Intelligente Formationen
Vogelschwärme. Handy-Dating-Services. Internet-Communities. Demonstranten, die Polizeieinheiten mit der Strategie "Out of Control" überlisten. Online organisierte Zahlungsboykotte von kritischen Kunden. Hooligans. Internationale Terror-Netzwerke. Was haben diese überaus heterogenen Gruppierungen gemeinsam?
Es handelt sich um performative Kollektive. Sie haben keine zentrale Führung, keinen Masterplan, keine festen Strukturen und keine Repräsentation von sich selbst als einem großen Ganzen. Ihr Zusammenhandeln entsteht als Effekt aus lokalen Kontakten und temporären Synchronisierungen.
Diese Formen kollektiver Performanz sind für zahlreiche kulturelle, soziale und politische Transformationen verantwortlich, die sich aktuell vollziehen. Sie bleiben flüchtige, schwer greifbare Gebilde an der Grenze zum Ereignishaften. Und sie können sehr produktiv sein, aber ebenso äußerst destruktiv und gefährlich. Damit stellen sie die Erforschung des Performativen vor eine neue Herausforderung und regen dazu an, die eigenen Begriffe und Konzepte des Performativen zu reflektieren.
Was sind »Kulturen des Performativen«?
Performative Handlungen sind selbstreferenziell, insofern sie das bedeuten, was sie tun. Sie sind wirklichkeitskonstituierend, indem sie soziale Wirklichkeiten hervorbringen und zu verändern vermögen. Institutionelle und soziale Bedingungen bestimmen - ebenso wie die spezifische Aufführungssituation - ihren Verlauf. Wo Kulturen sich in diesem Sinne ereignen, aufeinander treffen, interagieren und sich transformieren, wird Performativität zum Signum ihrer Konstitution, Organisation und Reflexion.
Performative Prozesse sind Transformationsprozesse, die prinzipiell nicht vollkommen planbar, kontrollierbar und verfügbar sind. Sie eröffnen Spiel- und Freiräume, immer wieder taucht in ihnen Ungeplantes, Nicht-Vorhersagbares auf, das den Prozess der Transformation wesentlich mitbestimmt. Intention und Kontingenz, Planung und Emergenz sind in ihnen untrennbar miteinander verbunden.
Der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen untersucht das Verhältnis von Performativität und Textualität sowie die Funktionen und Bedeutungen des Performativen in den großen europäischen Kommunikationsumbrüchen im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne.
Untersuchungsziele und -gegenstände
Worin besteht die transformative Kraft, die spezifische energeia des Performativen, und wie lässt sie sich genauer beschreiben und fassen? Welche Vorgänge öffnen den performativen Prozess für Emergenz?
Ein spezieller Ausgangspunkt für die Entstehung von etwas Neuem ist das Aufkommen einer Leerstelle, eines Hiatus. Eine liminale Phase oder ein Moment reiner Potenzialität vermag dem performativen Prozess einen neuen Verlauf zu geben und ihn in ungeplante - vielleicht sogar ungeahnte - Richtungen zu führen.
Die besondere Kraft, die diesen offenen performativen Prozessen innewohnt, wird untersucht in
- Austausch-, Verflechtungs- und Differenzierungsprozessen, die in der Begegnung europäischer mit nicht-europäischen Kulturen vollzogen wurden/werden und bedeutsame Veränderungen nach sich gezogen haben,
- in performativen Prozessen, die durch Gewalt, Zerstörung, Überwältigung Transformationen herbeiführen, und
- in Prozessen der Partizipation, in denen die Opposition von Handeln und Zuschauen aufgehoben ist.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Durch die Forschungsarbeit der einzelnen Teilprojekte ergeben sich übergeordnete Themen und Fragestellungen, die in vier interdisziplinären Schwerpunkten untersucht werden. Diese heißen:
I Kontaktzonen
II Destruktive Dynamiken
III Synchronisation und Partizipation
IV Performativität, Theoriebildung, Autoreflexivität
Seit 2003 besteht außerdem eine enge Kooperation mit der Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe "Praxis von Gerichtsverfahren" (Leitung: Dr. Thomas Scheffer)
>> detailliertes Konzept, Mitglieder
Grundsteine des performative turn in den Kunst- und Kulturwissenschaften – ein Rückblick
Bei der Konzipierung des SFB wurde von der Hypothese ausgegangen, dass die permanenten Verschiebungen im Verhältnis von Performativität und Textualität als ein wesentlicher Faktor für das Eintreten kulturellen Wandels zu begreifen sind. Im Zentrum des Interesses stand daher die systematische Erforschung von Funktion und Bedeutung performativer Prozesse und ihres Verhältnisses zur Textualität zur Zeit großer Kommunikationsumbrüche der europäischen Kultur. Denn es erschien sinnvoll, die Relation von Performativität und Textualität in Konstellationen zu untersuchen, in denen die Kommunikationsverhältnisse eine neue Wertung erfahren und mithin die Bedingungen der Materialität und Medialität von Kommunikation veränderte Vorgaben für Performativität und Textualität schaffen, wie sich dies zum Beispiel an der Entstehung eines professionellen Theaters als eines multimedialen Massenmediums im ausgehenden 16. Jahrhundert zeigen lässt. Die erste Umbruchsituation, die der SFB untersucht, umfasst das Mittelalter und die Frühe Neuzeit. In diesem Zeitraum sind vor allem vier entscheidende Veränderungen der Kommunikationsverhältnisse zu nennen: die Verschriftlichung der Volkssprachen, die ihren ersten Höhepunkt im 12. Jahrhundert erreichte, die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert, ein verstärkter dialogischer Bezug auf antike Autoritäten sowie die Begegnung mit den neu "entdeckten" Kulturen. Die zweite wichtige Umbruchsituation ist mit der Entwicklung der "neuen" Medien seit dem 19. Jahrhundert gegeben und erstreckt sich bis in die unmittelbare Gegenwart.
