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Tagungsankündigung:

RHYTHMUS IM PROZESS
Internationale Tagung des Sfb 447 "Kulturen des Performativen"

Organisation:
Dr. Christa Brüstle (B2, Musikwissenschaft, Freie Universität Berlin),
Nadia Ghattas M.A. (A1, Ältere deutsche Literatur, Humboldt-Universität Berlin),
Dr. Clemens Risi (B1, Musik- und Theaterwissenschaft, Freie Universität),
Sabine Schouten M.A. (B1, Theaterwissenschaft, Freie Universität)

Tagungstermin: 1.-3. April 2004 in Berlin
Tagungsort: Institut für Theaterwissenschaft der FU Berlin, Grunewaldstraße 35, 12165 Berlin - Hörsaal

Kontakt: rhythmus2004@gmx.de, Telefon +49-30-838503-50 oder -24,
Fax +49-30-838503-65, Grunewaldstraße 35 - 12165 Berlin

Im Rahmen der Tagung sollen als Kristallisationspunkte insbesondere die Themenkomplexe Rhythmus-Wahrnehmung, Bewegung und Intermodalität diskutiert werden. Eingeladen sind Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Disziplinen (Filmwissenschaft, Kunstwissenschaft, Linguistik, Literaturwissenschaft, medizinische Psychologie und Chronobiologie, Musikethnologie, Musikpsychologie, Musikwissenschaft, Psychologie, Rhythmus-Pädagogik, Soziologie, Sportwissenschaft, Tanzwissenschaft, Theaterwissenschaft). Dabei soll sich der Begriff des Rhythmus als eine interdisziplinäre Klammer erweisen, um den verschiedenen performativen Wahrnehmungsvorgängen und Handlungsvollzügen auf die Spur zu kommen.

Rhythmus ist ein performativer Prozess: Strukturierung und Wahrnehmung von Zeit. Welche kulturellen Praktiken auch immer in den Blick geraten: Rhythmische Verläufe sind konstitutiv für eine Vielzahl von Handlungen und Wahrnehmungsakten. Rhythmen sind grundsätzlich Phänomene, die sich in der Zeit ereignen, ob akustisch, visuell oder haptisch. Das heißt zugleich, dass Rhythmen nicht an eine spezifische Sinnesmodalität gebunden sind, selbst rhythmisches Riechen oder Schmecken ist denkbar. Sie strukturieren unsere Zeiterfahrung – ob nun im Sport, im Konzert, im Theater oder in der Literatur –, indem sie Prozesse in Ereignisse längerer oder kürzerer Dauer einteilen. Dabei wird die rhythmische Wahrnehmung nicht von einem zukünftigen Ergebnis bestimmt, sondern von der aktuellen sinnlichen Erfahrung. Es ist der tätige Vollzug unserer Wahrnehmung, der gegebene Reize als zeitliche Bewegungsmuster erkennbar werden lässt, Akustisches und Visuelles – um nur zwei Bereiche zu nennen – synthetisiert und zugleich in hohem Maße auf unsere Befindlichkeit einzuwirken vermag. Indem vorgegebene Rhythmen und subjektive Rhythmisierungen in Relation zueinander stehen, wird deutlich, dass gerade beim Rhythmus in dieser Doppelperspektive Inszenierung und Wahrnehmung fortwährend aufeinander bezogen sind.

Rhythmus ist ein fließender Prozess: Der Rhythmusbegriff im Wandel. Rhythmus steht in Zusammenhang mit einer vergangenen Erfahrung, mit der Erinnerung an diese Erfahrung und mit einer in die Zukunft gerichteten Erwartung. Bewegungen in der Zeit werden dabei häufig auf einen zugrundeliegenden Puls bezogen: Um einen Rhythmus wahrzunehmen, stellt man sich auf eine bestimmte zeitliche Struktur ein und antizipiert die Fortsetzung. Rhythmus impliziert dabei nicht nur Regelmäßigkeit, sondern auch Störung, Bruch und Pause, Differenz und Diskontinuität. Neben diesem Rhythmusbegriff, der von einer bis in die Antike zurückreichenden theoretischen Diskussion gestützt wird, ist zugleich aber auch über einen erweiterten Rhythmusbegriff nachzudenken, der Phänomene integriert, die nicht auf einen regelmäßigen Grundpuls bezogen sind, aber dennoch als rhythmisch empfunden werden.

Rhythmus ist ein körperlicher Prozess. Für den Zusammenhang von Performativität und rhythmischer Wahrnehmung erscheinen uns fünf Aspekte relevant: (a) Das Verhältnis von Zeit, Ordnung und Bewegung, (b) die Intermodalität der rhythmischen Wahrnehmung, insbesondere im Sinne einer gegenseitigen Verstärkung oder Abschwächung einzelner Sinneswahrnehmungen, (c) die physiologischen und kognitiven Bedingungen der rhythmischen Wahrnehmung und subjektiven Rhythmisierung, (d) die Spannung zwischen sinnlicher Erinnerung, Erfahrung und Erwartung und (e) die körperliche Wirkung als affektive Teilhabe oder Abgrenzung zum rhythmischen Erleben.

