe des Projekts.
Unterprojekt 3: Die Produktivität von Leerstellen und die Aisthetik des Abwesenden: über das Performative 'unter negativem Vorzeichen' und die Kehrseite der Performanz (Sybille Krämer, GA)
Ziel dieses Unterprojektes, das eine Gelenkstelle bildet zwischen dem Schweige-Projekt und dem Null-Projekt, ist die Weiterarbeit an Konzept und Theorie des Performativen, indem die Kehrseite eben jener Phänomene betrachtet wird, die gewöhnlich den genuinen Gegenstand von Performanz abgeben: nicht das Handeln, sondern das Unterlassen, nicht der Vollzug, sondern der Entzug, nicht die Präsenz, sondern die Absenz werden also zum Gegenstand der Reflexion. Die leitende Intuition ist, dass dabei ein Sachverhalt zutage treten wird, der zur 'Nagelprobe' eines Denkens des Performativen taugt. Es ist die (philosophische) Frage, wie aus Nichts etwas werden kann und es ist die sich hier also in einer performativen Perspektive abzeichnende Antwort, dass das vermittelnde Glied, die Nahtstelle zwischen 'nichts' und 'etwas' die Leerstelle bildet, mit der wir umgehen und auf die wir uns beziehen können. Kulturelle Praktiken schließen zu einem Gutteil Leerstellen, Lücken, Pausen, Unterbrechungen, Platzhalter ..ein. Die Produktivität unseres Umganges mit Leerstellen offen zu legen, ist also das Thema. Die 'Spur' spielt dabei eine besondere Rolle.
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