Bei der Auswahl dieser Zeiträume ging man davon aus, dass es sich im Sinne dieser Hypothese jeweils um paradigmatische performative turns handelt. Allerdings wurde dabei nie einer naiven linearen Geschichtskonstruktion angehangen, nach der die Erfindung des Buchdrucks die überwiegend performative Kultur des Mittelalters in eine dominant textuelle Kultur verwandelt habe, welche seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert durch die neuen Medien wiederum in eine hauptsächlich performative Kultur transformiert würde. Da in der Folgezeit der Erfindung des Buchdrucks neue performative Formationen wie die commedia dell'arte, das elisabethanische Theater, die Oper u. a. entstanden und die neuen technischen und elektronischen Medien neue Arten der Textproduktion ermöglichen, schien eine solche lineare Konstruktion von Anfang an abwegig. Gleichwohl wurde der Terminus performative turn in der Überzeugung eingeführt, dass derartige Umbrüche in den Kommunikationsverhältnissen die Relation von Performativität und Textualität so entscheidend geändert haben, dass der Ausdruck performative turn in dieser Hinsicht auf einen Paradigmenwechsel verweist.
Von der »Kultur als Text« zur Performativität von Kultur
In den Kulturwissenschaften (d. h. den Geistes- und Sozialwissenschaften) hat sich seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Wechsel der Forschungsperspektiven angebahnt. Dieser Wandel hängt mit einem veränderten Verständnis von Kultur zusammen. Bis in die späten achtziger Jahre dominierte die Erklärungsmetapher "Kultur als Text". Das heißt: Kultur insgesamt wie auch einzelne kulturelle Phänomene wurden als strukturierter Zusammenhang von Einzelelementen aufgefasst, denen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden können. Eine Leistung dieser Forschungsrichtungen, die Kultur als Text auffassen und dementsprechend mit textwissenschaftlichen Methoden arbeiten, besteht vor allem in der Erweiterung und Öffnung des Gegenstandsbereichs. Es wurden nicht mehr nur Texte und Monumente untersucht, sondern auch Rituale, Feste, Demonstrationen u. ä. Dies geschah allerdings nur im Hinblick auf ihre möglichen Bedeutungen, ohne dass ihr spezifischer Ereignischarakter berücksichtigt worden wäre.
Diese entscheidende Herausforderung entstand erst, als Kultur nicht mehr nur als Text verstanden wurde, sondern die Performativität von Kultur in den Blick rückte, wie dies seit den neunziger Jahren zu beobachten ist. Damit verlagerte sich das Interesse stärker auf die Tätigkeiten, Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen und Dynamiken, welche die jeweiligen kulturellen Ereignisse überhaupt erst konstituieren. Der Fokus verschob sich vom Textcharakter zum Ereignischarakter von Kultur. Damit begann die Metapher von "Kultur als Performance" ihren Aufstieg.
Performativität und kultureller Wandel (bisherige Forschungsetappen)
Ziel des SFB war es, eine entsprechende Theorie kultureller Dynamik zu entwickeln, die auf die verschiedenen Arten kultureller Transformationsprozesse abhebt, welche durch Verschiebungen im Verhältnis von Performativität und Textualität in Gang gesetzt werden. Ein weiteres Ziel bestand darin, in den beteiligten Kunst- und Kulturwissenschaften einen performative turn herbeizuführen, in dem das Performative nicht lediglich als eine historisch-phänomenale Beschreibungskategorie eingesetzt, sondern Performativität auch als ein Impuls zu neuen wissenschaftlichen Methoden und Herangehensweisen verstanden wird.
