Tagungsankündigung:

Lachgemeinschaften. Kulturelle Inszenierungen und soziale Wirkungen von Gelächter im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit.

Internationale Tagung an der Humboldt-Universität zu Berlin. 3.-5. April 2003

Exposé

"Lachen" und "Gelächter" sind Begriffe, die im Zentrum einer grundsätzlichen Umakzentuierung in der neueren Komikforschung stehen, welche weniger nach dem Wesen des Lachens fragt, als nach seinen Funktionen, seiner kulturellen und sozialen Einbettung sowie literarischen Inszenierung in unterschiedlichen historischen Epochen. Im Unterschied zur hohen Bedeutungsvarianz des Lachens bezeichnet Gelächter präziser die Prozessualität und Dynamik eines lauten, körperlich bestimmten Lachens einer Gruppe von Personen. Im Kollektivsubstantiv Gelächter wird das Lachen als Gruppenphänomen erkennbar, das sich innerhalb einer sozialen Interaktion, eines Vorgangs vollzieht, deren Teilnehmer auch als "Lachgemeinschaft” bezeichnet werden können. Diese Lachgemeinschaft ist jedoch notwendigerweise sozial und historisch gebunden, da die Teilnehmer erstens anwesend sein müssen, und zweitens nur über etwas lachen können, wenn sie von ihrem konkreten sozialen und kulturellen Hintergrund her ähnliche Voraussetzungen (Erwartungsschemata) mitbringen. Der Begriff der Lachgemeinschaft (analog zu der etwa von Diskursgemeinschaft) ermöglicht es uns, Gelächter in seiner sozialen Funktion historisch besser zu verorten und zu verstehen.

Bei der Tagung geht es um Formen der Inszenierung von Gelächter als Mittel zur Konstitution von Gemeinschaften und ihren jeweiligen Außenseitern in Mittelalter und Früher Neuzeit. In jeder Gesellschaft treten neben Institutionen und rationalen Übereinkünften Kommunikationsweisen in Erscheinung, die codiert sind und performativ aktualisiert werden, um soziale Positionen festzulegen. Gerade in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaften, in der solche Positionen oft durch Ehre vergeben werden, kommt dem Lachen eine zentrale Bedeutung zu, um Zugehörigkeit und Ausgeschlossenheit zu markieren.
Dieser Aspekt soll unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Lebensformen und sozialen Gruppen der genannten Epoche untersucht werden. Er zeigt sich besonders offensichtlich im Konfliktfall, wenn zum Beispiel bei verschiedenen mittelalterlichen Rügebräuchen ein Einzelner von einer Gruppe meist junger Männer verspottet wird. Lachen erscheint hier als ein Mittel neben anderen, oft gewaltsameren, um eine Normabweichung zu ahnden. Eine solche kann aber durch Gelächter auch bestätigt werden, wenn wir an die Provokationen von Narrenfiguren denken. Träger von Macht werden durch Lachen herausgefordert, können es sich aber auch als Herrschaftsmittel zunutze machen, indem sie Gegner der Lächerlichkeit preisgeben.
Doch konstituieren sich Lachgemeinschaften nicht allein durch die Grenze zwischen Lachern und Ausgelachten. Manche Lachgemeinschaften bekräftigen durch gemeinsames Lachen eher Zugehörigkeit, als daß sie den Außenseiter markieren, Mitlachen rangiert vor Auslachen. Die humanistische Lachgemeinschaft, wie sie etwa in den Facetien auftaucht, ist schärfer durch ihre Mitglieder konturiert, als durch die amorphe Masse der indocti, auf deren Kosten der Scherz oft geht. Schon in diesen beiden Beispielen zeigt sich die Verschiedenheit der sozialen Milieus und Orte, der Alters- und Bildungsunterschiede, kurz gesagt, der Lebensformen. Familie und Nachbarschaft, Dorf und Stadt, Universität und Reichstag, Kirche und Laien, Zunft und unehrliche Berufe sind soziale Systeme, die nur makroskopisch als eigene Gebilde erkennbar sind. Die historischen Individuen aber sind immer in mehrere dieser Systeme integriert. Gemeinschaftsgefühl und gemeinschaftliches Handeln entsteht daher oft genug ad hoc in bestimmten Situationen, aufgrund konkreter Handlungszusammenhänge. Anlässe, Formen und Orte des Gelächters, aber auch Versuche, das situative Lachen zu kontrollieren (etwa durch juristische Vorschriften) sind die intendierten Untersuchungsfelder, in denen sich die performative Seite sozialen Handelns und damit auch des Lachens zeigt..

Bisher sind die sozialen Funktionen und Formen des Lachens und Auslachens noch kaum untersucht worden. Lachen ist zwar seit Freud als "sozialer Vorgang" bestimmt worden, aber die Fragen nach dem wirklichkeitsverändernden Potential von Lachperformanzen und den Bedingungen der Herausbildung historisch und gesellschaftlich spezifischer Lachgemeinschaften sind weitgehend vernachlässigt worden. Deshalb erscheint es uns interessant und wichtig, in interdisziplinärer Zusammenarbeit aus der mediävistischen und frühneuzeitlichen Forschung weiterführende Aufschlüsse über folgende Ausgangsfragen zu gewinnen auf einer Tagung gemeinsam herauszuarbeiten: Inwieweit fungiert Gelächter als Katalysator von Verlaufsformen sozialen Handelns sowie von Gruppen- und Institutionsbildung? Was sind die kulturellen Formen der Inszenierung von Gelächter?


Teilnehmer

Prof. Dr. Gerd Althoff, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Prof. Dr. Klaus Grubmüller, Georg-August-Universität Göttingen

Dr. Katja Gvozdeva, Humboldt-Universität Berlin

Dr. Maria Javor-Briski, Universität Ljubljana

Dr. Malcolm Jones, University of Sheffield

Prof. Dr. Hildegard Elisabeth Keller, Universität Zürich

Prof. Dr. Jelle Koopmans, Universiteit van Amsterdam

Prof. Dr. Helga Kotthoff, Pädagogische Hochschule Freiburg

PD Dr. Wolfgang Maaz, Freie Universität Berlin

Prof. Dr. Jan-Dirk Müller, Ludwig-Maximilians-Universität München

Prof. Dr. Stephen C. Nichols, Johns-Hopkins University, Baltimore

Prof. Dr. Herman Pleij, Universiteit van Amsterdam

Prof. Dr. Werner Röcke, Humboldt-Universität Berlin

Dr. Jens Roselt, Freie Universität Berlin

PD Dr. Thomas Scharff, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Prof. Dr. Bernhard Scholz, Rijksuniversiteit Groningen

Prof. Dr. Bernhard Teuber, Ludwig-Maximilians-Universität München

Dr. Hans Rudolf Velten, Humboldt-Universität Berlin

Dr. Frank Wittchow, Humboldt-Universität Berlin

Prof. Dr. Gerhart Wolf, Universität Bayreuth





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