Tagungsankündigung:

Kunst der Aufführung – Aufführung der Kunst
Der Aufführungsbegriff als Modell für eine Ästhetik des Performativen

Kunst ist in Bewegung. Theater und Konzertsäle öffnen sich für Installationen und Performances. Galerien machen Platz für Darsteller und Tänzer. Der Gang durch die Stadt ist ein Auftritt. Öffentliche und private Räume werden in ihrer Funktion hinterfragt und zum Ort für ästhetische Erfahrungen. Der Transformation der Räume entspricht eine Neubefragung der zeitlichen Disposition von Kunst. Anfang und Ende, Dauer und Vollzug fallen aus dem Rahmen konventioneller Muster. Kunstwerke werden zu ästhetischer Praxis, deren Kennzeichen die Prozessualität der eigenen Konstitution ist. Betrachter, Zuschauer und Zuhörer sind Teil dieser Bewegung, denn neue Produktionsweisen korrelieren mit veränderten Rezeptionsstrategien. Wahrnehmung wird nicht mehr als passive Aufnahme und Beschäftigung mit statischen Objekten verstanden, sondern als sinnlicher und körperlicher Vorgang, der aktive Teilhabe erforderlich macht. Der Status von Zuschauern und Zuhörern steht auf dem Spiel, wenn ihr Erleben im ästhetischen Vorgang thematisiert wird. Kunst erscheint als Ermöglichungsraum offener Vollzüge, der unterschiedliche Formen ästhetischer Erfahrung bewirken kann. Die Performativierung der Kunst, die die Konzentration auf Werkcharakter und –ästhetik fundamental in Frage stellt, wird zum Paradigma einer Vielzahl ästhetischer Praktiken. Diese Bewegung ist eine besondere Herausforderung für die Analyse.

Ein Modell für die Beschäftigung mit performativen ästhetischen Prozessen stellen die Überlegungen der Theaterwissenschaft zur Analyse von Aufführungen dar. Theater ist eine performative Kunstform par excellence. Die Materialität einer Theateraufführung ist durch die Flüchtigkeit gekennzeichnet, die eine Transformation in bzw. Tradierung durch Artefakte unmöglich macht. Aufführungen existieren nur im Moment ihres Vollzugs vor und mit einem konkreten Publikum. Die gleichzeitige Anwesenheit von Akteuren und Zuschauern macht die besondere Wahrnehmungssituation des Theaters aus. Diese Medialität und die Materialität der Aufführung entfalten eine eigene Dynamik, die der ästhetische Ausweis des Theaters ist.

Ein erweiterter Aufführungsbegriff könnte sich als interdisziplinäre, methodische Klammer erweisen, mit der das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter, Inszenierung und Zuschauer stets mitreflektiert wird. Unter dem Gesichtspunkt der Performativität einer Aufführung sind Inszenierung und Wahrnehmung immer aufeinander bezogen. Durch diese Erweiterung des Verständnisses wäre es möglich, den Begriff der Aufführung auch auf solche kulturellen Prozesse auszuweiten, die sich nicht in erster Linie dem Theater oder überhaupt den Künsten zurechnen lassen, um der Performativität dieser Praktiken gerecht zu werden. Zu diskutieren ist hier, inwiefern der Begriff der Aufführung für die Analyse der Inszenierungs- und Wahrnehmungsprozesse greift. Im Anschluss an diese Prämissen ergeben sich u. a. folgende Fragestellungen:

  • In welcher Weise nimmt Kunst Aufführungscharakter an? Wie lässt sich der Status des Ästhetischen klären angesichts einer zunehmenden Entgrenzung der Kunst? Wie lässt sich dieser Aufführungscharakter beschreiben und analysieren?
  • Welche Wahrnehmungsprozesse finden in Aufführungen statt? Wie lassen sich diese Wahrnehmungsprozesse beschreiben und analysieren? Wie lenken Aufführungen Wahrnehmungsprozesse?
  • Wie lassen sich die verschiedenen Phasen der Versprachlichung und Verschriftlichung zwischen Aufführung und Analysetext zum Gegenstand machen? Welchen Status haben Videodokumentationen, Texte oder Partituren?

Um diesen Fragen nachzugehen, lädt das Projekt "Ästhetik des Performativen" im Sonderforschungsbereich "Kulturen des Performativen" an der Freien Universität Berlin zu einer interdisziplinären Tagung ein. Dabei soll nach der heuristischen Leistungsfähigkeit des Aufführungsbegriffs für die Auseinandersetzung mit kulturellen Praktiken in folgenden unterschiedlichen Bereichen gefragt werden:

  • Architektur
  • Bildende Kunst (Installationen, Theatralisierung von Ausstellungen), Kunst im öffentlichen Raum
  • Performancekunst
  • Neue Musik, Konzerte
  • Sprech-, Musik- und Tanztheater
  • Film, Neue Medien
  • Mode, Politik, Sport



TeilnehmerInnen:
Thomas Alkemeyer (Oldenburg), Gabriele Brandstetter (Basel), Christa Brüstle (Berlin), Michael Eigtved (Kopenhagen), Hinderk Emrich (Hannover), Erika Fischer-Lichte (Berlin), Susan Foster (UC Los Angeles, USA), Jochen Gerz (Paris), Barbara Gronau (Berlin), Dorothea von Hantelmann (Berlin), Hermann Kappelhoff (Leipzig), Swantje Kühn (Berlin), Gertrud Lehnert (Potsdam), Jon V. McKenzie (Dartmouth College, USA), Gesine Moritz (Köln), Herfried Münkler (Berlin), Robert Pfaller (Linz), Clemens Risi (Berlin), Jens Roselt (Berlin), Sabine Schouten (Berlin), Eva Schürmann (Darmstadt), Sandra Umathum (Berlin), Christel Weiler (Berlin) u.a.









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