Eines der wichtigsten Ergebnisse der ersten Förderperiode betraf unsere Unterscheidung von Performativität und Textualität. Bei der von uns im Kontext einer Differenzierung des Konzepts des Performativen in ein schwaches, starkes und radikales Konzept (Sybille Krämer) vorgenommenen Bestimmung der radikalen Variante erwies es sich als kontraproduktiv, die Begriffe Performativität und Textualität auch lediglich aus heuristischen Gründen als ein dichotomisches Begriffspaar zu verwenden. Denn wie sich gezeigt hatte, vermag das Performative eine Dynamik in Gang zu setzen, die dazu führt, dichotomische begriffliche Schemata als ganze zu destabilisieren. Ähnlich wie es Austin mit seinem Begriffspaar der performativen und konstativen Äußerungen erging, das seine weiteren Untersuchungen als dichotomische zum Einsturz brachte, ging es uns mit dem Begriffspaar Performativität und Textualität. Textualität erwies sich zunehmend als ein Spezialfall von Performativität, wie es nicht nur in den performativen Prozessen des Schreibens, Aufführens und Lesens von Texten evident wird. Vielmehr ist jeder Prozess der Zeichenverwendung bereits als ein performativer Prozess zu begreifen, der nicht nur immer neue Bedeutungen hervorzubringen, sondern auch neue Wirklichkeiten zu konstituieren vermag.
Es galt daher, wie Austin neu anzusetzen und mit weiteren Differenzierungen zu arbeiten. Tentativ haben wir zunächst eine Unterscheidung nach Feldern kultureller Praktiken vorgenommen und das Wirken des Performativen in den Bereichen Medien, Wahrnehmung, Ritual, Gender und Wissen(-schaft) in eigens dafür eingerichteten Arbeitsgruppen untersucht. Dabei haben die verschiedenen Arbeitsgruppen – ebenso wie die beteiligten Teilprojekte – mit unterschiedlichen Schattierungen des Begriffs des Performativen gearbeitet. Gleichwohl hat sich bei allen zugrundegelegten Semantiken des Begriffs gezeigt, dass für das Performative eine gewisse Janusköpfigkeit in einem ganz bestimmten Sinn als konstitutiv gelten kann: Es erschien sowohl als ein aktiver, intentional eingeleiteter Prozess als auch als ein pathischer Vorgang, als Widerfahrnis, als Kontingenz, als plötzlich eintretendes Ereignis.
Im Spannungsfeld von Planung und Emergenz
In der ersten Förderperiode haben wir performative Prozesse vor allem im Hinblick auf Tätigkeiten des Produzierens, Herstellens, Erzeugens untersucht. Im Mittelpunkt des Interesses stand die hervorbringende Kraft des Performativen. Es ging insbesondere darum zu zeigen, dass in performativen Prozessen nicht etwas Vorgängiges, bereits in einer anderen Ordnung Existierendes lediglich ausgedrückt und repräsentiert wird, sondern transformiert – auch und gerade in Prozessen der Iteration: Es sind diese Prozesse, die das, was in/mit ihnen in Erscheinung tritt, zuallererst hervorbringen. In der zweiten Periode, vor allem in der interdisziplinären Arbeit der Arbeitsgruppen, zeichnete sich dann allmählich das genannte Doppelgesicht des Performativen ab, wenn auch zunächst noch in unscharfen Konturen. So zeigte sich, dass das Performative einerseits dem Subjekt agency verleiht, es ermächtigt, andererseits aber seiner agency Grenzen setzt. Wenn performative Prozesse etwas hervorbringen, dann überwiegend in diesem doppelten Sinn: Es handelt sich anscheinend sowohl um ein aktives Erzeugen als auch um ein Geschehen-Lassen. Immer wieder wurden wir in unseren Untersuchungen damit konfrontiert, dass in den performativen Prozessen Nicht-Geplantes, Unvorhergesehenes auftauchte, das sich der Kontrolle und Verfügungsgewalt einzelner Subjekte zu entziehen schien. Hier trat jeweils unübersehbar das Ereignishafte des Performativen hervor, das wir von Anfang an postuliert hatten. Es schien wesentlich emergenten Erscheinungen und Prozessen geschuldet. Diese galt es daher in der dritten Förderperiode ins Zentrum der Arbeit zu stellen.
