Tagung im Rahmen des Sonderforschungsbereiches ‘Kulturen des Performativen'
an der Freien Universität Berlin

12. und 13. Oktober 2001
(organisiert von Jutta Eming, Annette Jael Lehmann, Irmgard Maassen)

‘On the Cutting Edge' -
Intermediale Performanzen im historischen Wandel

Moderne digitale Technologien wie Video, Computer oder CD haben die Grenzen zwischen den Medien durchlässig gemacht und zugleich zu Zonen neuer multisensorischer Erfahrungen werden lassen. Diese medialen Transformationen werden zunehmend in vielfältigen ästhetischen Praktiken, Installationen oder Performances gespiegelt und erkundet. Doch nicht erst die Künste der Gegenwart und der Avantgarde sind durch Hybridbildungen und Synthesen von textuellen, akustischen und visuellen Medien geprägt - in allen Epochen haben künstlerische Praxis und ästhetische Reflexion sich von den Möglichkeiten fasziniert gezeigt, die in Über- und Grenzgängen zwischen verschiedenen Medien liegen, und haben Künste sich materiell oder metaphorisch das Ausdruckspotential anderer Künste zueigen gemacht.

Bekannte Szenarien dieser intermedialen Auseinandersetzungen seit dem Mittelalter gruppieren sich um den Übergang von oralen zu schriftgebundenen Kulturen, um die Einführung des Buchdrucks, aber auch um die Etablierung des neuzeitlichen Theaters, die Erfindungen von Photographie, Film und digitalen Medien. Anders als vielfach angenommen, werden dabei ‘alte' von ‘neuen' Medien nicht einfach verdrängt, sondern treten in Prozesse wechselseitiger Appropriation und Stimulation ein. Die Tagung will an Beispielen aus unterschiedlichen Epochen Momente dieser intermedialen Verhandlungen als Phänomene des Performativen erkunden. Das Konzept der Performativität verschiebt den Fokus der Kunstbetrachtung vom fertigen Werk und seiner fixierten Bedeutung auf die Wahrnehmungsprozesse, die das Werk - und im Rezeptionsakt zugleich immer den Rezipienten - erst konstituieren, und rückt Perspektivierungen, Materialität und medial simulierte Körperlichkeit in den Vordergrund.

Die Tagung soll nicht nur eine Gelegenheit zum epochenübergreifenden Vergleich des Umgangs mit Medienwechseln, sondern, darauf aufbauend, auch zu grundsätzlicheren Überlegungen bieten: In welche historischen Funktionszusammenhänge sind transmediale Performanzen in den Künsten jeweils eingebunden? Wie weit lassen sich Begriffe wie ‘Intermedialität' und ‘Hybridität' sinnvoll auf künstlerische Konzepte früherer Epochen applizieren? Welche Korrekturen wären angesichts der historischen Ubiquität von medialen Umbrüchen und Ausdifferenzierungen an der Vorstellung eines gegenwärtigen ‘Medienzeitalters' vorzunehmen? Wie verhält sich die bekannte - und auch vielfältig belegte - kulturpessimistische These, daß Medienwandel mit Verlusterfahrungen einhergeht, zu dem Befund, daß neue Medien oft emphatisch aufgegriffen und äußerst produktiv umgesetzt werden? Wie manifestieren sich in den Konkurrenzen der Medien um kulturelle Hegemonie die Rivalitäten unterschiedlicher gesellschaftlicher Kräfte um politische Autorität? Welche Bedeutung kommt medialen Transformationen und Metamorphosen insbesondere bei der (De)Konstruktion von nach Geschlecht, Klasse und Ethnie differenzierten Identitäten zu?

In drei Sektionen, die jeweils unterschiedlichen medialen Synthetisierungen und Übergängen gewidmet sind, soll diesen und verwandten Fragen nachgespürt werden:
‘Auge><Ohr' (über visuelle und akustische Medien)
‘Körper><Multimedia' (über theatrale und multimediale Performances)
‘Text><Bild' (über textuelle und visuelle Dimensionen).


DAS PROGRAMM

Fr, 12. Oktober 2001

TEXT UND BILD
9.00 Begrüßung
9.30 – 10.15 W.T.J. Mitchell (Chicago): Addressing Media

10.15 – 11.00 Kathryn Starkey (Chapel Hill, NC): From performance to the written word:
Visualizing voice and perspective in Wolfram's von Eschenbach 'Willehalm'

Kaffeepause

11.30 – 12.15 Bernhard F. Scholz (Groningen): 'Body' and 'Soul' in Early Modern
descriptions of word-image-relations: The case of the Renaissance Impresa

12.15 – 13.00 Renate Brosch (Potsdam): Staging Spectatorship: Victorian Ekphrasis

Lunch

14.30 – 15.15 Joachim Paech (Konstanz): Figurationen der Intermedialität in Jean-Luc
Godards 'Histoire(s) du Cinéma'

Kaffeepause

AUGE UND OHR
15.45 – 16.30 Christa Brüstle (Berlin): Klänge sehen - Konzepte audiovisueller Kunst

16.30 – 17.15 Eckhard Schumacher (Köln): '...never the live, always the 'live'" -
Intermedialität und Authentizität im Pop-Diskurs

ab 20 Uhr: gemeinsames Abendessen


Sa, 13. Oktober 2001

9.30 – 10.15 Hildegard Elsiabeth Keller (Zürich): Medien und ihre Sinne. Hochmittelalterliche Performanz für Aug und Ohr

10.15 – 11.00 Sabine Fabo (Aachen): Intermedia light – Zur Erfüllung synästhetischer Phantasien in Echtzeit

Kaffeepause

KÖRPER UND MULTIMEDIA
11.30 – 12.15 Christina Lechtermann (Berlin): Kontrollierte Bewegung und bewegende
Kontrolle in der höfischen Literatur

12.15 – 13.00 Valerie Lucas (London): Masculine-Feminines: Female transvestites in early modern England

Lunch

14.30 – 15.15 Annette Graczyk (Berlin): Der Zoo als Tableau

Kaffeepause

15.15 – 16.00 Doris Kolesch (Berlin): Intermediales Sehen. Robert Wilsons Dantons Tod.
Oder: Das nomadische Auge und das Archiv der Geschichte

16.00 – 17.30 Annie Loui (Irvine): Alice's Adventures: A multi-media production involving interaction between live performers, projected animation and voice processed text



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