Im Rahmen unserer Tagung sollen u. a. folgende Fragen diskutiert werden:
Wie wird Rhythmus wahrgenommen? Wie strukturiert Rhythmus unsere Zeiterfahrung?
Welche Rolle spielt Rhythmus für die verschiedenen Künste, Medien etc.?
Inwiefern nehmen rhythmische Prozesse Einfluss auf körperliche Befindlichkeiten?
Wie verschmelzen intermodal erfahrbare Rhythmen im Prozess der Wahrnehmung?
Inwiefern lässt sich der traditionelle Rhythmusbegriff auf aktuelle künstlerische Praktiken anwenden?
Inwiefern ist von einem Wandel der Rhythmus-Definitionen auszugehen?
Kann man noch von rhythmischen Prozessen sprechen, wenn diese nicht mehr auf einen zugrundeliegenden Puls bezogen sind?
Inwiefern ist der Rhythmus nur als Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität zu denken?

TAGUNGSPROGRAMM

Donnerstag, 1.4.04


14:00-14:30 Eröffnung: Erika Fischer-Lichte (Berlin)
14:30-15:00 Rhythmus im Prozess?!
Einführung von Christa Brüstle, Nadia Ghattas, Clemens Risi, Sabine Schouten (Berlin)
15:00-15:45 Albrecht Riethmüller (Berlin): Impuls und Rhythmus. Vom Zählen als performativem Akt
15:45-16:15 Kaffee
16:15-17:00 Patrick Primavesi (Frankfurt/Main): Markierungen. Zur Kritik des Rhythmus im postdramatischen Theater
17:00-17:45 Gabriele Klein (Hamburg): Dis/Kontinuitäten. Körperrhythmen, Tänze und der Sound der postindustriellen Stadt
17:45-18:00 Kaffee
18:00-18:45 Dorothea von Hantelmann (Berlin): Der Rhythmus des Bildes
18:45-19:30 Gabriele Brandstetter (Berlin): "Rhythmus als Lebensanschauung". Zum Bewegungsdiskurs um 1900
19:30-20:30 Empfang

20:30 "Heiße Rhythmen aus dem Ausland" von und mit Jürg Kienberger (Schweiz)

Freitag, 2.4.04

10:00-10:45 Bernd Pompino-Marschall (Berlin): Phonetische Rhythmuswahrnehmung
10:45-11:30 Reinhard Kopiez (Hannover): Rhythmuswahrnehmung und Rhythmusperformance: von den hörpsychologischen Grundlagen zu den ästhetischen Konsequenzen
11:30-12:00 Kaffee
12:00-12:45 Till Roenneberg (München): Die biologische Uhr: von Molekülen bis zum Verhalten
12:45-14:45 Mittag
14:45-15:30 Volker Mertens (Berlin): Was ist Rhythmus im Minnesang?
15:30-16:15 Eske Bockelmann (Chemnitz): Das rhythmische Subjekt
16:15-16:45 Kaffee
16:45-17:30 Caroline Torra-Mattenklott (Zürich): Rhythmische Figuration als Strukturprinzip in Prousts ,A la recherche du temps perdu'
17:30-18:15 Elk Franke (Berlin): Rhythmus als Formungsprinzip im Sport
18:15-19:00 Martha Brech (Berlin): Rhythmus und Metrum in der Perkussionsmusik im
20. Jahrhundert

19:00-20:00 Pause

20:00 Lecture Performance: Robyn Schulkowsky (Percussion)

Samstag, 3.4.04

10:00-10:45 Stefanie Diekmann (Frankfurt/Oder): Tanz-Arbeit. Über Sidney Pollack, >They Shoot Horses, Don't They?< (1969)
10:45-11:30 Robin Curtis/ Marc Glöde (Berlin): Haptische Rhythmen: Visuelle Intervalle in der filmischen Wahrnehmung
11:30-12:00 Kaffee
12:00-12:45 David Lidov (Toronto): Errors in the Musical Theory of Meter
12:45-13:30 Christiane Gerischer (Berlin): Mikrorhythmische Interaktion in afro-brasilianischen Rhythmen – Zum Verständnis von Groove-Phänomenen

TEILNEHMERINNEN UND TEILNEHMER:

Eske Bockelmann (Chemnitz), Gabriele Brandstetter (Berlin), Martha Brech (Berlin), Christa Brüstle (Berlin), Robin Curtis (Berlin), Stefanie Diekmann (Frankfurt/Oder), Erika Fischer-Lichte (Berlin), Elk Franke (Berlin), Christiane Gerischer (Berlin), Nadia Ghattas (Berlin), Marc Glöde (Berlin), Dorothea von Hantelmann (Berlin), Jürg Kienberger (Zürich), Gabriele Klein (Hamburg), Reinhard Kopiez (Hannover), David Lidov (Toronto), Volker Mertens (Berlin), Bernd Pompino-Marschall (Berlin), Patrick Primavesi (Frankfurt/Main), Albrecht Riethmüller (Berlin), Clemens Risi (Berlin), Till Roenneberg (München), Sabine Schouten (Berlin), Robin Schulkowsky (Berlin), Caroline Torra-Mattenklott (Zürich) u.a.


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