Performative Shifts
Ein weiteres wichtiges Ergebnis der zweiten Förderperiode bestand darin, dass unsere anfängliche Überzeugung, es handele sich bei den Kommunikationsumbrüchen im Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit und bei den mit den neuen Medien einsetzenden Modernisierungsprozessen um Paradigmenwechsel, entscheidend verändert wurde. Unsere bisherigen Forschungen sprechen eher dafür, dass die Nachhaltigkeit erst durch einen länger andauernden performative shift erreicht wurde, in dessen Verlauf innerhalb der kulturellen Ordnungen sukzessive bestimmte Funktionen vom Performativen auf Textuelles (im Mittelalter und Früher Neuzeit) übergingen und umgekehrt (in der Moderne). In diesem Gesamtprozess sind allerdings immer auch Gegenbewegungen zu berücksichtigen (s.o.). Dies änderte zwar nichts an der besonderen Eignung der ausgewählten Epochen für die Ziele der Untersuchung, führte jedoch dazu, dass sich mit der Berücksichtigung des performative shift die zeitlichen Schwerpunkte etwas ausweiteten. Der Begriff des performative shift erlaubte es, die Bedeutung historischer Kontinuitäten und langsamer Veränderungsgeschwindigkeiten genauer zu erfassen als zuvor.
Das Performative als transformative Kraft
In der dritten Förderperiode richtete sich die Aufmerksamkeit vor allem auf das Erscheinen und Wirken von Emergenz in performativen Prozessen, mit Resultaten, die für die weitere Arbeit des SFB von großer Bedeutung sein sollen:
Das erste Ergebnis betrifft die generelle Charakterisierung performativer Prozesse. Ob es um die ständige Wiederholung eingeübter Praktiken geht oder um Handlungen, die intentional und geplant auf Veränderung ausgerichtet sind, handelt es sich bei performativen Prozessen stets um Transformationsprozesse, die prinzipiell nicht vollkommen planbar, kontrollierbar und verfügbar sind. Denn da sie keine fest ineinander gefügten kausalen Ketten von Bewegungs- und Handlungsabfolgen darstellen, sondern immer wieder Spiel- und Freiräume eröffnen, taucht in ihnen Ungeplantes, Nicht-Vorhersagbares auf, das den Prozess der Transformation wesentlich mitbestimmt. Intention und Kontingenz, Planung und Emergenz scheinen in ihnen untrennbar miteinander verbunden zu sein.
Das zweite Ergebnis bezieht sich auf ein Phänomen, das in allen Schwerpunkten herausgestellt wurde, weil es offensichtlich in besonderer Weise mit Emergenz verbunden ist, ohne dass es bisher genauer qualifiziert, geschweige denn untersucht werden konnte. Dieses Phänomen wurde als Leerstelle, Hiatus, liminale Phase, Potenzialität u.ä. bezeichnet. Es scheint die Voraussetzung dafür zu bilden, dass etwas emergieren kann, das dem ablaufenden performativen Prozess eine neue Richtung gibt und so zu einer anderen als der vielleicht geplanten Transformation führt. Auf dieses Phänomen wird sich in der vierten Förderperiode unsere Aufmerksamkeit zu richten haben.
Drittens hat sich gezeigt, dass in der großen Breite und Varietät von performativen Prozessen gleichwohl eine gemeinsame, allen diesen Prozessen auf die eine oder andere Art eigene Kraft erkennbar/wirksam ist. Ob es sich um Statusumkehr, Transgression, Entstellung, Verfremdung, Differenzierung handelt, um Experiment, Übersetzung, Umschreibung, Übertragung, Verflechtung, Hybridisierung, um Teilhabe, Austausch, Aushandlung, um Dynamisierung von Symbolsystemen und Räumen, Bewegung, Verräumlichung, soziale Produktion von Raum, symbolische oder atmosphärische Aufladung von Räumen, Synchronisierung, Temporalisierung, um Verkörperung, Einverleibung, Identitätskonstitution und -wechsel – um nur die wichtigsten sowohl in den Schwerpunkten als auch in den Teilprojekten untersuchten performativen Prozesse zu nennen –, immer haben wir es mit Transformationen zu tun, die zum Teil, zumindest vorübergehend, auf ein Resultat, einen neuen Zustand zusteuern, meist aber per se als offene Prozesse angelegt sind, die prinzipiell nicht abschließbar sind. In allen untersuchten Prozessen erwies sich das Performative als eine transformative Kraft sui generis, als eine spezifische energeia, die im Stande ist, kulturellen Wandel zu bewirken. Eine Theorie kultureller Dynamik hat an diesen Befund anzusetzen.
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